China, der Job, mein Blutdruck und ich. (Teil 1)


Seit über einer Woche komme ich zu gar nichts mehr. Auch nicht zum Schreiben von Posts. Der Grund ist, abgesehen von recht viel Arbeit, die chinesische Arbeitsweise. Noch vor Bankbesuchen, hat das allgemeine Miteinander am Arbeitsplatz mit das größte Potential, Grund für eine Headline in der Zeitung zu werden. In ihr werden vermutlich Worte wie „Amoklauf“, „Gemetzel“ oder „Blutrausch“ Verwendung finden.

Wenn China in irgendeiner Form komplett anders ist, dann im Job. Mit am Interessantesten dabei ist eigentlich die Tatsache, daß es lange dauert bis einem die Andersartigkeit auffällt. Dann kann man sie jedoch nie wieder übersehen. Ein wenig wie ein Mückenstich an unangehmer Stelle, der nie verschwindet.

Ich habe die volle Packung bekommen: zwei Wochen kulturelles Training, einen Coach der mich einmal die Woche besucht (vermutlich um Affekthandlungen besser voraussehen zu können), Interviews, Literatur. Im Ergebnis kann ich zwar das meiste Verhalten deuten und nachvollziehen – es macht einen trotzdem rasend. Vielleicht wird man hier aber auch einfach zu deutsch.

Teil 1: Die Sache mit dem Gesicht

„Face“ begegnet einem jedem Tag. Das ist schon mal kein Witz. Gesicht ist weit mehr als nur unser „das Gesicht wahren.“, man kann hier vieles mit seinem Gesicht: es bekommen, bewahren, verlieren, riskieren oder verbessern.

Dabei sind die Regeln im Grunde simpel, aber trickreich in der Anwendung. Offenes kritisieren geht schon mal gar nicht. Nicht schwierig sollte man denken, einfach immer schön freundlich bleiben.
Wie man das macht, wenn acht Erwachsene eine Woche lang an einem Konzept gearbeitet haben und als Ergebnis zwei Servietten mit Stichworten präsentieren, ist mir schleierhaft. Bis dato habe ich es noch meist geschafft, freundlich und höflich zu bleiben – noch ein paar Monate jedoch und es wird schwer. Mein Auge zuckt schon verdächtig oft.

Gesicht geben ist einfach: loben, bewundern, loben, jubeln. Dabei ist es mehr oder minder egal, was man lobt oder bewundert – die Geste zählt. Als bisherige Gewinner haben sich bewiesen:

„Toll, wie gut Du das gemacht hast.“ (wenn es nicht ganz schlimm war)
„Toll, daß Du die Zeit gefunden hast, irgendwas zu machen.“ (wenn angefangen wurde)
„Klasse, ich glaube genau so sollten wir das noch ausführen“ (wenn angefangen wurde darüber nachzudenken)

Gut sind auch Bewunderungsrufe über alles Mögliche: tolle Schuhe (meistens albern), Wahnsinnshut (immer albern), tolle Musik (macht geisteskrank).

Schon schwieriger und für Fortgeschrittene ist: nie jemanden in die Lage versetzen, theoretisch das Gesicht verlieren zu können. Dazu reichen im Grunde simple Fragen wie: „gefällt dir das?“. Im Grunde alles, was bei uns unter „Position beziehen“ fällt.

Für Profis gibt es noch ein Level: nie jemanden in die Lage versetzen, möglicherweise einen Dritten theoretisch das Gesicht verlieren zu lassen. Wie dieses Land erfolgreich werden konnte, ist mir manchmal ein Rätsel.

Die Königsdisziplin ist dann Schadensbegrenzung und Wiedergutmachung, wenn Gesicht verloren wurde. Mittlerweile das, in dem ich mich am häufigsten üben muss. Es funktioniert dann übrigens immer über Mittelsmänner, niemals direkt. Konflikte finden niemals offen statt. Offen ausflippen bedeutet massiv das Gesicht verlieren. Einer meiner Kollegen und ich sind uns in aufrichtiger Abneigung einander zugetan. In Europa hätten wir uns schon mehrmals zerfleischt und angebrüllt. Hier nicht. Deutlich schlechter für den Blutdruck.

Habe begonnen alles Gelernte zu ignorieren, und: geht auch. Man sagte mir, man habe im Office den Ausdruck „he went German on me“ für mich etabliert.

Ich interpretiere das einfach mal als Gesichtsgewinn.

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