Das Reich der Bequemlichkeit.


Ich denke, wir sind in China ein wenig agiler als noch in Deutschland. Mag am Angebot liegen, der Angst etwas zu verpassen oder das es länger dauert, bis man hier alles gesehen hat. Shanghai ist dann eben doch nicht Darmstadt. Mindestens drei bis vier Tage die Woche sind wir abends locker unterwegs. Restaurants, Bars, Events – für Partyhasen und Wine&Dine Freunde ist Shanghai ein Paradies. Wahrscheinlich sehen alle Expats allein deshalb schon zehn Jahre älter aus.

Das Gegenteil ist sogar noch einfacher: nichts tun. Sich nicht vom Sofa rühren – ultimative Faulheit. Außer einem Telefon und Internetzugang braucht man nichts zur völligen Regungslosigkeit. Die unnachahmliche Mischung aus chinesischem Geschäftssinn, niedrigen Lohnkosten und absurdem Marktpotential ergibt in Summe den heiligen Gral aller Couchpotatoes. Wer in den USA Service bewundert hat, wird China lieben (zumindest mal in Shanghai, Beijing und Guangzhou).
Es gibt nichts, was nicht geliefert, geholt oder von jemand anderem erledigt werden kann, wenn man denn möchte. Leider macht das auch aus vielen Expats eklige Kolonialherren, aber das ist ein anderes Thema.

Meine Favoriten:

  1. Sherpa’s…
    …ist die Mutter aller Lieferdienste. Warum in Deutschland noch keiner drauf gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht habe ich Dorfkind es aber bisher einfach noch nirgends gesehen. Einfach ein Lieferdienst, der das Angebot vieler, vieler Restaurants konsolidiert. Egal ob kantonesisch, italienisch oder nord-uigurisch: Sherpa’s hat’s. Die Bestellung ist ultimativ einfach: per Telefon und einem monatlich erscheinenden Büchlein oder direkt online bestellen – spätestens 45 Minuten später steht ein Bote auf Roller mit leckerem Essen vor der Tür. Verlangen nach Pasta Carbonara ereilt mich manchmal urplötzlich. Dank Sherpa’s kann ich dem auch sofort nachgeben. Sehe bald aus wie das Michelin-Männchen, aber auch Personal-Trainer kann man online bestellen. Im Sommer dann.

    Kalorien klicken.

  2. Taobao…
    …ist China’s Ebay und Amazon in einem. Sieht aus wie die digitale Version eines Aldi-Beilegers auf einem LSD-Trip gestaltet, ist aber mit das Genialste was Chinas  Unternehmer je hervorgebracht haben. Taobao ist so umfangreich und so schnell, daß es jeder nach 1980 geborene fast täglich benutzt. Sie bestellen sogar einen Becher Sojamilch online. Dank meines peinlich geringen Chinesisch-Wissens bin ich auf Hilfe angewiesen, aber es ist toll. Wenn auch nicht ohne Tücken. Letztes Jahr haben wir unseren Weihachtsbaum auf Tabao bestellt – er wurde auch zwei Tage später sofort geliefert. Leider sah er eher nach post-apokalyptischem Grabschmuck als nach stolzer Nordmanntanne aus, aber bei Taobao kosten Lichterketten nur ein paar Cent. Oh Tannenbaum.

    Nichts für Epileptiker.

     

  3. Die Ayi…
    …ist chinesisch für das „Hausmädchen“ (wörtlich übersetzt die „Tante“) und einfach wunderbar. Ich habe sie ja schon ein paar Mal erwähnt, aber eigentlich müssten wir ihr einen eigenen Lobesschrein online erstellen. Kaum etwas, was China angenehmer macht – und einen mehr verlottern lässt. Jeder Besserverdiendende hat eine Ayi (und Einkommen über 150.000 gelten hier als reich. Das sind Yuan, also etwa 1400 Euro im Monat).
    Meist rekrutieren sich Ayis den über 150 Mio Wanderarbeitern aus der Provinz, die des Geldes wegen in die Stadt gezogen sind (und wirklich kein leichtes Leben haben). Ayis kosten um in etwa 8-10 Yuan die Stunde. Rund einen Euro. Bei uns kommt sie drei Mal die Woche und sorgt für fantastische Grundreinheit. Häufig lebt die Ayi bei der Familie und kocht zudem noch oder kümmert sich um die Kinder – Familien mit mehreren Ayis sind nicht selten.
    Wir lieben unsere Ayi abgöttisch, weil sie nicht nur große Hilfe, sondern auch ein wundervoller Mensch ist und versuchen im Gegenzug ihr die Arbeit so angenehm und einfach wie möglich zu machen. Wir sind faule, aber sehr dankbare Schweine.
    Leider ist unsere Gruppe damit in der Unterzahl. Wie häufig man sich (besonders deutsche) Expats über ihre Ayi beschweren hört ist erschreckend. „Wie schlecht sie geputzt hat“, „Wie ätzend sie guckt“ – das können manche stundenlang. Es ist nur beschämend und furchtbar einem solchen Gespräch beiwohnen zu müssen. Statt sich zu freuen und dankbar zu sein ein Leben zu führen, daß wir alle so in Deutschland sicher nicht führen könnten, deutsches Gemotze. Das böse Erwachen folgt dann zurück in Wuppertal hoffe ich.

Eigentlich sind das alles nur kleine, bruchstückhafte Beispiele. Natürlich ist Shanghai laut, hektisch, ungesund und nicht gerade Alpenidylle. Aber es ist auch aberwitzig bequem. In kleinsten Alltagsdingen:

  • zwischen dem Gedanken an McDonald’s und einem Big Mac in der Hand halten liegen ein Anruf, 50ct und 10 Minuten. Schneller noch, wenn man „ich habe großen Hunger“ sagt bei der Bestellung.
  • Tierfutter und Getränke sind schwerer als Baguette. Liefern lassen am selben Tag ist dank Cityshop online kein Thema.
  • Maßhemden die man telefonisch nachbestellen kann, sind schon fast nicht mehr beeindruckend. Wachsfiguren in Lebensgröße, Kaschmirpullover und Möbelstücke maßgefertigt für einen Bruchteil des europäischen Preises habe ich in Frankfurt noch nicht entdeckt.
  • Tobsuchtsanfälle am Media-Markt Reklamationsstand, kann man hier vergessen. Hier kommt jemand vorbei und bringt zwei Tage später das Ergebnis zurück. Für einen Appel und ein Ei.

China kostet manchmal Nerven. Aber es macht es häufig auch mehr als wett. Ein verwöhntes: „Danke“ vom Laowai.

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6 Gedanken zu „Das Reich der Bequemlichkeit.

  1. Hallo, habe deinen Blog durch deine Frau entdeckt und finde ihn super!
    Es gibt übrigens ein sherpa’s-Pendent in Berlin, mir ist nur gerade der Name dafür entfallen. Haben auch so ein Büchlein und man sieht sie in ihren Smarts oder auf Rollern herumflitzen. Kostet aber auch.
    Liebe Grüße aus Berlin 🙂

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