China, der Job, mein Blutdruck und ich. (Teil 2)


Fragt man mal unverbindlich unter Expats nach, wie sie China denn finden, hört man erstaunlich häufig Aussagen wie: „Super Land, tolle Menschen, einfach spannend…wenn wir nur nicht mit Chinesen arbeiten müssten.“

Kulturelle Unterschiede sind hier manchmal gar nicht so gravierend und oft sogar drollig. Geschäftliches Miteinander hier ist aus westlicher Sicht sehr deutlich anders und kein bisschen drollig. Im ersten Jahr fühlt man sich ein bisschen wie Bambi im Vietnamkrieg.

Man kann es in der Theorie lernen, Einführungskurse bekommen und darüber lesen wie man möchte, aber in China arbeiten ist wie ein Auffahrunfall mit einem Wasserbüffel – schwer zu beschreiben, muss man selbst erlebt haben. Neben der Sache mit dem Gesicht, ist noch etwas schwer für Nicht-Chinesen: chinesische Denk- und Handelskonzepte:

  1. Guanxi
    Guanxi ist das Netzwerk persönlicher Verbindungen. Nepotismus. Klüngel. Viel stärker als unser „eine Hand wäscht die andere“ – hier geht nichts ohne den richtigen Kontakt. Gar nichts.
    Geschäfte machen, Geschäfte behalten, Geschäfte zerstören, Kinder auf die richtige Schule schicken, für Falschparken nicht im Arbeitslager enden, am Obststand nicht vergiftet werden, Gesetze galant ignorieren – Guanxi ist allgegenwärtig. Was daran nervt, ist das Guanxi IMMER Entscheidungen beeinflusst. Und wenn es nur darum geht, die Kaffeemaschine im Büro zu reparieren – irgendjemand verdient immer daran, der wiederum jemanden kennt, der auch noch verdienen könnte. Dauert dann eben eine Weile länger, bis das ausgewürfelt ist. Guanxi hat hier noch viel mehr Bedeutung, aber das ist ein Post für sich (in dem voraussichtlich sehr viele Kraftausdrücke  Verwendung finden werden).

    Teil einer wundervollen Pictogrammserie von Yang Liu, einer in Deutschland lebenden, chinesischen Designerin (www.yangliudesign.com)

  2. Situational Ethics
    Verhalten und damit auch Geschäftgebahren, ist in China immer situativ. Ein Vertrag ist erst mal nur ein Stück Papier mit Vereinbarungen, die irgendwann mal so gestimmt haben. Das kann nächste Woche schon ganz anders aussehen. Oder fünf Minuten später.
    Auch vertraglich festgelegte Großdeals sind hier manchmal so verbindlich wie ein in Europa gemurmeltes „klar machen wir eine Bar auf“ mit 2,5 Promille.
    In Deutschland gilt ja oft noch „Ein Mann, ein Wort“ oder so etwas wie „Kaufmannsehre“ – vielleicht nicht gerade beim Gebrauchtwagenbasar im Autokino, aber man kann sich zumindest meistens darauf verlassen, daß das, was unterschrieben wurde auch eingehalten wird. Hier nicht. In China ist man sogar immens stolz darauf, die eigenen ethischen Maßstäbe immer wieder neu zu justieren und der Situation anzupassen.
    Daß „situational ethics“ so etwas wie „flexible Gesetze“ sind und damit einfach nur paradox, empfindet hier niemand so. Man kriegt hier sogar Komplimente dafür, wenn man richtig klug jemanden beschissen hat. Viele meiner Kunden sind urdeutsche, grundsolide, konzerngewohnte und konservative Manager. Erstaunlich eigentlich, wie wenig Schlaganfälle und/oder Amokläufe ich bisher beobachtet habe. Irgendwann erlebe ich mal eine menschliche Life-Explosion.
  3. Lächeln und zermürben
    Chinesisches Verhandeln und der Starrsinn sind bewundernswert. Man lässt sich gerade zu Beginn von der freundlichen und immer höflichen Fassade täuschen – ein chinesischer Geschäftspartner wird immer das letzte für sich rausholen und wenn es um einen verdammten Hello-Kitty-Aufkleber geht, den er zusätzlich zu dem 100 Mio Euro Deal noch bekommen könnte. Wichtig für den Erfolg aus chinesischer Sicht ist zum einen immer das Gesicht zu wahren, bloß keine Regung zeigen und zweitens niemals das Risiko zu meiden, sollte ein Deal denn platzen. Chinesische Geschäftsverhandlungen sind wie ein ständiges Chicken-Race. Zwei Autos, zwei Fahrer, ein Abgrund. Chinesen bremsen nicht. In China geht man lieber das Risiko ein alles zu verlieren und noch mal von vorne zu beginnen, als wirkliche Zugeständnisse machen zu müssen. Hätten Chinesen auf deutsch-französischer Seite Verhandlungen mit Griechenland geführt, würde Athen jetzt zum Großraum München gehören und man würde zu jedem Souflaki noch ein Cabrio bekommen.

Meine Lernkurve ist flach aber stetig. Ich ziehe hier zwar noch immer meistens den Kürzeren, weiss nun aber oft wenigstens warum. Werde trotzdem noch mal externe Quellen bemühen, ob mein chinesischer Name hier wirklich so positiv ist oder übersetzt „Naive, langnasige Flachbirne“ heisst.

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