Der Weihnachtsmann lebt nicht am Nordpol.


Die Sache mit der Weihnachtsdekoration muß genetisch bedingt sein. Meine Mutter hat unser Elternhaus schon immer in ein 100.000 Watt Lichterketten Opus verwandelt. Wir lebten lange Zeit unweit des Frankfurter Flughafens und niemanden hätte es überrascht, wenn mal ein Airbus versehentlich in unserem Garten, anstatt auf Landebahn 07R/25L aufgesetzt hätte. Auch jetzt noch ist bei meinen Eltern im Grunde 365 Tage im Jahr Weihnachten.
Ich fürchte, ich habe das geerbt. Genau jetzt ist die Zeit um die Weihnachtszeit einzuläuten. Eigentlich mag ich es ja lieber reduziert und nüchtern. Eher skandinavisch als US-amerikanisch – aber in der Adventszeit muß man Weihnachten Platz geben. Viel Platz. Lichterketten, Tannenzweige, Weihnachtsmänner, Rentiere, Weihnachtslieder, Kitsch – ich will alles! Meine Frau ist glücklicherweise nachsichtig ob solcher Macken. Die meisten anderen Gattinnen würden wohl gerichtlich angeordnete Entmündigung in Erwägung ziehen.

Auf der Suche nach Weihnachtsdeko haben wir gestern den Flower and Bird Market in Hongqiao (ein Stadtteil unweit von uns) angesteuert, dort gibt es auch viel Kleinteiliges. Hauptgewinn. In China ist Weihnachten so wichtig wie in Deutschland der chinesische Grabstein-Kehren-Tag – aber hier kaufen viele Expats ein. Das sieht man. Zudem dämmerte es mir: die meiste Deko wird eh in China hergestellt – kaufen also direkt von der Quelle.

Lichterketten Paradies.

Für Weihnachtshasser oder -neutrale wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, aber für mich fühlte es sich an, als würde jemand der besessen von italienischer Mode ist entdecken, daß Zegna im Nachbarhaus schneidern lässt. Sofort verfiel ich in Adventsautismus und wir stöberten die nächsten zwei Stunden durch diverse Läden.

Dekomania.

Es gibt nichts, was es nicht gibt:
selbstverständlich beleuchtete Rentiere. Tannenbäume in 16 Mio Farben. Geschenkkartons die singen und glotzen. Weihnachtshasen, -rehe, -enten. Weihnachtsenten!

Ein Laden fast ausschließlich für Geschenkband.

Ich habe schon viel Weihnachtskitsch gesehen und war eigentlich der Meinung, es könnte mich nicht mehr viel umhauen. Unter anderem gibt es z.B. in Rothenburg ob der Tauber ein 12-Monate-Weihnachtsgeschäft. Anfänger.

Wir sollten Nüsse kaufen.

Wahrscheinlich kann keiner der hier vertretenen chinesischen Händler erklären, was Weihnachten ist oder worum es da geht. Es wird ihnen aber angesichts der verzückt einkaufenden Laowais auch herzlich egal sein.

Santa already is in town.

Ich glaube, daß Kinder, die ihre Wunschzettel an den Nordpol schicken, ihre Zeit verschwenden. Der Weihnachtsmann lebt dort nicht. Er lebt in Hongqiao.

Muss nun ein Haus in Kitsch verwandeln. So long.

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4 Gedanken zu „Der Weihnachtsmann lebt nicht am Nordpol.

  1. Pingback: unser wochenende in bildern | fräulein lara

  2. Yo. Wir sind eben doch nur das Produkt unserer Eltern. Mit anderen Worten: die mühevolle Akzentuierung der Individualität in der Pubertät war beim Weihnachtsritual für den Arsch. Ich habe die von Oma handgetöpferte Grippe auch schon aus dem Keller geholt, Lichterkette gelegt und im Wald Tannenzweige und Panzerbäume (Tannenzapfen auf jonisch) gesammelt.

  3. Pingback: merry x-mas! | fräulein lara

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