Auf die Vorurteile. Auf die Zwölf.


Heute wäre es um ein Haar passiert: der unschöne Tod auf Shanghais Straßen. Sie haben es ja schon ein paar Mal probiert – es wird aber immer knapper. Ich weiß zu wenig über den Glauben an die Nachwelt in China, aber mein heutiger Taxifahrer zumindest wollte mich dorthin wohl mitnehmen.
Nachdem uns ein Minivan auf der Nebenspur beinahe gerammt hätte, ist er Amok gelaufen: Verfolgungsjagd auf der Stadtautobahn, Abdrängen, Hupen, Teleskopschlagstock zücken, aus dem Fenster pöbeln und prügeln. Kompletter Blutrausch. Ich hätte ihn ja liebend gerne beruhigt, aber für ein ”können wir bitte langsam fahren und nicht sterben?” reicht mein absurd geringes Chinesischvokabluar leider nicht aus.

Während ich noch so dachte, daß meine letzen Worte nie würdevoll, sondern wahrscheinlich eher “Uuaah” sein werden, fiel mir mal wieder auf, wie viele Vorurteile wir Deutschen über Chinesen haben die aber auch mal so gar nicht stimmen. Zum Beispiel ihre angebliche Ruhe und Friedfertigkeit.

Nachdem ich wieder atmen und ohne ohne zu zittern einen Kaffee halten konnte, habe ich mal versucht, an ein paar Vorurteile zu denken und ihren Wahrheisgehalt zu prüfen.

  1. Chinesen sind ruhig und friedfertig.
    Sind sie nicht. Man ist hier sicher nicht streitsüchtig und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was los wäre wenn 1,3 Mrd Deutsche zusammenleben müssten (das will man sich auch nicht vorstellen), aber sanft und duckmäuserisch ist hier sicher niemand. Dabei soll Shanghai noch recht harmlos sein. In Beijing gibt es noch schneller mal was auf die Mütze.
    Ist uns hier schon öfter aufgefallen – ein Handgemenge gibt es hier ziemlich zügig. Wir haben schon einige beobachten dürfen: auf einmal wird es laut, es stehen 50 Menschen zusammen und in der Mitte hauen sich zwei das Gesicht ein.
    Ich bin Dorfkind, Schlägereien habe ich schon häufig gesehen und es gibt sie sicher weltweit – aber nicht so wie hier. Chinesische Eigenheit: im Gegensatz zum sonstigen Lärmpegel sind Prügeleien unglaublich leise. Creepy irgendwie. Erst schreien sie sich an, aber dann werden sie auf einmal ganz ruhig wenn sie auf einander losgehen.
    So haben wir es kürzlich erst beobachtet in einem kleinen Dumplinglokal: aus dem Nichts gehen zwei Chinesen aufeinander los und sagen dabei kein Wort. Obwohl sie versuchten, sich mit Stühlen den Kopf einzuschlagen.

    Journalisten unter sich. (Quelle: www.globaltimes.cn)

  2. Chinesen lächeln immer.
    Na ja. Sie lächeln viel und ich finde man ist hier allgemein nicht gar so griesgrämig wie in Deutschland. Das man hier aber immer nur lächelnd vor sich hingrinst ist ein westliches Ammenmärchen. Es gibt hier schon ausgesprochen schlecht gelaunte Exemplare die im Pöbeln einem hessischen Gastwirt in nichts nachstehen. Manchmal ist Unkenntnis Segen: ich bin hier schon manchmal so auf der Straße angeblökt worden, dass ich ernsthaft Angst um die Herzgefässe meines Gegenübers hatte – verstanden habe ich trotzdem nichts. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man mir keinen sonnigen Tag gewünscht hat, aber sicher weiß ich es nicht.
  3. Chinesen sind fleißig.
    Hm. Sagen wir mal so: ich glaube, es wird kaum auf der Welt so viel und so hart gearbeitet wie hier. Das Land läuft auf Raketensprit und jeder Tag ist ein Konkurrenzkampf mit Milliarden von Anderen, angetrieben vom Streben nach dem besseren Leben. Trotzdem gibt es hier doch ganz schön viel Faulheit – was ich manchmal so an Arbeitsmoral sehe ist schon eher unterirdisch. Ich meine dabei ein Muster erkannt zu haben: “Ich tue, was von mir verlangt wird, aber auch wirklich NUR das. Und das mit dem geringstmöglichen Aufwand.”
    Nach Ansicht des Auslands sind Deutsche ja aber auch so fleißig. Kann ich auch nicht finden.
  4. Chinesen essen den ganzen Tag wirren Krempel.
    Quark. Es gibt natürlich schon ziemlich viel Entsetzliches: lebendes Essen. Hunde. Katzen. Gedärm. Verfaulte Eier. Stinktofu.
    Die Liste an wirklich bizarren und für Westzungen widerlichem Essen ist lang – im Alltag aber sehe ich eigentlich meist ziemlich leckeres und völlig westkompatible Speisen. Abgesehen davon ist Quallensalat gar nicht so übel, wirklich.

Fallen jemandem noch mehr Vorurteile ein?

6 Gedanken zu “Auf die Vorurteile. Auf die Zwölf.

  1. Ich lese schon seit langer Zeit regelmäßig den Blog Deiner Frau – richte ihr bitte aus: einer meiner Lieblingsblogs!
    Durch ihren Hinweis bin ich vor ein paar Wochen nun auch hier bei Dir gelandet und nun muss ich mich endlich einmal zu Wort melden: ich finde Deinen Blog wirklich absolut lesenswert. Dein Schreibstil bringt mich oft zum Lachen und die Informationen über China sind genau nach meinem Geschmack. Ich habe nur einen einzigen Kritikpunkt: Du könntest öfter posten! :o )
    Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!

  2. Weitere Vorurteile:

    - Chinesen sprechen ein R wie ein L aus. Stimmt nicht, es gibt zwar kein R im Chinesischen aber mit etwas Übung kann man auch ein R aussprechen.
    - Chinesen sehen gleich aus. Stimmt auch nicht, denn man kann ganz grob zwischen Nord- und Südchinesen unterscheiden. Erstere sind tendenzielle größer und hellhäutiger.

    Mehr fällt mir nicht mehr ein aber Du hast ja schon ein paar treffende Klischees aufgezählt :)

  3. “Chinesen lächeln immer.” kommt daher, dass Menschen grundsätzlich in einem einanderen Land mehr lächeln als im eigenen Land. Dies wiederum kommt daher, dass Lächeln oft so ein Wundermittel ist, womit man sich auch ohne Landessprachkenntnisse usw. öfters einen sonnigen Tag verschaffen kann.
    Übrigens, Chinesen sagen “Europäer lächeln immer”. Jetzt wirklich. Frag nach ;-)

  4. Vielen Dank für den unterhaltsamen Post! Besonders geschmunzelt habe ich über den Satz “In Beijing gibt es noch schneller mal was auf die Mütze” – da ich morgen nach Beijing fliege, um dort für den Rest des Jahres zu arbeiten (und hoffentlich auch zu “leben”)… ich hab schon gehört: wer sich in ne Schlange einreiht, kann da lang drin stehen ;-)
    Verfolge weiterhin gerne Deinen Blog! Viele Grüße, noch aus München… Christine

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