Der Drache kommt.


Zu kaum einer Zeit ist China erstaunlicher, wuseliger und insgesamt chinesischer als im Augenblick: das Chinesische Neujahrsfest steht vor der Tür. Da sich dies nach dem Mondkalender richtet (wer mal auf Parties Eindruck schinden will: chinesischer Himmelsstamm–Erdzweig-Kalender), findet es jedes Jahr zu einer anderen Zeit statt. Durchdrehen tun sie jedoch jedes Jahr ähnlich.

Ab Montag beginnt das Jahr des Drachen. Genauer gesagt des Wasser-Drachen. Was nach chinesischer Auffassung ein astronomischer Jackpot ist:

Vielversprechend ist für Wahrsager diesmal die Kombination des Drachen mit dem sanften Element Wasser, was nur alle 60 Jahre vorkommt. Das Wasser wird die Aktienmärkte zwar im Fluss halten, soll den Drachen aber beruhigen. Der Wasserdrache gilt als verständnisvoll, diplomatisch, intelligent und weise. Ohne Wasser kann der Mensch nicht leben. Wasser nährt die Natur, lässt Bäume wachsen. Und das Holz schenke dem Drachen besonderes Glück, heißt es.

So sollen im Wasserdrachenjahr die Ideen fließen, die Kreativität wachsen und die Volkswirtschaften aufblühen, wie Horoskope glauben machen wollen. (www.stern.de)

Kurz: Drachenjahre rocken. Dieses Jahr war bisher das Jahr des Metall-Hasen und im Vergleich etwas zahm. Drachen sind ja schließlich auch tausendmal cooler als Hasen.

Ein Land voller Drachen. (Quelle: http://www.ibtimes.com)

Egal welches Tierkreiszeichen kommt, es ist das größte Fest in China und folgt einem strikten Ablauf, den ich wahrscheinlich nie ganz verinnerlichen werde. In jedem Fall laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren und einige Bräuche haben unmittelbaren Einfluss auf unser Leben. Nicht immer freut man sich darüber.

Für alle Firmen (auch internationale wie unsere) sind um diese Zeit „Spring Dinners“ obligatorisch. Unseres war letzte Woche und ich bin froh, erst mal wieder ein Jahr Ruhe zu haben. Mir fehlen ein wenig die Vergleichswerte, aber eine Kurzumfrage im Freundeskreis bestätigte, daß die Kernelemente immer die gleichen sind:

Phase 1: Früh anfangen und keine Zeit verlieren.

Spring Dinners sind wie Militäroperationen geplant und getaktet. Um Punkt 18.30 geht es los, Einzug aller Beteiligten, die Sause startet mit einer Verlosung, die sich durch den Rest des Abends zieht.

Phase 2: Essen. Trinken. Trinken. Trinken. Umfallen.

Meist finden Spring Dinners in großen Restaurants statt, die souverän und gewohnt mehrere Hundert volltrunkene und enthemmte Angestellte versorgen und im Griff behalten. Zu großen Anlässen wird eh schon viel getrunken – beim Spring Dinner gilt das verschärft. Unter Strafe. Jeder Tisch ist eine Gruppe unter Führung eines Teamleaders. Auf unserem Tisch fanden sich neben Unmengen von Essen diverse Flaschen unterschiedlicher Umdrehungszahl. Unter anderem zwei Flaschen Whisky die innerhalb drei Stunden geleert werden mussten, wenn man nicht Disziplinarstrafen erwarten will. Das will man nicht. Im letzten Jahr musste ich mich auf der Bühne ausziehen und habe ein kleines Trauma davongetragen. Die Zuschauer aber sicher auch.

Phase 3: Geschenke!

Der eigentlich wichtige Teil. Geschenke sind super wichtig – dagegen ist die Tombola auf einer deutschen Geschäftsfeier ziemlich armselig. Das Gesicht der Firma und des Managements steht auf dem Spiel, man will sich nicht lumpen lassen: Fernseher, Reisen, iPhones, diverse Haushaltsgeräte, Bargeld in Mengen. Ständig bekommt jemand etwas und wird von den Moderatoren des Abends gebührend auf der Bühne geehrt. Das ganze passiert im 10-Minuten-Takt, viele Geschenke wollen verteilt werden. In China ist man fair – alle, die nichts bekommen haben, bekommen am nächsten Tag ein Geschenk im Büro. Soll ja keiner leer ausgehen.

Phase 4: Blamieren und Erniedrigen.

Spring Dinners sind eine der seltenen Gelegenheiten, ungestraft mal ein bisschen Dampf abzulassen und das Management vorzuführen. Ein liebevolles Attentat. Wie Karneval mit Panzerfaust. Nicht böse gemeint, ist aber als Westler gewöhnungsbedürftig. Mein persönlicher Lernerfolg: sich zieren macht es nur noch schlimmer. Am besten trinken und Volldampf voraus.
Motto diesen Jahres war: MTV Nights. Jede Tischgruppe muss ein Musikvideo nachspielen in möglichst authentischen (oder zumindest blamablen) Outfits. Leider war meine Gruppe von einer Interpretation von Lady Gagas „Telephone“ nicht abzubringen. Mit mir als Lady. Erstaunlich, wie viele Hemmungen man nach nur einem Jahr China ablegen kann. Trotzdem wird halbnacktes Herumtanzen in BH und mit blonder Perücke wohl kein Hobby. Dankbarerweise bin ich nicht der Einzige, viele meiner Kollegen hat ein ähnliches Schicksal ereilt – Lady Gaga ist hier ganz groß.

Alle gaga. Nein, das bin nicht ich, sondern ein Kollege mit ebensoviel "Spaß" (er war mit dem Foto eh schon im Netz)

Phase 5: Fertigmachen.

Wenn das Management angezählt ist, wird es Zeit für den KO. In unserem Fall hieß das Sekunden-Shots. Man öffnet den Mund und jemand gießt einem Hochprozentiges in den Schlund. Mehrere Male. Das Publikum entscheidet über die Anzahl der Sekunden. Zehn Sekunden Whisky sind verblüffend viel.

Phase 6: Abhauen

Wenn alle beschenkt und strackenvoll sind, hört alles fast schlagartig auf. Um Punkt 22.30 gehen die Lichter an und ALLE gehen sofort nach Hause. So man das denn gehen nennen kann.

Ab morgen ist nun erst mal eine Woche frei und die wildesten Tage stehen noch bevor. Es wird laut und berichtenswert.

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12 Gedanken zu „Der Drache kommt.

  1. „Im letzten Jahr musste ich mich auf der Bühne ausziehen und habe ein kleines Trauma davongetragen. Die Zuschauer aber sicher auch.“ LOL!!
    Ich wünschte ich wäre dabei… nein… Ich meine, ich vermisse diese Art von Feiern. Was meinst du wie deutsche Feiererei mich nervt… Weder am Alkohol noch am Tanzen habe ich Spaß. Und die Deutschen trinken und tanzen und trinken und tanzen bis in die Puppen, woran ich absolut den geringsten Spaß habe. Chinesen hassen es nach 12 ins Bett zu gehen! Ich wäre am liebsten jedesmal vor 12 gegangen…
    Kennst du 闹洞房?Das wäre dann so ziemlich alles ‚Üble‘, was die Freunde von einem Hochzeitspaar mit den beiden anstellen am Hochzeitsabend. Dagegen sind die harmlosen Spielereien auf einer deutschen Hochzeit gar nix, LOL.
    Wenn es in China um enthemmtes Feiern geht, müsste es ja zwangsläufig so verlaufen wie bei einem 闹洞房. Solange man selber nicht ausziehen muss, macht alles ja so herrlich Spaß LOL

    • Oh ja, das glaube ich gerne. Selbst als Deutscher finde ich deutsche Feiern in den meisten Faellen einfach nur gruselig. 闹洞房 kenne ich zwar nicht, aber Google Translate sagt mir es sei die Brautkammer – hoert sich beaengstigend an 😉 Wuensche Dir noch viel Spass und gute Nerven in Deutschland!

  2. hahahahaha! wundervoll! ich feier hier mit den viets in einem restaurant das chin. neujahr.
    der einzige haken ist, dass ich in DE lebe und man hier sicher nicht die sau rauslassen kann/darf. schade! ich vermisse das richtige chin. neujahr.

  3. Jetzt muss ich aber auch einen Kommentar bei Dir hinterlassen. Dein Blog ist einfach grossartig! Ich habe ihn gerade komplett verschlungen und mich dabei immer wieder ertappen müssen wie ich bei jedem zweiten Satz lachen musste. Herrlich intelligent und lustig geschrieben, einfach lesenswert. Freue mich auf alle weiteren Beiträge und dabei denken „DAS kenn ich auch! So habe ich SH bzw. HKG erlebt.“

  4. Ich verfolge Dein Blog nun schon eine ganze Zeit – und das schlimmste dabei ist, dass ich zwar bei manchen Alltagsgeschichten ein flaues Gefühl in der Magengegend bekomme, aber doch nicht ernsthaft abgeschreckt bin 🙂
    In diesem Sinne, mach weiter so! Auf ins Jahr des Drachen (ich bin sogar einer)!
    LG

  5. Pingback: Goldene Woche. | chinaist

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