Das Dorf und China.


So, Weihnachtspause. Ich glaube nicht, dass ich je in meinem Leben so viel gearbeitet habe wie im letzten halben Jahr. Hoffentlich finde ich ab Januar wieder mehr Zeit. Ein erster Versuch hier:

Shanghai ist einer der gewaltigsten Städte der Welt. Keiner weiss so ganz genau, wieviele Menschen hier nun wirklich leben. Einig ist man sich nur, dass es mehr als 25 Millionen sein müssen der Kontrast zu dem Ort an dem ich aufgewachsen bin, könnte kaum grösser sein – meine Kindheit und Jugend habe ich in einem beschaulichen 5500-Seelen Dorf bei Darmstadt verbracht.

Mein Heimatort ist sicher nicht Heidi´s Alpenidyll und weder haben wir im Stroh gelebt, noch in den Sommerferien Ziegen gehütet, es ist aber deutlich ländlich genug um so ziemlich das genaue Gegenteil des Lebens in einer Millionenmetropole zu sein.

Nie hätte ich gedacht, dass mein Heranwachsen mit Traktoren, Kerb (Kirchweih für die Nichthessen) und Festen der Freiwilligen Feuerwehr nahezu perfekt auf das Leben in China vorbereitet hat. Dinge, die die südhessische Provinz und Chinas Wirtschaftsmetropolen eint:

1. Der siebte Sinn für bekannte Gefahrenquellen unbekannten Ortes.

Jedes Dorfkind kennt mindestens einen ortsbekannten Irren, der grundsätzlich so schnell fährt, als hätte er drei Schwangere vor der Niederkunft auf dem Rücksitz und eine detonationsnahe Atombombe im Kofferraum. Es kann lebensrettend sein, kleinste Gefahrensignale richtig zu deuten um im richtigen Moment Fahrrad und Freunde instinktiv in die nächste Böschung zu schubsen. Diese hellseherischen Ahnungen entwickelt man wohl nur auf dem Land und diese haben mir in Shanghai mehr als einmal das Leben gerettet, weil die hiesigen Irren nicht lautstarke GTIs, sondern fast unhörbare Elektroroller fahren und offenbar einen geheimen Pakt geschlossen haben, China durch Rollerkollisionen ausländerfrei zu halten.

2. Nichts verbindet mehr, als gemeinsame Nahtoderfahrungen

Meine Kindheit als gefährlich zu bezeichnen wäre, als wenn Kim Kardashian über ihren Lebensstil als zurückgezogen und bescheiden sprechen würde. Dennoch macht man gerade auf dem Land Erfahrungen, bei denen man sogar als Kind wusste: “Das war knapp.”
Egal ob es dabei um das leichtsinnige Unterschätzen der Steigung einer Rodelstrecke geht, die etwas zu optimistische Verbindung von Kettcars mit PS-starken Zugmaschinen oder der Erkenntnis, dass das Eis tatsächlich noch nicht dick genug ist, um eine menschliche Pyramide zu tragen: rückblickend ist es erstaunlich, dass alle meine Klassenkameraden aus der Grundschule noch immer am Leben sind. Gleichzeitig haben uns diese Momente für den Rest unseres Lebens verbunden und sind Geschichten, die uns noch heute gemeinsam lachen lassen.

Das gleiche Prinzip gilt wohl in Shanghai – gemeinsame Taxifahrten bei 120km/h mit einem schlafenden Fahrer, kollektive Lebensmittelvergiftungen und sich mehrmals die Woche gegenseitig vom Tod durch Strassenbus zu retten, schweissen in kürzester Zeit immens zusammen.

3. Man muss die Landessprache nicht sprechen, um sich zuhause zu fühlen.

Obwohl ich in Darmstadt geboren wurde, meine gesamte Kindheit und Jugend in der südhessischen Provinz verbracht habe und ich mich als Hesse fühle, stosse ich was das Dialektsprechen anbelangt schnell an meine Grenzen. Ich verstehe zwar das meiste – wenn aber ein paar Urhessen älterer Generationen zusammentreffen, fühle ich mich sprachlich ähnlich überfordert wie in einer nordchinesischen Hafenbar. Aber auch wenn man in wahrscheinlich jedem Dorf Deutschlands die ersten zweihundert Jahre erst einmal Zugereister bleibt, erinnere ich mich noch heute gerne daran, wie wohl und willkommen ich mich immer in den Küchen und Wohnzimmern meiner Freunde gefühlt habe – obwohl ich grundsätzlich immer nur die Hälfte verstanden habe. Ähnliches erlebe ich in China seit mehr als vier Jahren – wir haben viele, wundervolle Freunde und Bekannte im ganzen Land zu denen wir immer wieder herzlich eingeladen werden und uns freuen, Teil der Runde zu sein – auch wenn ich bei vielen Zusammenkünften nicht ganz sicher bin ob das Gesprächsthema die beste Zubereitung von Dumplings, der schnellste Weg durch den Stau oder die Molekularstruktur von komplexen Aminosäuren ist.

4. Kein Projekt ist zu gross mit den richtigen Menschen und der richtigen Einstellung.

Die grosse Konstante meines Lebens wird wahrscheinlich das Wohnhaus meines besten Freundes aus Kinder- und Jugendtagen sein. Die Warmherzigkeit seiner Familie wurde eigentlich nur noch übertroffen von ihrem Drang zu bauen, renovieren und anzubauen – mit einer Ambition, die Pyramidenbau wie ein niedliches Hobby erscheinen lässt. Bis zu meiner Volljährigkeit hat seine Familie ihr Haus um eine Bar, eine Saunaanlage und eine Seenlandschaft erweitert, das Gebäude um ein ganzes Geschoss erhöht und das ganze mit einem Balkon versehen, der glaube ich auch noch aus dem Weltall zu sehen ist. Möglich gemacht hat das ganze, neben Engagement, ein einmaliger Zusammenhalt. Mal davon abgesehen, dass sich auf dem Land immer jemand im Freundes- und Bekanntenkreis findet, der hilfreiche Kenntnisse im Dachdecken, Betonbau oder Starkstrommontage hat – selbst wenn man nicht so ganz genau weiss wie es gehen könnte, wird einfach mal angepackt und gemacht. Eine faszinierende Parallele zu chinesischem Pragmatismus, den ich hier jeden Tag sehe. Mit der richtigen Einstellung kann man ausser einem Neutronenbeschleuniger alles bauen. Wahrscheinlich aber auch den.

Vielleicht sollte ich mal ein Austauschprogramm zwischen der deutschen Provinz und chinesischen Tier-1 Städten starten. Ich denke, beide Seiten wären angenehm überrascht.

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Was Deutschland von China lernen kann. Oder sollte.


In deutschen Medien kommt China ja meistens nicht ganz so gut weg. Wenn China erwähnt wird, fallen meist auch Worte wie Bestechung, Menschenrechte, Zensur oder anderes, wenig Schmeichelhaftes. Nun liegt mir nichts ferner, als Chinas Politik zu verteidigen oder zu kommentieren. Angesichts meiner doch eher seichten Beobachtungen ist das wahrscheinlich auch besser so.

Trotzdem habe ich das Gefühl, mal eine Lanze für meine Wahlheimat brechen zu müssen. Zugegeben, an manchen Tagen möchte ich China nicht umarmen, sondern erwürgen – aber das geht in Deutschland lebenden Chinesen sicher umgekehrt auch nicht anders. Wovon Deutschland sich mal eine dicke Scheibe abschneiden könnte:

 

  1. Wie man öffentliche Verkehrsmittel organisiert

 

Mir ist schon öfter der Satz “Works like a German train schedule” zu Ohren gekommen. Diese Menschen sind scheinbar noch nie in Kontakt mit der Deutschen Bahn gekommen. Es gibt im europäischen Raum wohl kaum eine frustrierende Erfahrung, als in Deutschland öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen:

  • Bahnhöfe sind meist eiskalt, der örtliche Treffpunkt für Gewaltverbrecher und beleuchtet wie eine somalische Tiefgarage
  • Einen Fahrscheinautomaten zu bedienen erfordert ein Diplom in Informatik oder die Geduld eines buddhistischen Kiffers
  • Die kleinste Unvorhersehbarkeit sorgt für landesweites Chaos. Zum Beispiel Schnee im Winter
  • Auch wenn Schalter mittlerweile “Service Points” heissen, werden die meisten Mitarbeiter der Bahn scheinbar nach Standards der Stasi geschult

Ganz im Gegensatz dazu das angeblich so chaotische China:

  • Jeder, wirklich jeder Zug fährt auf die Minute genau und ist wenn nicht top-modern dann wenigstens blitzsauber
  • Sogar ein minderbemittelter Koala könnte problemlos ein U-Bahn-Ticket lösen
  • Bahnsteige werden ausschliesslich dazu genutzt ein- oder auszusteigen. Gewartet wird im klimatisierten/beheizten Bahnhof
  • Das Versorgungsnetz ist angesichts der Grösse des Landes unfassbar lückenlos.
  • Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe sind beinahe ausnahmslos freundlich, hilfsbereit und effizient.
Pünktlich, sauber, schnell.  (Quelle: http://www.smartplanet.com)

Pünktlich, sauber, schnell.
(Quelle: http://www.smartplanet.com)

  1. Es muss nicht hübsch aussehen, es muss funktionieren.

“Form follows function” ist ein Schlagwort, dass ich in Deutschland wirklich oft gehört habe. Wirklich daran gehalten wird sich selten – zum Beispiel im Internet.Ich weiss nicht, wie oft ich schon wundervoll gestaltete Webseiten benutzt habe um spätestens beim Kaufabschluss frustriert aufzugeben (“Aus Sicherheitsgründen geben Sie bitte folgenden zwanzigstelligen Code innerhalb der nächsten drei Sekunden ein”)

Chinas Pragmatismus gewinnt auch hier jeden Vergleich, zum Beispiel seine mit Abstand grösste E-Commerce Plattform “Taobao”. Mal abgesehen davon, dass es nichts gibt, was man nicht auf Taobao kaufen könnte – die Bedienung ist geradezu genial einfach (sofern man des Chinesischen mächtig ist). Zwar sieht die Seite aus, als hätten Sie farbenblinde Crackjunkies während eines epileptischen Anfalls gestaltet – mit ein paar Klicks aber kann man vom Durianjoghurt bis zum Protonenbeschleuniger alles einfachst bestellen.

Auch jenseits des Internet gilt: hauptsache es läuft. Meine beiden liebsten Beispiele sind zum einen die Handschuhe, die ich schon so oft mit Klebeband befestigt an Elektrorollerlenkern gesehen habe (es gibt sie auch von Werk aus übrigens)- sieht unfassbar dämlich aus, ist aber in der Tat wirklich praktisch. Zum anderen sind es die Bambusbesen, die man hier an jeder Ecke im Einsatz sieht. Bambuszweige samt Blättern in Bündeln an Stiel gebunden – voila, ein Strassenreinigungsutensil erster Güte.

  1. Einfach mal den Nachbarn in Ruhe lassen

Auch ich hatte schon zauberhafte Nachbarn, es waren aber eher die Ausnahme. Angeblich ist Deutschland weltweit Spitzenreiter wenn es um Nachbarschaftsstreits geht. Wie sich erwachsene Menschen Nichtigkeiten wegen an die Gurgel gehen können, hat sich mir aber auch nie erschlossen. In China hat man noch sehr viel weniger Verständnis dafür. Man mischt sich hier nur ausserordentlich ungern in fremde Angelegenheiten – lange Jahre war das auch keine besonders gute Idee.

Natürlich ist diese weitverbreitete Neigung zur Gleichgültigkeit nicht immer hilfreich. Als Unfallopfer zum Beispiel.. Ich habe schon mehrmals beobachten dürfen, wie sich sofort viele Schaulustige einfanden, jedoch niemand geholfen hätte. Wer jedoch nicht gerade blutend auf der Strasse liegt, weiss das Prinzip “Ignoriere Deinen Nächsten” sehr zu schätzen. Hier würde niemandem einfallen, im Müll zu wühlen, um zu sehen ob der Nachbar den Kaffee auch wirklich in die Biotonne geworfen hat oder Falschparker vorm Haus anzuzeigen.

4. Freundschaften schnell schliessen

 Freundschaft ist für Deutsche etwas ganz besonderes. Die meisten Freundschaften in meinem Umfeld, gehen Jahrzehnte zurück. Ein guter Freund ist sehr häufig jemand, den man kennengelernt hat, als man sich noch nicht selbst die Schuhe anziehen konnte. Wie bei allem sind wir auch hier eher gründlich als schnell.

Ganz anders als die Amerikaner übrigens, die zwar in der Supermarktschlange Blutsbrüderschaft schliessen können, aber bei jeder Unterhaltung jenseits von Sportergebnissen Panikattacken bekommen.

Chinesen sind auch hier wunderbar pragmatisch. Ich habe noch nie so schnell, so viele zauberhafte Menschen kennengelernt, die mich beim ersten Treffen schon wie ein Familienmitglied haben fühlen lassen. Wieviel davon natürlich Exoten- oder Mitleidsbonus ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn Deutschland auch nur ein klein wenig von der Herzlichkeit Chinas abbekommen würde, man könnte uns richtig lieb haben.

China’s Internet – der grösste Mikrokosmos des Planeten.


Seit 5000 Jahren macht China so ziemlich alles anders. Konsequenterweise sind die Erfinder von Papier, Druck, Schwarzpulver und Kompass auch in Sachen Internet einen sehr eigenen Weg gegangen. Was 1980 als Experiment des chinesischen Eisenbahnministeriums begann, ist heute die größte Internetpopulation des Planeten.

Knappe 600 Millionen Nutzer bewegen sich in einem digitalen Riesenreich, das mit dem Rest der Welt recht wenig zu tun hat. Einzigartig, vielfältig, abgeschirmt, riesig. Quasi das digitale Äquivalent zu den Galapagos Inseln – im Megaformat. Ähnlich wie auf Darwins Lieblingsinseln finden sich auch in Chinas Internet weltweit einzigartige Wesen – vielleicht mit dem großen Unterschied, dass Finken keinen nennenswerten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben.

Im Westen beschränkt sich die Diskussion über das Internet in China ja gerne mal auf das Thema Zensur. Natürlich hat die „Große Firewall“ einen immensen Einfluss auf die Netzlandschaft im Reich der Mitte – viel interessanter ist aber eigentlich, wie hiesige Denk- und Verhaltensweisen eine ganz besondere Netzkultur haben entstehen lassen. Dabei scheint Vieles dessen, was in Chinas digitaler Welt geschieht, jedes Klischee und Vorurteil zu stützen. Scheint.

Wer hat’s erfunden…aber wer hat’s verbessert?

Zugegeben, mit kreativen Eigenentwicklungen hat es China noch immer nicht so sehr. Trotz intensivster Bemühungen der Regierung die Innovationsfähigkeit des Landes zu verbessern, zieht das Reich der Mitte gegen Silicon Valley noch immer den Kürzeren. Viele der Angebote hier sind erst mal Kopien erfolgreicher Player aus dem Westen. Baidu ist Google, Taobao ist eBay, WeChat ist Whatsapp und Weibo ist so etwas wie das uneheliche Kind von Facebook und Twitter.

Die eigentliche Überraschung aber ist: Die Kopien sind wirklich besser als die Originale. Um Längen. Während Whatsapp im Grunde ein bisschen aufgehübschte SMS-Nachrichten sind, ist WeChat (Weixin) eine mobile Applikation, die das Sinnvollste aus verschiedenen Bereichen kombiniert: Nachrichten, Konferenzen, Flirtplattform, Fotosharing, VoiceChat, sozialer Hangout. Das Schweizer Taschenmesser sozialer Netzwerke.

Dass Gleiche gilt für Taobao, Chinas Online-Einkaufstempel Nummer Eins. Natürlich ist eBay mittlerweile deutlich mehr als nur der einfachste Weg die Wohnung zu entrümpeln und bei Amazon kann man mittlerweile neben Büchern auch prima Kühlschränke und Kettensägen bestellen. Im Vergleich zu Taobao verkommen jedoch beide zu digitalen Tante-Emma-Läden. 760 Millionen Produkte. Ein beinahe unendliches Angebot, gepaart mit Chinas einmalig günstiger Lieferungsinfrastruktur, machen sogar den Kauf eines Bechers Joghurt im Internet nicht ganz abwegig (ich habe es selbst häufig beobachten dürfen). Es gibt nichts, wirklich nichts, was man auf Taobao nicht bekommen würde.

Ich selbst z.B. habe dort übrigens meinen Weihnachtsbaum bestellt. Nur vier Stunden nach Klick stand die Tanne im Wohnzimmer. Leider ist Geschwindigkeit nicht das einzige Qualitätsmerkmal – er sah eher aus wie post-apokalyptischer Grabschmuck als stolze Nordmanntanne.

Die kreativen Kinder der Internetzensur.

Natürlich wird China abgeschottet vom Rest der Welt. Kritische Kommentare oder ungewollte Meldungen erreichen hier keine breite Masse. Als Verfasser eher seichter Information setze ich mich mit jedem Kommentar und jeder Meinung darüber mit Sicherheit in die Nesseln, behalte hier also beides für mich. Viel erstaunlicher finde ich auch überhaupt die Wirkung, die diese starke Zensur auf das Kommunikationsverhalten der chinesischen Internetnutzer hat.

Erst einmal die Mediennutzung überhaupt: die ganze Welt spricht über soziale Netzwerke, China nutzt sie. Intensiv. Allem Anschein nach verkommt Facebook ja nach und nach zu einem Hort der Nichtigkeiten und Sozialneid-Selfies, der von jüngeren Nutzern immer häufiger ignoriert wird. In China werden soziale Netzwerke sehr viel intensiver genutzt und haben größere Bedeutung – sie sind der verlässlichste und oft einzige Weg authentische Informationen zu erhalten und werden dementsprechend häufig und gerne genutzt. Laut einer Studie von McKinsey, nutzen hier 91% der Internetnutzer soziale Netzwerke. Selbst im Mutterland von Facebook, den USA, kommt man auf vergleichsweise magere 67%.

Lustigerweise sorgt nun gerade die immens starke Zensur für unfassbaren Erfindungsreichtum, diese zu umgehen. Da ist sie nun also, die so dringend benötigte Innovationskraft. Jeden Tag entstehen neue, teils wunderbar doppelsinnige oder kreative Umschreibungen um Kommentare abzugeben, die der Zensur wahrscheinlich zum Opfer fallen würden. Einer meiner Lieblinge dabei ist: die Sojasauce.

Ein Guangzhouer Fernsehsender hatte sich auf den Weg gemacht, um auf der Straße Stimmen einzufangen zu einem kürzlichen Skandal. Einer der Passanten weigerte sich, dazu Stellung zu nehmen mit den Worten „Was hat das mit mir zu tun? Ich war nur auf der Straße um Sojasauce zu kaufen!“ Seitdem ist sowohl on- als auch offline „Sojasauce kaufen“ (打酱油 – dǎ jiàngyóu) DIE Antwort um klarzustellen, dass man mit etwas nichts zu tun haben will. No comment.

Da_jiangyou

Gleichzeitig macht sich die Netzgemeinde auf diesem Weg lustig über den Nationalen Volkskongress und seine 3000 Mitglieder, die regelmäßig Gesetzesentwürfe mit erstaunlichen 99% Zustimmung durchwinken. Laut Chinas Netizens sind es „Sojasaucen-Abgeordnete“ – Zuschauer ohne Meinung und ohne Beitrag.

Ich gehe mal los, um Sojasauce kaufen.

I love SH #3


Jetzt, wo es wieder wärmer wird, bekommen wir wieder häufiger Besuch. Aber Hamburg hat wahrscheinlich auch nicht im Januar Hauptsaison. Gerade vor zwei Wochen erst, haben wir zwei sehr nette Abende mit Freunden aus Deutschland verbracht. Eine der ersten Fragen für Shanghai-Touristen ist meist: „Was sollte man sich denn alles ansehen?“

Auch nach 15 Minuten Überlegen und Diskussion, sind uns ums Verrecken nicht mehr als 3-4 Sehenswürdigkeiten eingefallen. Ausnahmsweise liegt das aber mal nicht an meiner Ignoranz, sondern an der Stadt. Eine Kurzumfrage unter unseren hiesigen Freunden ergab: Shanghai zieht mit 25 Mio Menschen sogar gegen Lübeck den kürzeren.

Bei jeder anderen Stadt dieser Größe fallen einem Tausende Hotspots ein. New York hat den Times Square, das Empire State Building, die Freiheitsstatue, das MoMA, SoHo, TriBeCa, Grand Central Station, Rockefeller Center, Ground Zero, Wall Street, das Guggenheim, Central Park, Fifth Avenue, usw. usw. Sogar in Darmstadt fallen mir aus dem Stand fünf sehenswürdige Plätze ein. In Darmstadt!

Shanghai ist da eher mau. Der Bund, klar. Die Skyline von Pudong samt Pearltower und SWFC. Yu Yuan Garten wenn man Menschenmassen liebt. Dazu noch Tian Zi Fang für das Chinafeeling und Nanjing Dong Lu als Therapie für Agoraphobiker. Peoples‘ Square mit einem Museum (für Stadtplanung!) und einer Oper – die sind aber auch schon deutlich weniger beeindruckend. Das war’s. Man kann im Grunde die Sehenswürdigkeiten der Stadt an einem Tag runterreißen, sofort wieder zurückfliegen und kann trotzdem behaupten, Shanghai gesehen zu haben. Trotzdem wäre es ein Jammer – die Stadt ist toll auch ohne DIE Highlights.

Einer meiner größten Lieblinge ist zu groß, um noch als Sehenswürdigkeit durchzugehen: die Former French Concession. Das, was heute Xuhui und Luwan ist, ist so mit das schönste, tollste und wundervollste was Shanghai zu bieten hat. Erstmal sieht es aus wie das uneheliche Kind von Paris und Peking. Viele kleine Straßen von Platanen umsäumt. Ein paar davon weniger klein und kilometerlang (Fuxing Lu). Tausende kleiner Läden, Restaurants, Bars, Boutiquen. Immer wuselig aber irgendwie nie wirklich nervig.

Hübsch. Wirklich. (Quelle: gochina.about.com)

Hübsch. Wirklich. (Quelle: gochina.about.com)

Ein perfekter Tag in Shanghai ist ein Tag mit Sonne, blauem Himmel und viel Zeit in der French Concession (wer in Shanghai niemanden beleidigen möchte, vergisst niemals den Zusatz „Former“). Mehr Lebensqualität ginge nur noch mit besserer Luft. Aber ich will nicht gierig sein.

Meine absoluten Lieblinge:

  1. Anfu Lu
    Allein schon wegen des genialen Dreigestirns Shanghaier Expat-Gastrononmie: Mr. Willis, Mi Thai und La Strada.  Zusätzlich ist die Anfu Lu einer der wenigen Straßen, auf denen es tatsächlich Straßencafés gibt.

    Für den Limonenkäsekuchen von Baker&Spice lohnt sich ein Mord. (Quelle: weavewithwords.blogspot.de)

  2. Wulumuqi Lu
    Direkt um die Ecke und der wildeste Mix aus Geschäften, den ich je gesehen habe. Nichts für Menschen, die die Stille lieben, es ist schon etwas….eng. Dafür findet man todsicher einen Laden, den man schon immer gesucht hat. Bei Expats beliebt: die Avocado Lady. Jeder, der hier länger lebt, kennt den kleinen Shop, in dem man wirklich nur Westler sieht. Die besten und günstigsten Avocados der Stadt sind nur ein Grund; Mozzarella, Rotwein, Basilikum, Olivenöl – der Wuselladen hat sich auf all das spezialisiert, was Laowais gerne essen und trinken wenn sie vergessen wollen in China zu leben.

    Oft der einzige Ort Shanghais mit einer erkennbaren Ladenschlange: die Avocado Lady (Quelle: shanghaiexpat.com)

  3. Tianzifang auf der Taikang Lu
    Kein wirklicher Geheimtipp und meistens bevölkert von Laowais auf Kurzbesuch in Shanghai. So authentisch wie Disney World, aber wen stört das schon. Es ist wirklich schön. Nette Restaurants, viele Galerien, draußen sitzen, klönen (und trinken). Eine Oase. Wenn auch keine stille. Mehr dazu weiß meine wundervolle Frau zu berichten.
  4. Donghu Lu
    Perfekter Platz für den Abend, wenn man vorhat sich maximal 50m zu bewegen. günstige Teppanyaki Restaurants en masse (wenn auch voller Betrunkener Westler), ein paar der nettesten Bars Shanghais (Monkey Lounge, Dakota, Constellation im die Ecke) und immer was los. Wenn nicht dort, wo man gerade ist, dann spätestens im Nachbarladen.

Shanghai braucht keine Sehenswürdigkeiten. Hat die Stadt gar nicht nötig. Ich hasse die Floskel zwar, aber hier passt sie ausnahmsweise mal: einfach mal treiben lassen. Lohnt sich.

Fine Dining und unfeines Lästern.


Ich kann es nicht oft genug sagen: Essen gehen in Shanghai ist ein Pluspunkt, der einen jede Spuckerei und postapokalyptische Stadtarchitektur sofort vergessen lässt. Wir gehen mehrmals die Woche essen, einfach weil es oft leichter, abwechslungsreicher und vor allem billiger ist, als selbst zu kochen. Selten und eher zu besonderen Anlässen gönnen wir uns dabei Fine Dining – außergewöhnliches Essen in schickem Ambiente.

Sterneküche ist in Shanghai eher unterrepräsentiert – derzeit gibt es nicht mal einen Michelin Guide für China. In erster Linie liegt das daran, daß man Angst hat zu europäische Maßstäbe an zu nicht-europäische Küche zu legen und damit 4000 Jahre Esskultur zu dissen. Und wer hat schon gerne 1.3 Mrd Feinde.

Trotzdem gibt es natürlich Top-Restaurants mit sternegekrönten Küchenchefs. Was die, die wir bisher probieren durften gemeinsam haben ist: sie sind meistens verblüffend schlecht, dafür sind sie richtig schön teuer. Bis auf wenige Ausnahmen (Stiller’s, yeah!) fühlt man sich nach der Rechnung als hätte einem ein Imbissbudenbesitzer eine Currywurst ins Gesicht geschmiert und verlangt dann Geld für den Ketchupverlust.
Seit Jahren schon leben wir in Sachen Restaurantbesuche, nach der eigentlich simplen Formel:

teuer, dafür wirklich außergewöhnich gut = huldigen.
Teuer, dafür schlechter als selbst kochen mit 3 Promille intus = missionarisches Lästern.

Letzteres haben wir mit Inbrunst ein Jahr lang betrieben mit einem Restaurant, das eigentlich ein großer Liebling als Bar ist: Mr. and Mrs. Bund. Toll gelegen, tolle Cocktails, tolles Ambiente, wenig Arschnasen und super Service – nur haben wir den Versuch, auch mal dort zu essen schwer bereut. Es war so schlecht und so unverschämt, daß man sofort zum Food-Faschisten wird. Wir haben beide wirklich ein Jahr lang nichts unversucht gelassen, den Laden schlecht zu machen. Jeder Bekannte, den wir bekehren konnten dort nicht zu essen, ein kleiner Gewinn. Jeder Gast weniger ein Triumph.

Große Stühle, großes Ambiente (Quelle: www.smartshanghai.com)

Große Stühle, großes Ambiente (Quelle: http://www.smartshanghai.com)

Jeder schwärmt schon seit Bestehen vom Essen dort, Stadtmagazine und Gourmetkritiker geben immer die volle Punktzahl und die Stadt ist sich wirklich mal einig: Mr. und Mrs. Bund ist mit das beste Restaurant Shanghais.
Warum weiss ich nicht, aber man wird nach schlechten Erfahrungen ja ein bisschen bockig. Egal was die anderen sagen, ich hätte mich am liebsten mit einem Transparent vor die f*** Tür gestellt und protestiert. Drecksladen.

Vorgestern haben wir besagtem Drecksladen, eher spontan und unfreiwillig, dann doch noch mal eine Chance gegeben und sind zum Abendessen hingefahren. Mit einer Erwartung noch weit unter Zahnarztbesuchsniveau. Und was lagen wir falsch. Alles, wirklich alles, war so unfassbar gut, daß ich jetzt noch jeden Gang loben, wenn nicht gleich ganze Oden schreiben möchte.

Steak Tartare bei dem ganz Frankreich mal schön üben gehen kann.
Eine Riesengarnele mit der ich fast durchbrennen würde.
Steak mit einer Sauce Bernaise, die ganz sicher dem Weltfrieden zuträglich wäre.
Sogar der Spinat war göttlich. Verdammter Spinat!

Dazu war es zwar wirklich nicht billig aber auch noch weit entfernt von sehr teuer. Kurz gefasst: wir hatten Unrecht. Mr. und Mrs. Bund ist Wahnsinn. Geirrt und zu Unrecht gelästert. Doppelzonk. Und wie ich es hasse, Unrecht zu haben.

Trotzdem halte ich an meinen Attentatsplänen für Jean Georges fest. Die muss ich jetzt allein schon fertig machen um mein Ego zu beruhigen.