Verkehrspsychosen.


Autofahren war schon immer etwas, hm, schwierig für mich. Zwar liebe ich Autos und genieße schöne Fahrtstrecken genauso sehr wie kleine Geschwindigkeitsräusche – ich bin aber kein besonders guter Fahrer. Genauer gesagt bin ich sehr häufig eine handfeste Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer. Grund dafür ist, wie so oft, meine generelle Neigung zur Ungeschicklichkeit und die Tendenz zu großen Aufmerksamkeitslücken. Ich bin davon überzeugt, daß meine letzten Worte so etwas wie „Wa…?“ oder „Ey!“ sein werden.

Im Laufe meiner nun doch langen Karriere als Autofahrer habe ich ein Fahrzeug komplett zerlegt, hatte mehrere Auffahrunfälle und sehr regelmäßige Ausflüge auf Geh- und Fahrradwegen, Gegenfahrbahnen, Einbahnstraßen und Abgründen. Da man schon auf dem Weg zum Flughafen einen guten Überblick über die Gefahrensituation im Straßenverkehr in China bekommt, stand nie zur Debatte hier ein Vehikel selbst zu bewegen. Mit dieser Entscheidung allein habe ich sicherlich maßgeblich zur Verkehrssicherheit in Shanghai beigetragen.

Meine bisher ungewohnten Rolle als Passagier hat mir jedoch völlig neue Perspektiven eröffnet – eine Art automobiler Anthropologie. Dabei sind mir frappierende Unterschiede innerhalb Chinas aufgefallen:

  • Shanghai

    Man hat den Eindruck, die Stadt sei nur aus einem Grund gebaut worden: um möglichst viele Autos durch sie hindurch zu jagen. Teils mehrstöckige Hochstraßen, durchflutet von immens vielen Fahrzeugen. Derzeit sind es etwa 1 Mio Autos, bis 2020 sollen es voraussichtlich 2,5 werden. Hinzu kommen gefühlt noch einmal das zehnfache an Elektrorollern. Allen Verkehrsteilnehmern in Shanghai ist eines gemein: sie sind ruchlose Egoisten. Wenn Machiavelli einen Führerschein gehabt hätte, er wäre in Shanghai Auto gefahren. Dabei ist die Dreistigkeit fast schon beeindruckend: wer die Abfahrt verpasst hat, fährt einfach auf der Autobahn zurück. Wer auf der falschen Fahrspur ist, überquert einfach galant sieben voll besetzte Fahrspuren und es mich würde stark wundern, wenn der Begriff „Reissverschluss-System“ existierte. Dabei wird immer schön viel gehupt, egal ob zur Warnung, Entwarnung oder als minütliche Reflexhandlung. Natürlich sind sich alle einig, daß es langsam ein Problem wird mit dem Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel eine sinnvolle (und zeitsparende) Alternative wären. Genützt hat es nichts.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Fokusgruppe, in der ein Autofahrer ohne jeden Anflug von Ironie sagte „ich finde es gut und wichtig, daß die Regierung versucht den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Wenn mehr Leute die Metro nehmen, habe ich mehr Platz auf der Straße“. Gleichzeitig ist es ihnen absolut unverständlich, warum Autohersteller Dinge erfinden wie das automatische Abblendlicht. Kommentar: „Wieso soll ICH abblenden, weil ein ANDERER geblendet wird?“.
    Bei all diesen motorisierten Egoisten ist trotzdem erstaunlich wie wenig eigentlich passiert. Ich bin mir sicher, daß die Unfallbilanz Shanghais deutlich schlechter als die New Yorks ist, man sieht aber wirklich nur sehr wenige Unfälle.

  • Beijing

    Wenn Shanghais psychische Störung Egomanie ist, ist es in Beijing eine besondere Form des Autismus. Wikipedia erklärt zu Autismus:
    „Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen […] bis zur schweren geistigen Behinderung reichen. Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.“Als hätte jemand den typischen Verkehrsteilnehmer in Beijing beschrieben. Zwar hupen sie genau so gerne wie ihre Shanghaier Kollegen – sie haben ihre Umwelt dabei aber völlig ausgeblendet. Wenn man in Beijinger Autos schaut, sieht man auf dem Fahrersitz meistens Gesichtsausdrücke, die sonst Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Veteranen mehrjähriger Kriege vorbehalten ist: gähnende, ausdruckslose Leere und Gleichgültigkeit. Ich bin mir sicher, ein Beijinger könnte eine mit Katzenjungen gepflasterte Straße befahren ohne auch nur zu Blinzeln.

    Das ist an sich weniger ver- als einfach nur störend, gilt jedoch leider auch für die Taxifahrende Zunft. Um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers in Peking zu erhaschen, muss man sich mindestens mal in Brand setzen.

    Diese Teilnahmslosigkeit gepaart mit einer Straßenplanung, die nur von sadistischen Koksern erdacht worden sein kann, führt zu einem Verkehr für den es eigentlich einen eigenen Superlativ von „Stillstand“ geben müsste.

  • Hong Kong

    Sowohl Mainlander, Westler als auch Hong Konger selbst sind sich einig: die Stadt hat nicht viel gemein mit China. Man spürt die britische Prägung noch heute deutlich, ganz besonders im Straßenverkehr. Abgesehen davon, daß sie meiner Ansicht nach auf der falschen Seite fahren, sind Autofahrer in Hong Kong ausgesprochen zivilisiert, höflich und erstaunlich regelkonform. Fast schon ein bisschen unheimlich. Wahrscheinlich einzig um Stadtfremden ein bisschen Aufregung zu verschaffen, hat man sich bei der hiesigen Straßenplanung gedacht: das geht auch spannender. Anders kann ich es mir nicht erklären, für eine Stadt die ansonsten so viel Wert auf Effizienz und Ordnung liegt, ist die Straßenführung unfassbar psychotisch.Um sich für die richtige Fahrspur zu entscheiden, hat man im Schnitt fünf Zehntelsekunden Zeit. Wer dieses Zeitfenster verpasst, muss einmal die Insel umrunden um ans Ziel zu kommen.
    Stadtteile und Richtungen werden auf zwanzig Kilometer an jeder Straßenkreuzung angezeigt, aber auf den letzten 1000 Metern heisst es Richtung raten.
    Straßen und besonders Parkhäuser sind so eng, dass man selbst als Fußgänger Angst hat, anzuecken.
    Spurwechsel sind nicht vorgesehen und stehen unter Strafe auf fast allen Straßen. Wer sich einmal entschieden hat, bleibt auch bitte bei der Wahl und sollte sie ihn nach ausschliesslich nach Shenzhen führen.

Das alles mag aber auch meiner eigene Verbitterung geschuldet sein. Zum erstem Mal seit mehr als drei Jahren bewege ich wieder selbst ein Auto. Die Erkenntnis, dass es für Verkehrsrückkehrer bessere Bedingungen gibt als Linksverkehr, enge Strassen an Bord eines zu gross geratenen SUV, kamen mir schon am ersten Tag hier.

Hong Kong, nimm dich in acht.

Preisfragen.


In kaum einer Stadt auf der Welt dreht sich so viel ums Geld wie in Shanghai. Verglichen mit der hiesigen Hetzjagd nach Reichtum, wirken manche Londoner Cityboys wie bescheidene Dorfbewohner. Unternehmer, Manager, Expats, Schuhverkäufer, Gemüsehändler, Ayis – sie alle eint die große Gier. Festzustellen, daß Geld in Shanghai wichtig ist, ist wie zu sagen daß Fische Wasser etwas abgewinnnen können.

Am Erstaunlichsten finde ich dabei die großen Preisunterschiede im Vergleich zu Europa – in beide Richtungen. Unterm Schnitt sind Lebenshaltungskosten hier niedriger – solange man nicht darauf besteht, exakt so wie in Deutschland zu leben. Wer nicht auf Wölkchenpudding, Rohmilchkäse oder Bärchenwurst verzichten kann, sollte das Auswandern nach China aber sowieso noch mal überdenken.

Vieles ist fast unfassbar billig, andere Preise sind dafür so unverschämt, daß auch Marie Antoinette wohl hüsteln würde. Meine persönlichen Favoriten in der Kategorie „Der Preis ist heiß“:

China für Geizige:

  1. Erstmal sowieso fast alles, was ohnehin in China produziert wird. Also sehr viel. Besonders erstaunlich: Elektrogeräte. Die amerikanische Handelskette „Best Buy“ musste sich letztes Jahr schon vom Markt trollen, weil sie bei den hiesigen Preisen (und damit Margen) nicht mithalten konnte. Ich möchte manchmal nicht mal wissen, was die wirklichen Produktionskosten sind.

    Für 10 Euro gibt es in Deutschland fast nicht mal eine DVD. Geschweige denn einen Player.

  2. Dienstleistungen. Egal worum es geht, in China gibt es immer jemanden, den man beauftragen kann. Haus putzen, Hunde ausführen, in Schlangen anstehen, im Internet bestellen, Cheeseburger liefern – Arbeitskraft ist durch 150 Mio Wanderarbeiter ausgesprochen billig. Mein persönlicher Favorit ist der McDonald’s Lieferdienst (den ich aus Rücksicht auf unsere Waage nicht häufig in Anspruch nehme). Für einen Euro mehr, bringen sie auch eine kleine Pommes vorbei.
  3. Maßgeschneidertes. Ob Anzug, Hemd, Schuhe oder Handschuhe – es gibt wenig, was man sich hier nicht auf den Leib schneidern lassen kann. Dabei ist die Auswahl und Preisspanne riesig. Anzüge gibt es ab 50 Euro maßgeschneidert im Fabric-Market – allerdings sieht man in diesen auch manchmal aus wie dem Zirkus entflohen. Qualität ist da eher Glückssache.
    Dafür bekommt man an anderer Ecke für den Preis eines gehobenen Anzugs von der Stange in Deutschland, auf den maßgeschneidertes, feinstes Tuch. Hemden gibt´s dann meistens (fast) umsonst noch mit dazu.
  4. Essen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man in sonst noch einer Weltmetropole so günstig (und gut) essen kann wie in Shanghai. Dabei meine ich nicht nur Straßenstände – je nach persönlicher Toleranzschwelle in Sachen Hygiene und Zutatenherkunft geht es hier eigentlich immer noch ein bisschen billiger. Wer Grundrechenarten beherrscht, hält sich allerdings besser fern von Angeboten wie „zwei Rinderfiletspießen mit Gemüse für 2 Yuan (25ct)“. Für den Preis müsste man Rinder auf der Innenstadt mit der Hand fangen uns sofort verarbeiten können. Was man mit anderen Tieren durchaus kann…

    Aber auch alle anderen Formen der Nahrungsaufnahme sind deutlich günstiger als in Europa. Essen im Restaurant mit durchschnittlicher chinesischer Küche für zwei kostet um die 200 Yuan und sogar Michelin-gekrönte Küche ist sicher 25% günstiger als bei uns. Oft ist essen gehen deutlich einfacher und günstiger als selbst kochen. Mit ein Grund dafür, warum ich mit meinem Schatten mittlerweile ganze Häuserzeilen verdunklen kann.

China für Neureiche:

  1. Luxusgüter. Im Grunde alles, was in Sachen Marke über H&M hinausgeht. Das gilt für Kleidung wie für Schmuck oder Kosmetik. Manche Marken sind hier so albern teuer, daß man ständig nach der versteckten Kamera sucht. Schuld sind die immense Nachfrage (140.000 Dollarmillionäre allein in Shanghai) und Steuern, Zoll und sonstiges, die Dinge hier bis zu 57% teurer machen als in Europa und den USA. Der Luxusmall „Plaza 66“ fehlt damit tatsächlich nur noch eine Ziffer zum Teuflischen. Meine ansonsten zauberhafte und anmutige Frau, mutiert angesichts der unverschämten Preise dort daher auch gerne mal zum Werwolf.

    Palast der Tränen (Quelle: allaboutsh.com)

  2. Milchprodukte. Eigentlich nur logisch: um Milch in Mengen wie in Deutschland zu bekommen, müssten für 1,3 Milliarden Chinesen etwas mehr als 200 Mio Kühe bereitstehen. Milch trinkt hier aber kein Mensch, der älter als 3 ist und Käse ist so verbreitet wie bei uns Algensalat (es gibt ihn natürlich, aber nicht überall). Importieren ist teuer, für den Preis von Hüttenkäse kann man in Deutschland schon fast nach Mallorca fliegen.  Daher wird Käsefondue angesichts 20 Euro Emmentaler auf absehbare Zeit wirklich die Ausnahme unseres Speiseplans bleiben.
  3. Wein. Tut uns als mittlerweise zweifelsfreien Borderline-Alkoholikern besonders weh. Wo man in Deutschland für 2 Euro die Flasche von Winzer schon netten Alltagswein bekommt, kriegt man hier für das doppelte nur einheimische Produkte. Wein würde ich das nur ungern nennen wollen. Wir haben angesichts trinkbaren, günstigen französischen Rotweins bei Metro schon kleine Anfälle der Entzückung bekommen. Man wird bescheiden.

    Muss man selbst erlebt haben: Dynasty Wein (Quelle: http://www.chine-informations.com)

  4. Strom. Dabei fühle ich mich wie ein schwäbischer Spießer, es ist jedoch schon überraschend teuer. Ohne Klimaanlage oder elektrische Heizung ist es, sagen wir unkommod, in Shanghai. Sicher ein Luxusproblem und damit sollte ich einer schwitzenden/schockgefrorenen, energiesparenden, chinesischen Durchschnittsfamilie schon mal gar nicht kommen, aber: fast siebenhundert Euro Stromrechnung hatte ich bisher noch nicht. Dafür kostet Wasser nichts.

Alles in allem ist das Leben insgesamt günstiger. Es kommt einem manchmal wahrscheinlich allein schon deshalb nicht so vor, weil es keinen größeren Schein als eine 100-Yuan Banknote gibt. Damit fühlt sich jeder Monat Miete zahlen allein schon wie ein Kokaindeal an.

Orakelblog


Ok, nun ist es amtlich. Mein Blog besitzt magische Kräfte. Nicht etwa weil etwas besonderes drinstehen würde – aber er kann die Zukunft beeinflussen. Es ist jetzt schon wirklich mehr als einmal passiert: was auch immer ich schreibe, binnen 48 Stunden tritt das exakte Gegenteil ein.

Beweise gefällig?

  • Mein letzter Eintrag sprach vom Vorsatz häufiger zu bloggen – und ist nun schon neun Tage her, weil direkt im Anschluss eine Lawine von Arbeit auf mich einstürzte.
  • Ich lobe Shanghaier Taxifahrer in den Himmel – am nächsten Tag bringt mich einer fast um, weil er auf der Stadtautobahn einschläft und auf drei Spuren „ramme den LKW“ spielt.
  • Ich schreibe darüber, wie schnell man ein Taxi bekommt – zwei Tage später stehen wir wie bestellt und nicht abgeholt eine Stunde im Regen.
  • Ich bescheinige mir Gelassenheit im Umgang mit China und abgehärtet zu sein nach einem Jahr – keine 24 Stunden später schreie ich Chinesen auf der Straße an und stehe nur Sekunden vorm Blutrausch

Konnte nur Fußball. Anfänger. (Quelle: http://www.n24.de)

Dies ist nun also ein Experiment. Schauen wir mal, ob es klappt.

Ich möchte gar kein Gras im Garten, Macht und Reichtum interessieren mich nicht und ich wünschte, es würden viel mehr Leute auf den Weg spucken den ich kreuze.

Ich bin gespannt.

China-Charts.


Diese Woche war sehr chinesisch, ich bin zu fast nichts gekommen. Nicht mal dazu, mich per Blog darüber aufzuregen. Viel Arbeit, fünf Tage haben sich angefühlt wie zwei und die Resultate all dessen sind mager.

Ein Klassiker der Woche: unsere Heizung. Wir sind mittlerweile chinagestählt genug um zumindest Amokläufe zu vermeiden, es kostet aber nach wie vor Nerven.
Shanghai ist in Sachen Wetter sehr binär: kalt oder warm. Seit Montag ist es kalt. Nachdem wir im letzten Jahre große Teile des Winters unter 13 Grad im Haus hatten, haben wir dieses Jahr vorgesorgt: ausdrückliche schriftliche Vereinbarungen mit dem Landlord, ständige Beobachtung der Heizsituation und Chinesen mit Konsequenzen drohen, wo es ihnen wehtut: beim Geld. Nicht mal Straflager wirkt hier motivierender. In der Theorie.

Seit Montag erleben wir die Wiederaufführung des Schauspiels: „China repariert“. Je nach Tagesform ist das Tragödie oder Komödie. Leider nie Dokumentation.
Das Drehbuch würde wie folgt aussehen:

„The floor heating does not work, can you please send someone to fix it?“
„Sure.“

Drei Stunden später: Monteur kommt, schaltet die Heizung aus und an. Und geht wieder.

„The heating still does not work. Can you please have someone check it again.“
„Sure, no problem.“

Einen Tag später: Monteur 2 kommt, nimmt die Verkleidung ab, schaltet Heizung aus und ein. Geht wieder.

„The floor heating does not work. Again. Please fix it, it is getting cold.“
„No problem, we will send a better engineer.“

Gleicher Tag: Monteur 3 kommt, betrachtet die Heizung interessiert für 15 Sekunden und geht wieder.

(Proaktiv): „The engineer says, it needs to be fixed by someone from the manufacturer. We will send someone from BOSCH.“
„Good. When?“
„2-3 days max.“
„Hurry up, it is cold.“

Gleicher Tag, 19 Uhr, stockdunkel, Platzregen. Monteur 4 steht verwirrt und durchnässt um dunklen Garten und schaltet die Heizung an und aus. Geht wieder.

„What’s with the heating? The engineer did not do anything.“
„They will send a better engineer. We follow up with you.“

Das war Stand der Dinge gestern. Ich weiß jetzt schon, daß das uns noch ein paar Wochen beschäftigen wird. Am Wochenende kaufen wir Heizdecken.

Wirkliche Aufregung verursacht uns das eigentlich nicht mehr. China eben. Trotzdem etwas, was hier eindeutig anders läuft.
Wenn man in Deutschland ein Problem hat, ist das auch nicht witzig. Handwerker lassen drei Wochen auf sich warten, sagen dann, sie kommen Montag zwischen 8 und 12, stehen um 6 auf der Matte, reparieren alles zu zweit und berechnen die Arbeit für vier. Dafür geht dann wenigstens alles.
Hier gilt ein anderes Prinzip: wenn es ein Problem gibt, werden erst einmal ALLE möglichen Lösungen ausprobiert in aufsteigender Abfolge des Aufwandes. Man arbeitet hier ungern mehr als wirklich nötig.

Dabei fiel mir auf, daß man recht viel ganz nett vergleichen kann. Berufsbedingt bin ich Diagramm- und Prozessjunkie. Macht nicht unbedingt attratkiv, aber: ich LIEBE Charts. Ein paar Unterschiede lassen sich tatsächlich einfacher in Balken und Linien als in Worte fassen. Ich werde das einfach öfter mal versuchen.

Reparaturen

Schnelle Lösungen sind zu einfach.

 

Autofahren.

Prioritäten im Straßenverkehr.

Geräuschkulisse.

Bitte seien Sie laut.

Leben.

Alltag im Vergleich.

Werde nun losziehen und Elektroheizungen besorgen. Und Whisky.

China, der Job, mein Blutdruck und ich. (Teil 2)


Fragt man mal unverbindlich unter Expats nach, wie sie China denn finden, hört man erstaunlich häufig Aussagen wie: „Super Land, tolle Menschen, einfach spannend…wenn wir nur nicht mit Chinesen arbeiten müssten.“

Kulturelle Unterschiede sind hier manchmal gar nicht so gravierend und oft sogar drollig. Geschäftliches Miteinander hier ist aus westlicher Sicht sehr deutlich anders und kein bisschen drollig. Im ersten Jahr fühlt man sich ein bisschen wie Bambi im Vietnamkrieg.

Man kann es in der Theorie lernen, Einführungskurse bekommen und darüber lesen wie man möchte, aber in China arbeiten ist wie ein Auffahrunfall mit einem Wasserbüffel – schwer zu beschreiben, muss man selbst erlebt haben. Neben der Sache mit dem Gesicht, ist noch etwas schwer für Nicht-Chinesen: chinesische Denk- und Handelskonzepte:

  1. Guanxi
    Guanxi ist das Netzwerk persönlicher Verbindungen. Nepotismus. Klüngel. Viel stärker als unser „eine Hand wäscht die andere“ – hier geht nichts ohne den richtigen Kontakt. Gar nichts.
    Geschäfte machen, Geschäfte behalten, Geschäfte zerstören, Kinder auf die richtige Schule schicken, für Falschparken nicht im Arbeitslager enden, am Obststand nicht vergiftet werden, Gesetze galant ignorieren – Guanxi ist allgegenwärtig. Was daran nervt, ist das Guanxi IMMER Entscheidungen beeinflusst. Und wenn es nur darum geht, die Kaffeemaschine im Büro zu reparieren – irgendjemand verdient immer daran, der wiederum jemanden kennt, der auch noch verdienen könnte. Dauert dann eben eine Weile länger, bis das ausgewürfelt ist. Guanxi hat hier noch viel mehr Bedeutung, aber das ist ein Post für sich (in dem voraussichtlich sehr viele Kraftausdrücke  Verwendung finden werden).

    Teil einer wundervollen Pictogrammserie von Yang Liu, einer in Deutschland lebenden, chinesischen Designerin (www.yangliudesign.com)

  2. Situational Ethics
    Verhalten und damit auch Geschäftgebahren, ist in China immer situativ. Ein Vertrag ist erst mal nur ein Stück Papier mit Vereinbarungen, die irgendwann mal so gestimmt haben. Das kann nächste Woche schon ganz anders aussehen. Oder fünf Minuten später.
    Auch vertraglich festgelegte Großdeals sind hier manchmal so verbindlich wie ein in Europa gemurmeltes „klar machen wir eine Bar auf“ mit 2,5 Promille.
    In Deutschland gilt ja oft noch „Ein Mann, ein Wort“ oder so etwas wie „Kaufmannsehre“ – vielleicht nicht gerade beim Gebrauchtwagenbasar im Autokino, aber man kann sich zumindest meistens darauf verlassen, daß das, was unterschrieben wurde auch eingehalten wird. Hier nicht. In China ist man sogar immens stolz darauf, die eigenen ethischen Maßstäbe immer wieder neu zu justieren und der Situation anzupassen.
    Daß „situational ethics“ so etwas wie „flexible Gesetze“ sind und damit einfach nur paradox, empfindet hier niemand so. Man kriegt hier sogar Komplimente dafür, wenn man richtig klug jemanden beschissen hat. Viele meiner Kunden sind urdeutsche, grundsolide, konzerngewohnte und konservative Manager. Erstaunlich eigentlich, wie wenig Schlaganfälle und/oder Amokläufe ich bisher beobachtet habe. Irgendwann erlebe ich mal eine menschliche Life-Explosion.
  3. Lächeln und zermürben
    Chinesisches Verhandeln und der Starrsinn sind bewundernswert. Man lässt sich gerade zu Beginn von der freundlichen und immer höflichen Fassade täuschen – ein chinesischer Geschäftspartner wird immer das letzte für sich rausholen und wenn es um einen verdammten Hello-Kitty-Aufkleber geht, den er zusätzlich zu dem 100 Mio Euro Deal noch bekommen könnte. Wichtig für den Erfolg aus chinesischer Sicht ist zum einen immer das Gesicht zu wahren, bloß keine Regung zeigen und zweitens niemals das Risiko zu meiden, sollte ein Deal denn platzen. Chinesische Geschäftsverhandlungen sind wie ein ständiges Chicken-Race. Zwei Autos, zwei Fahrer, ein Abgrund. Chinesen bremsen nicht. In China geht man lieber das Risiko ein alles zu verlieren und noch mal von vorne zu beginnen, als wirkliche Zugeständnisse machen zu müssen. Hätten Chinesen auf deutsch-französischer Seite Verhandlungen mit Griechenland geführt, würde Athen jetzt zum Großraum München gehören und man würde zu jedem Souflaki noch ein Cabrio bekommen.

Meine Lernkurve ist flach aber stetig. Ich ziehe hier zwar noch immer meistens den Kürzeren, weiss nun aber oft wenigstens warum. Werde trotzdem noch mal externe Quellen bemühen, ob mein chinesischer Name hier wirklich so positiv ist oder übersetzt „Naive, langnasige Flachbirne“ heisst.