Preisfragen.


In kaum einer Stadt auf der Welt dreht sich so viel ums Geld wie in Shanghai. Verglichen mit der hiesigen Hetzjagd nach Reichtum, wirken manche Londoner Cityboys wie bescheidene Dorfbewohner. Unternehmer, Manager, Expats, Schuhverkäufer, Gemüsehändler, Ayis – sie alle eint die große Gier. Festzustellen, daß Geld in Shanghai wichtig ist, ist wie zu sagen daß Fische Wasser etwas abgewinnnen können.

Am Erstaunlichsten finde ich dabei die großen Preisunterschiede im Vergleich zu Europa – in beide Richtungen. Unterm Schnitt sind Lebenshaltungskosten hier niedriger – solange man nicht darauf besteht, exakt so wie in Deutschland zu leben. Wer nicht auf Wölkchenpudding, Rohmilchkäse oder Bärchenwurst verzichten kann, sollte das Auswandern nach China aber sowieso noch mal überdenken.

Vieles ist fast unfassbar billig, andere Preise sind dafür so unverschämt, daß auch Marie Antoinette wohl hüsteln würde. Meine persönlichen Favoriten in der Kategorie „Der Preis ist heiß“:

China für Geizige:

  1. Erstmal sowieso fast alles, was ohnehin in China produziert wird. Also sehr viel. Besonders erstaunlich: Elektrogeräte. Die amerikanische Handelskette „Best Buy“ musste sich letztes Jahr schon vom Markt trollen, weil sie bei den hiesigen Preisen (und damit Margen) nicht mithalten konnte. Ich möchte manchmal nicht mal wissen, was die wirklichen Produktionskosten sind.

    Für 10 Euro gibt es in Deutschland fast nicht mal eine DVD. Geschweige denn einen Player.

  2. Dienstleistungen. Egal worum es geht, in China gibt es immer jemanden, den man beauftragen kann. Haus putzen, Hunde ausführen, in Schlangen anstehen, im Internet bestellen, Cheeseburger liefern – Arbeitskraft ist durch 150 Mio Wanderarbeiter ausgesprochen billig. Mein persönlicher Favorit ist der McDonald’s Lieferdienst (den ich aus Rücksicht auf unsere Waage nicht häufig in Anspruch nehme). Für einen Euro mehr, bringen sie auch eine kleine Pommes vorbei.
  3. Maßgeschneidertes. Ob Anzug, Hemd, Schuhe oder Handschuhe – es gibt wenig, was man sich hier nicht auf den Leib schneidern lassen kann. Dabei ist die Auswahl und Preisspanne riesig. Anzüge gibt es ab 50 Euro maßgeschneidert im Fabric-Market – allerdings sieht man in diesen auch manchmal aus wie dem Zirkus entflohen. Qualität ist da eher Glückssache.
    Dafür bekommt man an anderer Ecke für den Preis eines gehobenen Anzugs von der Stange in Deutschland, auf den maßgeschneidertes, feinstes Tuch. Hemden gibt´s dann meistens (fast) umsonst noch mit dazu.
  4. Essen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man in sonst noch einer Weltmetropole so günstig (und gut) essen kann wie in Shanghai. Dabei meine ich nicht nur Straßenstände – je nach persönlicher Toleranzschwelle in Sachen Hygiene und Zutatenherkunft geht es hier eigentlich immer noch ein bisschen billiger. Wer Grundrechenarten beherrscht, hält sich allerdings besser fern von Angeboten wie „zwei Rinderfiletspießen mit Gemüse für 2 Yuan (25ct)“. Für den Preis müsste man Rinder auf der Innenstadt mit der Hand fangen uns sofort verarbeiten können. Was man mit anderen Tieren durchaus kann…

    Aber auch alle anderen Formen der Nahrungsaufnahme sind deutlich günstiger als in Europa. Essen im Restaurant mit durchschnittlicher chinesischer Küche für zwei kostet um die 200 Yuan und sogar Michelin-gekrönte Küche ist sicher 25% günstiger als bei uns. Oft ist essen gehen deutlich einfacher und günstiger als selbst kochen. Mit ein Grund dafür, warum ich mit meinem Schatten mittlerweile ganze Häuserzeilen verdunklen kann.

China für Neureiche:

  1. Luxusgüter. Im Grunde alles, was in Sachen Marke über H&M hinausgeht. Das gilt für Kleidung wie für Schmuck oder Kosmetik. Manche Marken sind hier so albern teuer, daß man ständig nach der versteckten Kamera sucht. Schuld sind die immense Nachfrage (140.000 Dollarmillionäre allein in Shanghai) und Steuern, Zoll und sonstiges, die Dinge hier bis zu 57% teurer machen als in Europa und den USA. Der Luxusmall „Plaza 66“ fehlt damit tatsächlich nur noch eine Ziffer zum Teuflischen. Meine ansonsten zauberhafte und anmutige Frau, mutiert angesichts der unverschämten Preise dort daher auch gerne mal zum Werwolf.

    Palast der Tränen (Quelle: allaboutsh.com)

  2. Milchprodukte. Eigentlich nur logisch: um Milch in Mengen wie in Deutschland zu bekommen, müssten für 1,3 Milliarden Chinesen etwas mehr als 200 Mio Kühe bereitstehen. Milch trinkt hier aber kein Mensch, der älter als 3 ist und Käse ist so verbreitet wie bei uns Algensalat (es gibt ihn natürlich, aber nicht überall). Importieren ist teuer, für den Preis von Hüttenkäse kann man in Deutschland schon fast nach Mallorca fliegen.  Daher wird Käsefondue angesichts 20 Euro Emmentaler auf absehbare Zeit wirklich die Ausnahme unseres Speiseplans bleiben.
  3. Wein. Tut uns als mittlerweise zweifelsfreien Borderline-Alkoholikern besonders weh. Wo man in Deutschland für 2 Euro die Flasche von Winzer schon netten Alltagswein bekommt, kriegt man hier für das doppelte nur einheimische Produkte. Wein würde ich das nur ungern nennen wollen. Wir haben angesichts trinkbaren, günstigen französischen Rotweins bei Metro schon kleine Anfälle der Entzückung bekommen. Man wird bescheiden.

    Muss man selbst erlebt haben: Dynasty Wein (Quelle: http://www.chine-informations.com)

  4. Strom. Dabei fühle ich mich wie ein schwäbischer Spießer, es ist jedoch schon überraschend teuer. Ohne Klimaanlage oder elektrische Heizung ist es, sagen wir unkommod, in Shanghai. Sicher ein Luxusproblem und damit sollte ich einer schwitzenden/schockgefrorenen, energiesparenden, chinesischen Durchschnittsfamilie schon mal gar nicht kommen, aber: fast siebenhundert Euro Stromrechnung hatte ich bisher noch nicht. Dafür kostet Wasser nichts.

Alles in allem ist das Leben insgesamt günstiger. Es kommt einem manchmal wahrscheinlich allein schon deshalb nicht so vor, weil es keinen größeren Schein als eine 100-Yuan Banknote gibt. Damit fühlt sich jeder Monat Miete zahlen allein schon wie ein Kokaindeal an.

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2 Gedanken zu „Preisfragen.

  1. Ich muss nun mal endlich loswerden, dass ich deine Posts mit vergnügen verschlinge. Freue mich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn es einen neuen gibt und gerne trinke ich auch mal ein Glas Wein (welches, ich euch hiermit imaginär rüberschicke!) nebenher.
    Ich freue mich auf viele weitere, zynische, sarkastische, erheiternde und unterhaltsame Posts.
    Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland.

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