Flieg, Laowai, flieg!


Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, ist es wirklich sicher, in China ein Flugzeug zu besteigen. Ernsthafte Unfälle gab es schon seit Jahren nicht mehr, die meisten Airlines sind mit modernsten Maschinen ausgestattet, die großen Flughäfen gehören zu den weltweit besten und die Luftüberwachung übernimmt das Militär. Der letzte wirkliche Absturz war vor drei Jahren. Allerdings wirft dabei die Kombination aus fragwürdiger Airline (Henan Airlines), usseliger Machine (eine alte, brasilianische E-190) und dem Kaff, das Flugziel war (Yichun, 1.3 Millionen Einwohner, also quasi das Schneppenhausen Chinas) die Frage auf, wie diese Flugverbindung überhaupt je funktioniert hat. Abstürzen tut man also schon mal nicht so leicht hier – was nicht heißt, daß man sich das nicht manchmal wünschen würde, allein um die Zeit an Bord zu verkürzen. Fliegen in China ist sicher, schön ist es nicht.

Leider ein Fake, Bambusfressende Großpandas sind bestimmt noch das kleinere Übel (Quelle: http://www.dailymail.co.uk)

Leider ein Fake, Bambusfressende Großpandas sind bestimmt noch das kleinere Übel (Quelle: http://www.dailymail.co.uk)

Große Teile sind dabei sogar erstaunlich angenehm: Check-In schnell und effizient,  Sicherheitskontrollen deutlich freundlicher und grabbelärmer als in Deutschland und sogar ich kann mich problemlos orientieren (und ich bin in Bayreuth gelandet als ich nach Dresden fahren wollte).
Beijing z.B. ist dabei weltweit einer meiner Lieblingsflughäfen. Nach Passagieraufkommen der zweitgrößte der Welt und nach Fläche sogar das größte Gebäude der Welt, trotzdem kommt man innerhalb von Minuten überall schnell und einfach hin. In Frankfurt ist das umgekehrt.

Alles also grandios – bis zum Gate. Meistens steht da schon mal kein Flugzeug. Zumindest so gut wie nie zu der angegebenen Zeit. Wenn sich noch einmal jemand in Deutschland über verspätete Flüge beschwert, ziehe ich ihm persönlich einen Dumpling über den Kopf. Dabei gibt es hier so gut wie nie Informationen. Im Augenblick fliege ich jede Woche mindestens zwei mal, dabei führe ich wöchentlich mindestens einmal folgendes Gespräch:

“According to departure information, the flight is on time but I can not see the plane – is it delayed?”

“Yes Sir, the plane has not arrived yet.”

“Do you know when it is arriving?”

“Maybe you come back in 30 minutes?”

“Will the plane be here by then?”

“Come back in 30 minutes.”

Das ganze geht dann meist 2-3 Stunden so. Ich weiß ja mittlerweile selbst, wie aussichtslos es ist nach Informationen zu fragen, kann es aber dennoch nicht lassen. Einer meiner größten Alltagsängste ist es, einen Flug zu verpassen weil ich zu dämlich war. Was übrigens nicht so unwahrscheinlich ist. Verspätungen jedenfalls sind hier eher die Regel. Dafür gibt es mehrere Erklärungen, die alle schlüssig erscheinen:

  • 300 Millionen Passagiere jedes Jahr, aber mit Flugkorridoren knausern (das Militär beansprucht die meisten)
  • Wenn ein hohes Parteimitglied fliegt, wird der Luftraum angeblich für kurze Zeit gesperrt (die 200 Mitglieder des Zentralkomitees hätten mich damit alleine schon drei Tage Lebenszeit gekostet)
  • Es schneit (aber das scheint ja auch Frankfurt jedes Jahr wieder zu überraschen)

Woran auch immer es liegt, wenn ich plane um Acht zuhause zu sein, stand ich bisher noch nie vor Mitternacht vor der Tür.

Richtiges Leid setzt aber erst beim Besteigen des Flugzeuges ein. Während die Stewardessen meistens doch sehr freundlich sind, können auch sie nichts gegen den Innenraum und das Essen ausrichten. In meiner Firma gilt die Regel: bis 4 Stunden Flugzeit wird Eco geflogen. Nachvollziehbar und vernünftig, trotzdem unangenehm. Durch die Bank abgerockte Sitze, die meiner Ansicht nach wirklich deutlich schmaler sind als in Europa. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu fett geworden. Ändert nichts daran, daß ich auf Inlandsflügen in China mehr intensiven Körperkontakt hatte, als in meiner gesamten Teenagerzeit. Leider weniger freiwillig.

Vor zwei Monaten ein persönlicher Rekord. Ich hatte einen wenigstens einigermaßen angenehmen Fensterplatz, als ich ein Mann den Gang entlangkommen saß, bei dessen Anblick ich sofort dachte: “Oh Gott. Die arme Sau, die neben ihm sitzen muss.” Ein Riese. Ein breiter, glatzköpfiger, westlicher Riese. Ich will nicht übertreiben, aber ich bin mir sicher, die Flügel hätten sich bei jedem seiner Schritte merklich bewegt und dort wo er entlangschritt, verstummten kurz sogar ganze Reihen von Chinesen. Er war wirklich sehr, sehr massig. Und natürlich nahm er direkt neben mir Platz. Holländer und ein sehr angenehmer Zeitgenosse wie sich herausstellte. Nichtsdestrotrotz habe ich zwei Stunden in embyonaler Kauerhaltung verbracht und mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, meinen Nachbarn zu bitten, ob er mich vielleicht gnädigerweise bewusstlos schlagen könnte.

Chinesische Airlines kennen wirklich keinen Komfort. Wobei es doch Unterschiede gibt:

  • Air China: fast westlich und noch die beste Wahl (wenn man nicht auf manchen Flügen noch Aschenbecher in den Armlehnen entdecken würde).
  • China Southern: eng, aber nett und sauber
  • China Eastern: eng, nett und nicht wirklich sauber
  • Shanghai Airlines: wirklich, wirklich widerlich. Ich überlege, für Notfälle immer einen Gummimantel im Koffer zu haben. Sowie eine Klinikpackung Sagrotan.

China ist zwar groß, aber ein paar Stunden Enge würden ja noch gehen. Die eigentliche Prüfung aber, ist die Kombination aus dem Mangel an frischer Luft und dem Übermaß an Mitreisenden. Sehr viele Chinesen brüsten sich damit, daß sie im Gegensatz zu Europäern ja keinen Körpergeruch besäßen. Tun sie doch.

Ich kann kaum zählen, wie oft ich schon kurz vor der Ohnmacht war, weil jede Bewegung meines Sitznachbars einen kleinen Wiff Übelkeit verursachte. Ich habe in meinem Leben noch nie so oft die Luft angehalten wie in Flugzeugen Chinas. Sollte ich meinen Beruf wechseln, werde ich Apnoetaucher. Besonders eindrucksvoll sind Reisegruppen aus dem Inland. Wer noch nie Augen- und Nasenzeuge war, wie sich 30 Erstflieger aus Harbin dem Wunder Bordtoilette widmen und dafür Schlange stehen, während man selbst auf dem Logenplatz davor und damit im Weg sitzt, hat nicht gelebt.

Geruch der Mitpassagiere ist aber nur einer der apokalyptischen Reiter chinesischer Flugreisen. Ihr Benehmen ist der Zweite. Angesichts der Rangeleien um Platz und der Kämpfe um Armlehnen erwarte ich eigentlich jeden Tag eine handfeste Schlägerei. Kürzlich durfte ich dann Recht behalten und dafür gleich selbst Protagonist sein.

Ich muss dazu sagen, daß auf Flügen ausgezeichnet schlafen kann. Sehr zum Unmut meiner wundervollen, aber flugangst-geplagten Frau übrigens. Vor einigen Wochen schlief ich also selig in meinem engen, abgerockten, duftumwaberten Mittelsitz in Reihe 457, als ich unsanft von meinem Nachbarn geweckt wurde – mit einem Fausthieb auf die Rippen. Leider weiss ich bis heute nicht, warum er auf einmal so ausgetickt ist. In Sekunden bin ich im Kopf mögliche Gründe durchgegangen:

  • ich habe mich im Schlaf bewegt und ihm siedendheißen Kaffee auf den Schoß gekippt – kein Kaffee, kein Ungeschick
  • ich habe mich im Schlaf auf ihn gelehnt und ihn vollgesabbert – aufrechte Körperhaltung, kein Kontakt
  • ich habe geschnarcht – wir sind in China, bitte. Das kann es nicht sein

Ich habe es nicht rausfinden können. Wir haben uns ein paar Minuten angebrüllt, er auf Chinesisch, ich auf Deutsch, dann haben wir es sein lassen ohne weitere Handgreiflichkeiten. Wahrscheinlich mochte er mich einfach nicht. Ich ihn danach auch nicht mehr.

Sehr lange Rede, kurzer Sinn: fliegen in China könnte ein wundervolles Erlebnis sein. Wäre man alleine.

Schlangenjahresvorsätze aus Beijing.


Nun weiß ich wenigstens, was “kreative Schaffenspause” bedeutet. Auch wenn ich natürlich keinen Gedichtszyklus auf Mittelhochdeutsch verfasse und ein paar Wochen Auszeit wahrscheinlich auch gereicht hätten. Da das Jahr der Schlange aber just begonnen hat, ist das aber vielleicht ein guter An- und Vorsatz, wieder mehr zu posten. Außerdem ist “Schlangenjahresvorsatz” ein fast so schönes Wort wie “Tierhalterhaftpflichtversicherung”.

Seit dem letzten Post hat sich China nicht wirklich verändert. Wir uns aber fürchte ich. Ich glaube ja, daß kulturelle Anpassung wie ein Computerspiel funktioniert: es gibt Level. Aufgefallen ist es mir kürzlich auf einer Fahrt im Taxi in die Stadt, während ich mich am Telefon mit meiner Frau unterhielt und mich sagen hörte:

“…bleibst Du bitte mal eben dran, ich muss nur kurz das Taxi wechseln – dieses hier brennt.”

Es brannte wirklich recht ordentlich. Die Kühlerhaube stand in schönen Flammen, Menschen suchten nach Löschmitteln und eine kleine Menschentraube hatte sich auch schon gebildet. Nachdem ich also den Fahrer bezahlt hatte und in einem neuen Taxi saß, fiel mir erst auf wie wenig ich mich gewundert, geschweige denn aufgeregt habe. In Deutschland hätte ich angesichts brennender Taxis zumindest mal aufgelegt. Wenn wir noch ein paar Jahre bleiben, ist auch jeder Rest von Überlebensinstinkt weg. Eine Nebenwirkung von der einem vorher auch niemand was erzählt hat.

Ähnlich schlimm: die Sache mit der Luft. Seit drei Monaten bin ich unter der Woche meist in Beijing und damit derzeit im Luftkurort derer, die nicht gar so sehr am Leben hängen. In Deutschland war eine Feinstaubbelastung von 50 Mikrometer pro Kubik schon eine Schlagzeile. Hier in Beijing brauchte es schon mehr als 800 um in die Medien zu kommen. Ist wirklich eklig. Man kann die Luft fast kauen. Und sie schmeckt nicht gut. Das eigentlich Erschreckende ist aber wie schnell man sich dran gewöhnt. Ein Beispiel:

Die App für den Air Quality Index zeigt 200 an. Deutsche Behörden sagen dazu: “Die Gesundheitsschutz-Grenzwerte sind überschritten. Gesundheitliche Beeinträchtigungen empfindlicher Personen sind möglich. Die Bevölkerung wird verstärkt über die Schadstoffsituation informiert.”. Meine Kollegen in Beijing sagen dazu: “Lunch draußen. Cool.”.

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Fernsicht ist überbewertet.

Auch sonst gibt sich Beijing wirklich größte Mühe, ja nicht zu liebens- oder lebenswert zu erscheinen:

  • Hiesige Taxifahrer lassen ihre Berliner Kollegen wie freundliche Knuddelhasen erscheinen. Wenn Sie einen überhaupt ohne Bestechung mitnehmen.
  • Die Stadt kennt nur zwei Temperaturen: arktische Eishölle oder Wüstengrill.
  • Sprache die an Kermit mit Katarrh erinnert.
  • Eine Verkehrsführung erdacht von Sadisten. Mein persönlicher Rekord: sieben Stunden für 25 Kilometer.

Nein, Beijing wird nicht mein Liebling. Obwohl ich die Stadt eigentlich mal ganz gerne mochte. Aber Berlin kann ja auch Spaß machen wenn man nicht da leben muss (ja, ich weiß. Berlin ist gaaanz toll. Aber wie ich das der Diskussion in deutschen Medien entnommen habe, bin ich nicht der Einzige der das anders sieht).

Nun also Blog 2.0. Für Schreibstoff hat China in den letzten Monaten auf jeden Fall gesorgt.

Exoten sind immer die Anderen.


China ist manchmal wie ein Signalhorn gegen die Gewohnheit. Immer wenn man denkt, man hat es verstanden, tun sie etwas Drastisches und sorgen für erneute Verwirrung. Shanghai ist mittlerweile wirklich unser Zuhause, fremd fühlt sich kaum noch eine Ecke an und wirklich überraschen tut einen hier nichts mehr. Dachte ich.

Zur Erneuerung der Erkenntnis: “Manchmal haben sie echt einen an der Klatsche”, hat ein Einkauf bei Carrefour gereicht. Eigentlich Standard, keine Überraschungen. Erst habe ich auch gar nichts bemerkt – am Getränkeregal zunächst das komische Gefühl das irgendetwas anders ist. Bei der Zahncreme wusste ich: die Musik ist es. In einem Großsupermarkt einer französischen Handelskette, am Stadtrand von Shanghai in einem Vorort namens QingPu, unter 35.000 Chinesen die sich anfühlen wie 350.000, zwischen Hühnerfüßen, tausendjährigen Eiern und Quallenkonserven: deutsches Liedgut in Startbahnlautstärke. Und wir sprechen hier nicht von Beethoven. Der gesamte Supermarkt beschallt von einer Preziose deutscher Dicht- und Sangeskunst mit dem hübschen Refrain:

“Ich bin Ü30 und das weiß ich, doch das ist mir scheißegal. Ich bin super drauf und noch immer erste Wahl!”

Ballermann-Mucke in Shanghai. Und das mehr als einmal – das war kein Versehen. Eine halbe Stunde Einkauf hat gereicht um das hübsche Stück sieben(!) mal zu hören. Ich habe diesen Mist in Europa schon so sehr gehasst, daß ich unter 1,5 Promille den Raum verlassen musste. Recherche ergab, der Interpret nennt sich Peter Wackel. Ich finde, er sollte gesteinigt werden. Oder wenigstens nur geknebelt aus dem Haus dürfen. Diese Musik brennt sich so tief ins Hirn, es ist wirklich unfassbar. Noch drei Wochen später hat sich dieser Ohrwurm in die Untiefen meines Denkens gefräst. Wahrscheinlich hat er dabei noch Schulwissen gelöscht. Kein Wunder, daß mir die binomischen Formeln nicht mehr einfallen. Aber ich schweife ab.

Apres-Ski in Qing Pu ist eigentlich nur eine Facette dessen, was einem erst in China klar wird: Exotik ist relativ. Ist ja eigentlich auch nur logisch. Wie schon mal beschrieben, kommen Deutsche und Deutsches hier super an. Es mag für Holländer, Engländer, Franzosen, Österreicher, Schweizer und etwa 39 andere Länder schwer vorstellbar sein: in China mag man uns. Ganz vorbehaltslos. Manchmal vielleicht ein bisschen zu vorbehaltslos. In Europa bin ich zumindest noch nie mit einem aufrichtigen Lächeln gefragt worden, warum wir eigentlich so viele Menschen umgebracht haben und habe auf die Frage meiner Herkunft noch nie die Antwort “Super Rasse.” bekommen. Auch Freundlichkeit kann einen peinlich berühren.

Kein Wunder also, daß man immer noch mehr Artikel aus Deutschland findet. Auch jenseits von Cityshop. Einige Carrefours haben ganze “Imported-Product” Abteilungen. Schön auch zu sehen, was hier neben Autos, Brot und Bier noch so schön exotisch ist: Haribo. Wobei man ehrlicherweise dazu sagen muss, daß die Importwarendichte mit abnehmender Expat-Nachbarschaft des Supermarkts auch deutlich sinkt.

Import rockt. Zumindest gibt es Käse.

1,3 Mrd Menschen frohe Kinder und Erwachsene.

Fast Marken für sich: Laowais aus dem “richtigen” Ausland (d.h. nicht Japan). Richtig spitze sind sie, wenn sie wirklich integriert sind. Also nicht so wie wir. Kürzlich habe ich Andrew Ballen kennengelernt. Aus New York, seit elf Jahren in China und der wahrscheinlichste sympathischste Mann der Erde. Zudem ist er tiefschwarz und spricht fließend Mandarin. In Deutschland hätte man vielleicht gesagt “nett integriert”, hier kriegt er eine eigene Fernsehsendung.

Ganz groß ist derzeit auch Debbie. Eigentlich Debra Meiburg, eine Önologin aus den Staaten und ihres Zeichens “Master of Wine”. Keine Taxifahrt vergeht, ohne daß Debbie einem erklärt wie man Wein genießen sollte. Sie mag viel vom Weinbau verstehen, von der Auswahl des richtigen Gesichtschirurgen versteht sie zu wenig. Ihre Augenbrauen sind eher zufällig im auffallend mimik-armen Gesicht verteilt. Aber das macht ihre Sendung eigentlich nur noch amüsanter.

Tausche Ruhm gegen Gesichtsausdruck.

Der Plan steht also. Endlich Mandarin lernen, Nische suchen (vielleicht Apfelwein?) und berühmt werden.

Fatalismus.


Manchmal bin ich mir nicht so ganz sicher, ob ich Chinesen bestaunen, bewundern oder für geistesgestört halten soll. Oftmals alles zu gleichen Teilen. Was ich auch nach zwei Jahren hier noch nie wirklich nachvollziehen konnte, ist die Fähigkeit auszublenden, daß es so etwas wie Risiken gibt. Oder Sterblichkeit. Im Straßenverkehr kann man das besonders hübsch beobachten: mal ganz abgesehen davon, daß Verkehrsregeln eher rein theoretischer Natur sind (und damit auch das galante Ignorieren von Fahrspuren, Stopschildern und Ampeln erklären) – das Urvertrauen darauf, daß das eigene Verhalten schon keine schwerwiegenden Folgen haben wird, kriegt man im Grunde schon nach 15 Minuten auf einer Hauptstraße in Shanghai mit.

Mittlerweile habe ich mich weitestgehend daran gewöhnt und vielleicht stimmt es ja sogar, daß das Schicksal weitestgehend vorbestimmt ist und man sich dann auch nicht drum scheren muß, ob es eventuell noch andere Verkehrsteilnehmer gibt. Oder Physik. Jedenfalls zucke ich selbst auch nicht mehr wirklich, wenn ein kleines, schröddeliges Santana-Taxi selbstbewusst einem 20-Tonner in die Spur fährt. Nach einem Sicherheitsgurt habe ich auch schon Monate nicht mehr gesucht – meist sind sie sowieso hübsch unter dem Sitz versteckt zugunsten einem (im Glücksfall) weißen Stoffbezug. Selbst die lautlosen Killer stören mich eigentlich nur noch, wenn sie unmittelbarer Auslöser einer Nahtoderfahrung sind. Aber manchmal staune ich trotzdem noch.
Man sieht häufig mal Roller mit einer glücklich lächelnden Vater-Mutter-Kind Besatzung an einem vorbeihuschen. Heute wollte ich aber einem Fahrer an der Ampel schon fast spontan meine Bewunderung kundtun. Oder ihm eine langen.

Unfälle sind nicht vorgesehen.

Gepäck, Eltern und zwei Kinder. Ein Motorrad. Und der Mann wusste Geschwindigkeit zu schätzen. Schön auch, daß bei einer Kollision wenigstens sein Kopf geschützt ist. Zum Vergleich: Deutschland diskutiert die Helmpflicht für Fahrräder.

Natürlich habe ich leicht reden in meinem klimatisierten Taxi auf dem Weg vom Luxus-Ghetto zum schicken Lofbüro. Ich würde mal denken, daß auch Chinesen mit sehr niedrigem Einkommen sehr um ihre Kinder besorgt sind, es sich aber eben nicht leisten können dreimal zu fahren oder allen Helme zu kaufen. Trotzdem. Ich habe das genauso schon in Autos jenseits der 100.000 Euro-Marke beobachtet: Kind auf dem Schoß, niemand angeschnallt oder noch besser: Mutter und Kind in einem Gurt. Vielleicht sollte CCTV mal den 7. Sinn kaufen – und einen dramatischen Lehrfilm drehen über die Gefahren eines Aufpralls und dem Effekt, der einem Eierschneider nicht unähnlich ist.

Was mich auch heute noch immer wieder in Erstaunen versetzt sind Fensterputzer. Das erste mal sind sie mir begegnet im 23. Stock unserer ersten Wohnung hier. Der Moment, in dem einem morgens ein Fensterputzer in 60m Höhe vor dem Fenster freundlich zulächelt, während man halbnackt an der Kaffeemaschine steht, ist in jedem Fall, hm, erinnerungswürdig. Das Haus kann so hoch sein wie es will, Putzgondeln (übrigens einer der drolligsten Vokabeln der deutschen Sprache) gibt es eher selten.

Die kleinen, schwer zu erkennenden Punkte sind Männer an verblüffend dünnen Seilen.

Ein wenig ist das alles auch ein wenig chinesische Grundgeisteshaltung. Deutsche können gut jammern, Chinesen sind unfassbar pragmatisch. Konsequenzen oder etwas zu Ende denken, eher weniger. Ein einfach unglaublicher Drang, Dinge sofort anzugehen und den unmittelbarsten Lösungsweg zu wählen. Super bei Problemen ohne mögliche Folgen, z.b. ein Fahrrad reparieren. Nicht so super, wenn es etwas komplexer wird.

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die Sache mit den Spatzen. Während der Kulturrevolution gab Mao ja bekanntermaßen das Motto vom “Großen Sprung nach vorn.” aus. 1957 gab es dabei ein kleines Problem: zu wenig Getreide. Schuld daran: die vielen Spatzen die alles wegfressen. Um Geld für Gift oder sonstiges zu sparen, stand China wie ein Mann auf und machte wochenlang Lärm um die Vögel so lange zu irritieren und in der Luft zu halten bis sie vor Erschöpfung sterben. Hat auch soweit geklappt: am Ende der Aktion liegen zwei Milliarden tote Spatzen in China verteilt auf dem Boden. In Beijing alleine vermeldet man den “Erfolg” von 401.160 erlegten Spatzen.

Nicht zu Ende gedacht dabei: Vögel fressen Insekten. Gerne auch Getreideschädlinge. Die Folge war eine Insektenplage die sich gewaschen hat und eine entsetzliche Hungersnot. So ganz ist das Denken von jetzt nach hier noch immer nicht ganz verschwunden. Vom sorglosen Autofahren bis zur Reparatur von Starkstromleitungen mit Bindfaden. Wahrscheinlich kulturelles Erbgut, zumindest aber ein Garant für viele WTF?-Momente in China.

Spatzen gibt es übrigens bis heute verhältnismäßig wenige in China.

Mal eben weg. Fast kurz.


So. Ausnahmsweise war ich nicht mal selbst schuld, daß ich seit gefühlten Monaten nicht einen einzigen Post schreiben konnte. Neuer Job, neuer Rechner, neuer Internetzugang – manche Dinge dauern einfach. Dafür jetzt ungewohnt gut erholt. Es kann wieder losgehen.

Fragt man Expats aus Europa nach den persönlichen Gründen, warum man ausgerechnet nach Shanghai gezogen ist, erhält man erstaunlicherweise meist recht gleiche Antworten. Deutsche, Engländer und Holländer sind sich manchmal doch ähnlicher als sie es wahrhaben wollen. Natürlich würde ich trotzdem ums Verrecken nicht zugeben, dass man in diesen Ländern auch Fußball spielen kann. Aber das ist wohl was anderes.

Unter den beliebtesten Gründen für den Wohnsitz Shanghai sind meist zu finden:

  • “Beruflich eine tolle Chance.”
    (das man die mit grauen Haaren und Bluthochdruck bezahlt, sagt einem natürlich niemand)
  • “China ist so spannend und aufregend.” (oft ist nach ein paar Monaten aber kein euphorischer Unterton mehr zu erkennen)
  • “Ich weiß auch nicht. Eigentlich wollte ich nur ein halbes Jahr bleiben. Und das war 1994.” (Passiert hier wohl vielen. Wenn ich in zwölf Jahren noch über China blogge, mache ich mich auch nicht mehr lustig)
  • “Man ist so schnell in ganz Asien und kann ganz viele tolle Länder entdecken.”

Letzteres dachte ich auch mal. Man ist in Europa ja auch ein bisschen verwöhnt. Morgens Bielefeld, mittags Barcelona – kein Problem. Wer nicht gerade von Trondheim nach Gran Canaria pendelt, wird bestätigen können, daß man in Europa im Grunde in maximal zwei Stunden überall ist. Zudem kommt man, dank Ryanair&Co, aus Frankfurt manchmal günstiger nach Mallorca kommt als nach Offenbach. Wer Offenbach kennt, weiß daß das nicht das Schlechteste ist. Insgesamt sind wir Europäer in Sachen Entfernungen und Reisen einfach ziemliche Weicheier. Das verschiebt die Wahrnehmung von Kontinenten recht schön.

Auf der Landkarte sieht der asiatisch-pazifische Raum natürlich schon recht groß aus. Wie weit die Strecken aber tatsächlich sind, unterschätzt man doch schnell. Ich hatte schon öfter mal den Gedanken: “Warum eigentlich nicht mal nach Australien? Wir sind ja quasi schon halb da.”. Sydney ist auch mit Direktflug aber immer noch 11 Stunden weg. Vielleicht ganz gut, daß ich nie eine Karriere als Erdkundelehrer in Erwägung gezogen habe. Trotzdem ist ein Urlaub in Vietnam hier natürlich einfacher zu machen als nach Spanien zu fliegen. So haben wir also kürzlich beschlossen, eine Woche in Thailand zu verbringen.

Phuket ist für einen Kurztrip wirklich zu empfehlen. Zwar nicht gerade ein landschaftliches Highlight und an manchen Ecken so lauschig wie El Arenal – dafür bekommt man sehr gut und sehr einfach Sonne, Meer und vor allem Entschleunigung. Wirklich toll. Optimisten, Sparfüchse und Menschen mit großzügiger Lebensversicherung können das von Shanghai aus sogar sehr hübsch als Direktflug ab knappen 100 Euro haben. Da ich beruflich schon häufig in den Genuss von Flügen mit Linien wie Shanghai- oder Hainan-Airlines gekommen bin, war das für uns keine wirkliche Alternative um in die Sonne zu kommen.

Auf dem Hinflug kurzer Zwischenstop in Hong Kong. In zwei Stunden da, 24 Stunden um berufliches zu erledigen, dann nur noch mal knappe drei Stunden weiter nach Phuket. Mit Taxi-, Transferfahrten und Wartezeit werden das dann gerne mal schon 16 Stunden. Aber es geht ja ans Meer, das macht schon mal entspannt und geduldig. Buddha unterwegs.

Puls: 40

Die Woche in Thailand an sich: toll, wundervoll, großartig. Mal ganz abgesehen von Traumwetter, Meer und Kokosnüssen im Übermaß konnte ich auch endlich mal wieder autofahren. Nach dazu wieder mal ganz viel gelernt:

  1. Phuket ist eine Insel zum rumliegen. Nicht zum Erkunden. Wunderschöne Flecken, an denen man ständig “Ah!” ausrufen möchte. Außerhalb dieser Flecken: “Uuh..”. Aber grün ist es.
  2. Wer zwei Jahre kein Auto bewegt hat, sollte sich seine Jungfernfahrt in Thailand genau überlegen. Asien UND Linksverkehr. Mehr als einmal habe ich beim Abbiegen nicht geblinkt, sondern sehr entschlossen die Scheiben gewaschen. Zusätzlich ist eine Geisterfahrt nun kein theoretisches Konzept mehr.
  3. Stromausfälle gehören in Südostasien dazu. Klimaanlagen benötigen Strom. Klimaanlagen sind nachts bei 35 Grad angenehmer als man denken sollte.
  4. Menschen, die den Satz “in Thailand kann man wirklich auch an den kleinsten Straßenständen unbesorgt gaaanz toll essen.” von sich geben, haben entweder Glück, keine Ahnung oder einen Magen aus Edelstahl.

Nach einer wunderbaren Woche gepampert werden, dann der Weg zurück. Der Plan: gebräunt, erholt und mit einem seligen Lächeln im Gesicht entspannd abends wieder in Shanghai. Die Realität: Pläne sollte man hier nicht machen. Wir hätten es wissen sollen. Erstaunlich eigentlich, daß man nach zwei Jahren Asien und einer Woche Urlaub noch etwas ungehalten wird. Auch wenn es mittlerweile ein Prozess ist:

“Ihr Flug hat eine Stunde Verspätung. Um zwei geht es dann los.” – kein Problem.
“Es könnte noch ein wenig dauern, wir bitten um ihre Geduld.” – aber gerne doch.
“Wir müssen ein Teil austauschen. Wir erwarten um 18.00 zu starten.” – was soll man machen.
“Das Teil müssen wir aus Hong Kong einfliegen und hier einbauen.” – ein bisschen stört es jetzt aber.
“Es handelt sich um eine hydraulische Pumpe, die ausgetauscht werden muss. Das dauert ein wenig länger.” – die Information wäre ein paar Stunden früher hilfreich gewesen.
“Der Pilot muss leider seine Ruhezeit einhalten.” – und das kam nun so unerwartet?
“Wir fliegen um 23.00. Oder um 2.30.” – ist ja fast kein Unterschied.
“Also so um vier glauben wir geht es los.” – ja, gleich geht es hier los.

Ich will ja nicht unken, Thais sind tolle Menschen. Aber irgendwann weckt auch serviles Lächeln nur noch primitive Mordgelüste. Ich möchte es mir selbst fast nicht eingestehen:  ich habe unser eher granteliges Shanghai ein bisschen vermisst. Dem ersten Taxifahrer der mich anblafft, kaufe ich ein Eis. Wenigstens fährt der pünktlich los.