Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, ist es wirklich sicher, in China ein Flugzeug zu besteigen. Ernsthafte Unfälle gab es schon seit Jahren nicht mehr, die meisten Airlines sind mit modernsten Maschinen ausgestattet, die großen Flughäfen gehören zu den weltweit besten und die Luftüberwachung übernimmt das Militär. Der letzte wirkliche Absturz war vor drei Jahren. Allerdings wirft dabei die Kombination aus fragwürdiger Airline (Henan Airlines), usseliger Machine (eine alte, brasilianische E-190) und dem Kaff, das Flugziel war (Yichun, 1.3 Millionen Einwohner, also quasi das Schneppenhausen Chinas) die Frage auf, wie diese Flugverbindung überhaupt je funktioniert hat. Abstürzen tut man also schon mal nicht so leicht hier – was nicht heißt, daß man sich das nicht manchmal wünschen würde, allein um die Zeit an Bord zu verkürzen. Fliegen in China ist sicher, schön ist es nicht.

Leider ein Fake, Bambusfressende Großpandas sind bestimmt noch das kleinere Übel (Quelle: http://www.dailymail.co.uk)
Große Teile sind dabei sogar erstaunlich angenehm: Check-In schnell und effizient, Sicherheitskontrollen deutlich freundlicher und grabbelärmer als in Deutschland und sogar ich kann mich problemlos orientieren (und ich bin in Bayreuth gelandet als ich nach Dresden fahren wollte).
Beijing z.B. ist dabei weltweit einer meiner Lieblingsflughäfen. Nach Passagieraufkommen der zweitgrößte der Welt und nach Fläche sogar das größte Gebäude der Welt, trotzdem kommt man innerhalb von Minuten überall schnell und einfach hin. In Frankfurt ist das umgekehrt.
Alles also grandios – bis zum Gate. Meistens steht da schon mal kein Flugzeug. Zumindest so gut wie nie zu der angegebenen Zeit. Wenn sich noch einmal jemand in Deutschland über verspätete Flüge beschwert, ziehe ich ihm persönlich einen Dumpling über den Kopf. Dabei gibt es hier so gut wie nie Informationen. Im Augenblick fliege ich jede Woche mindestens zwei mal, dabei führe ich wöchentlich mindestens einmal folgendes Gespräch:
“According to departure information, the flight is on time but I can not see the plane – is it delayed?”
“Yes Sir, the plane has not arrived yet.”
“Do you know when it is arriving?”
“Maybe you come back in 30 minutes?”
“Will the plane be here by then?”
“Come back in 30 minutes.”
Das ganze geht dann meist 2-3 Stunden so. Ich weiß ja mittlerweile selbst, wie aussichtslos es ist nach Informationen zu fragen, kann es aber dennoch nicht lassen. Einer meiner größten Alltagsängste ist es, einen Flug zu verpassen weil ich zu dämlich war. Was übrigens nicht so unwahrscheinlich ist. Verspätungen jedenfalls sind hier eher die Regel. Dafür gibt es mehrere Erklärungen, die alle schlüssig erscheinen:
- 300 Millionen Passagiere jedes Jahr, aber mit Flugkorridoren knausern (das Militär beansprucht die meisten)
- Wenn ein hohes Parteimitglied fliegt, wird der Luftraum angeblich für kurze Zeit gesperrt (die 200 Mitglieder des Zentralkomitees hätten mich damit alleine schon drei Tage Lebenszeit gekostet)
- Es schneit (aber das scheint ja auch Frankfurt jedes Jahr wieder zu überraschen)
Woran auch immer es liegt, wenn ich plane um Acht zuhause zu sein, stand ich bisher noch nie vor Mitternacht vor der Tür.
Richtiges Leid setzt aber erst beim Besteigen des Flugzeuges ein. Während die Stewardessen meistens doch sehr freundlich sind, können auch sie nichts gegen den Innenraum und das Essen ausrichten. In meiner Firma gilt die Regel: bis 4 Stunden Flugzeit wird Eco geflogen. Nachvollziehbar und vernünftig, trotzdem unangenehm. Durch die Bank abgerockte Sitze, die meiner Ansicht nach wirklich deutlich schmaler sind als in Europa. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu fett geworden. Ändert nichts daran, daß ich auf Inlandsflügen in China mehr intensiven Körperkontakt hatte, als in meiner gesamten Teenagerzeit. Leider weniger freiwillig.
Vor zwei Monaten ein persönlicher Rekord. Ich hatte einen wenigstens einigermaßen angenehmen Fensterplatz, als ich ein Mann den Gang entlangkommen saß, bei dessen Anblick ich sofort dachte: “Oh Gott. Die arme Sau, die neben ihm sitzen muss.” Ein Riese. Ein breiter, glatzköpfiger, westlicher Riese. Ich will nicht übertreiben, aber ich bin mir sicher, die Flügel hätten sich bei jedem seiner Schritte merklich bewegt und dort wo er entlangschritt, verstummten kurz sogar ganze Reihen von Chinesen. Er war wirklich sehr, sehr massig. Und natürlich nahm er direkt neben mir Platz. Holländer und ein sehr angenehmer Zeitgenosse wie sich herausstellte. Nichtsdestrotrotz habe ich zwei Stunden in embyonaler Kauerhaltung verbracht und mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, meinen Nachbarn zu bitten, ob er mich vielleicht gnädigerweise bewusstlos schlagen könnte.
Chinesische Airlines kennen wirklich keinen Komfort. Wobei es doch Unterschiede gibt:
- Air China: fast westlich und noch die beste Wahl (wenn man nicht auf manchen Flügen noch Aschenbecher in den Armlehnen entdecken würde).
- China Southern: eng, aber nett und sauber
- China Eastern: eng, nett und nicht wirklich sauber
- Shanghai Airlines: wirklich, wirklich widerlich. Ich überlege, für Notfälle immer einen Gummimantel im Koffer zu haben. Sowie eine Klinikpackung Sagrotan.
China ist zwar groß, aber ein paar Stunden Enge würden ja noch gehen. Die eigentliche Prüfung aber, ist die Kombination aus dem Mangel an frischer Luft und dem Übermaß an Mitreisenden. Sehr viele Chinesen brüsten sich damit, daß sie im Gegensatz zu Europäern ja keinen Körpergeruch besäßen. Tun sie doch.
Ich kann kaum zählen, wie oft ich schon kurz vor der Ohnmacht war, weil jede Bewegung meines Sitznachbars einen kleinen Wiff Übelkeit verursachte. Ich habe in meinem Leben noch nie so oft die Luft angehalten wie in Flugzeugen Chinas. Sollte ich meinen Beruf wechseln, werde ich Apnoetaucher. Besonders eindrucksvoll sind Reisegruppen aus dem Inland. Wer noch nie Augen- und Nasenzeuge war, wie sich 30 Erstflieger aus Harbin dem Wunder Bordtoilette widmen und dafür Schlange stehen, während man selbst auf dem Logenplatz davor und damit im Weg sitzt, hat nicht gelebt.
Geruch der Mitpassagiere ist aber nur einer der apokalyptischen Reiter chinesischer Flugreisen. Ihr Benehmen ist der Zweite. Angesichts der Rangeleien um Platz und der Kämpfe um Armlehnen erwarte ich eigentlich jeden Tag eine handfeste Schlägerei. Kürzlich durfte ich dann Recht behalten und dafür gleich selbst Protagonist sein.
Ich muss dazu sagen, daß auf Flügen ausgezeichnet schlafen kann. Sehr zum Unmut meiner wundervollen, aber flugangst-geplagten Frau übrigens. Vor einigen Wochen schlief ich also selig in meinem engen, abgerockten, duftumwaberten Mittelsitz in Reihe 457, als ich unsanft von meinem Nachbarn geweckt wurde – mit einem Fausthieb auf die Rippen. Leider weiss ich bis heute nicht, warum er auf einmal so ausgetickt ist. In Sekunden bin ich im Kopf mögliche Gründe durchgegangen:
- ich habe mich im Schlaf bewegt und ihm siedendheißen Kaffee auf den Schoß gekippt – kein Kaffee, kein Ungeschick
- ich habe mich im Schlaf auf ihn gelehnt und ihn vollgesabbert – aufrechte Körperhaltung, kein Kontakt
- ich habe geschnarcht – wir sind in China, bitte. Das kann es nicht sein
Ich habe es nicht rausfinden können. Wir haben uns ein paar Minuten angebrüllt, er auf Chinesisch, ich auf Deutsch, dann haben wir es sein lassen ohne weitere Handgreiflichkeiten. Wahrscheinlich mochte er mich einfach nicht. Ich ihn danach auch nicht mehr.
Sehr lange Rede, kurzer Sinn: fliegen in China könnte ein wundervolles Erlebnis sein. Wäre man alleine.






