China-Tage.


Immer wenn man ganz China umarmen möchte weil es gerade so großartig ist, rückt es einem den Kopf wieder zurecht. Muss eine Art nationales Karma nur für Ausländer sein. Die letzten paar Tage war ich mit der Welt im Ganzen und meiner im Besonderen, eigentlich sehr zufrieden.

Das Wetter: ein Traum. Bis letzte Woche noch 24 Grad und auch jetzt, Mitte November, strahlend blauer Himmel und Sonnenschein.
Job: stressig, aber erfüllend. Die hektischste Zeit ist vorbei, es wird ruhiger.
Zuhause: Haus wirkt wohnlich, die Heizung funktioniert, keine großen Ausfälle zu beklagen, sogar Gras im Garten.

Genau in solchen Momenten setzt das Phänomen „China-Days“ ein. Geht nicht nur mir so, es beschreiben fast alle Expats ähnlich. Ein Tag, an dem China einem ins Gesicht schlägt. Mit Anlauf. Und einem Stuhl.
Dabei hinkt der Vergleich ein wenig. Wie alles hier, sind auch Attacken auf die Nerven subtil. Nagend. Klein aber stetig. Als würde einem jemand vier Stunden lang mit dem Finger in die Seite pieksen und dabei lächeln.

Fing schon im Taxi an – kam keines. Dreißig Minuten warten sind wirklich sehr, sehr ungewöhnlich in Shanghai. Im Taxi dann: Pumakäfig. Ein Taxifahrer, der dem Geruch nach zu urteilen, 1987 beschlossen hat sein Lebenspensum an Körperpflege erfüllt zu haben.

Auf der Straße fast überfahren worden. An der Ampel bei Grün. Mal wieder. Diesmal war es aber wirklich knapp. Etwa 15 cm und 2 Sekunden haben mich von einem Bus und dem Dahinscheiden als Straßenbelag getrennt. Und dann noch wild pöbeln und hupen.

Während ich noch durchatmete, ein typisches Shanghai-Geräusch: lautstark auf den Boden rotzen. Man macht das hier mit Inbrunst. Hört sich an, als würden sie den letzten Tropfen Phlegma noch aus den Fusszehen holen wollen. Ein dicker Rotzfleck landet um Haaresbreite an meinem Schuh vorbei. Als ich mich gerade umdrehe um loszulegen, sehe ich in das Gesicht einer vielleicht 19-jährigen, schwer aufgepeppten, stylischen Jungchinesin, die mich anlächelt als hätte sie mir gerade eine Rose geschenkt.

An jeder Ecke. (Quelle: http://www.geo-reisecommunity.de)

Darauf erst mal einen Kaffee. Im Office mache ich mir einen. Beim Griff zum Zucker sehe ich noch etwas huschen, ignoriere es aber. Zucker ist alle, im Schrank ist bestimmt noch welcher. Beim Öffnen fallen mir etwa zehn Kakerlaken entgegen, die sich beeilen wieder ins Dunkle zu kommen. Im Office!

Als ich mich an meinen Schreibtisch setze, fällt dieser in sich zusammen. Es war abzusehen, er knarzte schon bedenklich und nur eine bestimmte Stellung im Raum an der Wand, hielt ihn überhaupt noch zusammen. Jemand hatte wohl ihn verrückt (aus welchen Gründen auch immer) und dabei das letzte Bisschen Stabilität zerstört.

Durch das Unglück mit dem Tisch mit Kaffee eingesaut. Hände waschen. Auf der Toilette begegne ich einem Kollegen, der mir freundlichst einen wundervollen guten Morgen wünscht und sich dann in eine Kabine begibt. Erst höre ich ihn telefonieren, dann dabei lautstark seinen Darm entleeren. Wunderbar.

Bis Mittag passiert erst mal nichts. Mir reicht es aber eigentlich schon. Ich bin mir sicher, daß das noch nicht das Ende des Wahnsinns war.
Würde mich nicht überraschen, wenn auf dem Weg nach Hause einen Stromschlag bekomme und dann im Krankenhaus hilflos widerlichen Geräuschen ausgeliefert bin.

1:0 für China heute.

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5 Gedanken zu „China-Tage.

  1. Hallo,
    wollte nur mal loswerden, dass dein Blog so ziemlich der beste China-Blog ist, den ich kenne. Habe von deinem Blog erfahren, da ich schon längere Zeit den Blog deiner Frau lese und ich bin begeistert!

    Ich bin seit 3 Monaten in China (Nanjing) und werde auch noch mindestens 7 weitere Monate bleiben und ich muss einfach sagen, dass ich bei vielen deiner Posts während des lesens einfach nur mit dem Kopf nicken und sagen kann: Genau so ist es, das ist China.

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