Macao: Chinas Daddelbude


China vereint auf einzigartige Weise eine Fixierung auf Geld, ungeheuerlichen Pragmatismus und Aberglaube – die perfekten Charaktereigenschaften um Glücksspiel boomen zu lassen. Der einzige Ort an dem China diesem fröhnen kann ist Macao – daß ein Ort an dem Millionen Chinesen zum daddeln einfallen etwas besonderes ist, verwundert daher wohl nicht. Da ich nicht nur ignorant, sondern auch naiv bin, hatte ich Macao immer für eine Art Mini-Las Vegas gehalten. Sehr falsch. Las Vegas ist eher ein Mini-Macao – die Stadt macht den sechsfachen Umsatz ihres Konkurrenten in Nevada. Ein Meeting mit einer der Kasinogesellschaften führte mich kürzlich in die Hauptstadt chinesischer Spielsucht.

Anreisen lässt sich bequem auf allen Wegen, allein von Hong Kong fahren Fähren beinahe im Halbstundentakt. Wer gleich mal klarmachen will, wer die dickste Hose hat, nimmt den Helikopter. Mit etwa 400 Euro pro Trip natürlich kein Schnäppchen, wenn ich mir aber mal die Tarifübersicht vom RMV ansehe, aber gar nicht mal so unverschämt. Was mich in Macao sofort angesprungen hat war eine ausgesprochen intensive Ortsdepression – die Stadt macht nicht gerade glücklich. Ich muss fairerweise gestehen, daß ich die Altstadt Macaos leider nicht gesehen habe, sie soll wirklich ganz zauberhaft und wunderschön sein – mir blieben leider nur die Kasinomoloche.

China neigt ja in Sachen Einrichtung eher weniger zu Minimalismus – wer sich vorstellen kann was eine Gruppe ästhetikbeschränkter Architekten mit einem Blankoscheck anrichten kann, hat schon mal eine ganz gute Vorstellung vom Stadtbild in Macao. Hauptsache groß. Der wirkliche Schock kommt aber erst beim Betreten einer der Casinos – ausgearteter Prunk ist noch eine milde Beschreibung. Im Vergleich zu den Hotellobbies in Macao sieht eine Luxussuite in Dubai aus wie ein Jugendzimmer von IKEA.

Ein Königreich für eine Sonnenbrille

Das MGM: ein Königreich für eine Sonnenbrille

Wie man mir stolz berichtete, sind zum Beispiel die Glaswerke in der MGM Lobby allein Millionen US-Dollar wert. Irgendwo auf der Welt sitzt gerade ein Glasdesigner, der in Kunst nie über eine 5 hinausgekommen ist und lacht den ganzen Tag hysterisch. Man braucht glaube ich ein ganz eigenes Verständnis von Ästhetik um diesen Prunk schön zu finden. Minimalisten haben es jedenfalls schwer – ich meine auch einen Schweden gesehen zu haben, der an der Rezeption einen epileptischen Anfall hatte.

Wer das Entree verdaut hat ist bereit für die nächste Stufe: das eigentliche Casino. Ich darf mir im Grunde nicht mal eine Meinung erlauben, Glücksspiel ist einer der ganz wenigen Süchte, die ich so gar nicht nachvollziehen kann. Ich war erst ein paar Mal in Spielbanken, habe mich aber eigentlich immer nur darüber geärgert daß ein beschlipster Buchhalter binnen Sekunden mein Geld einsackt. Aber wem’s gefällt, bitte.

Das Spiel der Wahl in Macao heißt Baccara, das Spiel macht knappe 80% auf dem Parkett aus. China bleibt sich in Sachen Pragmatismus und Ungeduld auch bei der Wahl seines Kartenglücksspiels treu – eine Pokerrunde muss sich für Chinesen wie eine Ewigkeit anfühlen. Möglicherweise ist auch Baccara eine Kunst, deren Beherrschung nur wenigen vergönnt ist – ich kann beim besten Willen nur ein Spiel sehen, gegen das Maumau wie dreidimensionales Schach wirkt. Jeder kriegt zwei Karten, wer mehr Punkte hat gewinnt – nächste Runde. Wem sogar das zu aufwendig ist bleibt einfach am Tisch stehen und setzt auf einen der Spieler.

Natürlich ist auch hier wie überall in China Extreme Trumpf. Spieler mit richtig dicker Brieftasche sind High-Roller, in Macao sind die Portemonnaies noch etwas dicker – eine halbe Million US Dollar am Tisch sind keine Seltenheit. Natürlich sind Gewinner eher die Ausnahme, sonst gäbe es ja auch keine Glasgiganomie am Eingang. Die breite Masse der Spieler sitzen wie Zombies mit Kreditkarte an Tischen oder Automaten und versuchen möglichst effektiv ihr Geld loszuwerden. Fröhlich sehen sie nicht aus dabei.

Dabei ist der Aberglaube der Spieler faszinierend: Karten werden angepustet um kleinere Kartenwerte wegzublasen, wenn irgendwo drei Mal in Folge gewonnen wurde, wechseln ganze Heerscharen den Tisch und manche Spieler würden sich eher in Flammen setzen als ohne ein rotes Kleidungsstück am Leib zu spielen.

Wer noch Geld übrig hat oder einer der unzähligen Millionäre im Haus ist, geht erst einmal zünftig in der hoteleigenen Luxusmall shoppen. Ich habe glaube ich noch nie so viele Luxusmarken auf so engem Raum gesehen, nicht mal in Shanghai. Im Venetian hat man sich in Sachen Ambiente natürlich an Venedig orientiert, inklusive Kanälen und Gondolieren.  Zumindest war das wohl der Plan. Tatsächlich sieht es aus, als hätte man Venedig in den Keller gesperrt und ein paar Luxusmarken hätten sich dort übergeben. Vielleicht mal abgesehen von Neu-Kölln im Januar habe ich noch selten etwas so deprimierendes gesehen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Man kann fast gar nicht übertreiben bei der Feststellung wie sehr sich hier alles um Geld dreht. Mitten in der Nacht überkam mich urplötzlich ein Heisshunger auf Süssigkeiten, genauer gesagt Gummibärchen. Während ich mich noch fragte, was mit meinen Nahrungsinstinkten alles falsch läuft, stand ich schon auf der Strasse um einen Convenience Store zu suchen, schliesslich schläft Macao ja wirklich nicht. Dachte ich. Eine halbe Stunde später hatte ich zwar hunderte Läden gefunden die Schmuck, Uhren und Geschmeide verkaufen, aber nicht einen Seven Eleven. Eine großartige Erkenntnis, die Macao sehr schön umschreibt: nachts um drei ist es deutlich leichter einen Goldbarren als Goldbären zu kaufen.

In eigener Sache: wie ich mal kurz erwähnte, ist mein Buch seit gut einem Monat erhältlich. Zu meinem Erstaunen kaufen es sogar Menschen. Ob freiwillig oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Was mir auffiel: Käufe und Anzahl der Bewertungen auf Amazon stehen in einem eklatanten Missverhältnis. Glaube ich zumindest. Sollte jemand also tatsächlich mein Buch gelesen (hoffentlich freiwillig) haben, würde ich mich über einen ehrlichen Kommentar bei Amazon hier freuen.

Sie wollen also nach Hong Kong, hm?


Hong Kong kannte ich bisher eigentlich nur von Kurzbesuchen, seit ein paar Wochen darf ich deutlich tiefere Einblicke gewinnen. Da mein Einsatzgebiet Greater China ist und ich schon längere Zeit zwischen Shanghai, Beijing, Guangzhou und Hong Kong pendele, hat man mir freigestellt, wo meine Basis sein soll und so beschlossen wir unseren Lebensmittelpunkt in die Stadt zu verlegen, die übersetzt den wunderbar doppeldeutigen Namen „Duftender Hafen“ trägt. Tapetenwechsel ist generell mal nicht schlecht.

Von Hong Kong heisst es, es sei einer der teuersten Städte der Welt – Erzählungen von Mietpreisen werden in dem gleichen Tonfall geraunt, der sonst Gruselgeschichten am Lagerfeuer vorbehalten ist. Nun kann ich aus eigener Erfahrung sagen: keine Zombie-Apokalypse kann dem Schreckensniveau der Wohnpreise in Hong Kong das Wasser reichen.

Von meinem Büro auf der Südseite der Insel blicke ich auf einen hübschen Compound dessen Häuser in etwa so groß sind wie unseres in Shanghai. Dem Vernehmen nach bezahlt man umgerechnet etwa 25.000 Euro im Monat pro Haus – es ist so schön weitläufig. Eine meiner Kollegen bezahlt umgerechnet mehr als 4.000 Euro für eine 80qm Wohnung. Das wird spannend.

Unsere ersten Versuche der Häusersuche bestätigen: alles ist unfassbar teuer, dafür kuschelig klein. Die ersten Häuser in unserem Mietbudget die wir uns ansehen, sind fast 60 km außerhalb und im Legoland-Maßstab gebaut. Die Maklerin, die uns stolz das erste Haus zeigt und die Vorteile des so modernen Compounds betont, versteht nicht wirklich warum wir so skeptisch gucken. In der Küche findet genau eine Person Platz, die sollte sich dann aber auch besser nicht bewegen wollen. Im Schlafzimmer kann ich die Decke mit der Hand berühren und ich bin nicht wirklich hoch gewachsen. Das Wohnzimmer ist so klein, daß wir unseren geliebten Esstisch gegen Campingmöbel werden eintauschen müssen. Mir wird ein wenig schwindelig.

In Shanghai kam das erste mal ein verborgenes Talent meiner Frau zutage, von dem ich vorher wirklich nichts ahnte: sie feilscht besser als ein marokkanischer Teppichhändler. Zwei Wochen später haben wir also eine Bleibe. Immer noch wirklich teuer, aber wenigstens bezahlbar, nicht zu weit von der Stadt schön im Grünen gelegen mit Meerblick und dazu für hiesige Verhältnisse geradezu palastartig groß. Chapeau.

Die ersten Tage in Hong Kong zeigen: Umdenken ist angesagt. Einerseits sieht kaum eine Stadt chinesischer aus (die meisten Filme mit China-Flair werden auf der Kowloon-Seite von Hong Kong gedreht), ansonsten fühlt man sich in der Sonderverwaltungszone eher wie im Westen, besonders wenn es um die Verlegung des Erstwohnsitzes geht. In Sachen Einwanderungsregeln hat man sich in Hong Kong augenscheinlich vom deutschen Steuerrecht inspirieren lassen. Alles folgt einem Prozess. Alles.

Um Internet zu bekommen, brauche ich eine Kreditkarte. Um eine Kreditkarte zu bekommen, brauche ich ein eine Hong Kong ID und ein Konto. Um letzteres zu bekommen, brauche ich einen Adressnachweis, zum Beispiel einer Rechnung eines Versorgungsunternehmens. So brauchen wir insgesamt vier Wochen bis wir im Haus online sind und haben diese Tatsache maßgeblich einer Wasserrechnung zu verdanken. Erste Erkenntnisse. Das Gute an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Das Schlechte an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Dort gilt erst einmal grundsätzlich die Devise: „Impossible is easy, but easy is impossible.“. Wir werden uns eingewöhnen müssen.

Die zweite Erkenntnis: Hong Kong ist keine Betonwüste. Wenn man nach Hong Kong Island fährt und sich dort bewegt, ist es beinahe unbeschreiblich wie dicht bebaut und eng alles ist. Die Stadt sorgt mit einem knappen Viertel der Bevölkerung Shanghais an deutlich mehr Ecken für Platzangst-Attacken. Nachdem ich Causeway Bay am Wochenende besucht habe, kann ich sehr gut nachempfinden wie sich eine Pilgerfahrt nach Mekka anfühlen muss. Sobald man jedoch etwas rausfährt, sei es auf die Südseite der Insel oder in die New Territories ist man in purer Natur. Es ist wirklich sehr, sehr grün.

Hawaii's heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Hawaii’s heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Unser Haus thront sehr hübsch auf dem Berg in einem kleinen Dorf in den New Territories. Nach vorne Meer, nach hinten ein grüner Berg. Wir leben im Dschungel. Nach mehr als drei Jahren Shanghai jubeln meine Lungen jeden Morgen angesichts der Luft hier. 

Besonders auffällig in Hong Kong’s Dschungel: hier ist alles riesig. Als hätte die Natur einen ganz eigenen Sinn für Ironie, ist hier alles etwas überdimensioniert. Wir haben Pflanzen im Garten deren Blätter größer sind als die meisten Küchen in der Stadt. Der Fruchtgröße nach zu urteilen hält sich unser Zitronenbaum für einen Melonengewächs und manche Bäume sehen aus, als hätten sie Wachstumshormone geschnieft.

Pflanzen mit Größenwahn.

Pflanzen mit Größenwahn.

Leider beschränkt sich in Hong Kong diese Megalomanie der Natur nicht auf die Flora. Die Fauna steht ihr in nichts nach. Auf unserem ersten Erkundungstrip in der Umgebung entdecken wir eine Spinne im Baum, die aussieht als läge sie auf der Lauer nach einem Reh. Laut Wikipedia eine in Hong Kong weit verbreitete Gattung der Seidenspinnen und dem Artikel nach „eine der größten Spinnen der Welt“.  Ich bin mehr als nur leicht arachnophobisch, auch auf kleinere Exemplare wie dieses hier reagiere ich normalerweise mit sehr unmännlichen Überraschungslauten und einem kaum zu unterdrückenden Fluchtinstinkt. Wie wunderbar.

Eine kurze weitere Internetrecherche ergibt: in Hong Kong’s grüner Lunge wuselt es. Spinnen, Schlangen (darunter veritable Giftschlangen wie Kobras) und allgemein sehr viel Insektengetiere, dem man als Mitteleuropäer dankbarerweise nur sehr selten begegnet. So haben wir bei abendlichen Spaziergängen mit den Hunden hin und wieder mal Begegnungen der dritten Art mit hiesigen Tausendfüßlern. Sie sind so groß wie ein respektabler Herrenschuh, ihr Biss wohl verblüffend schmerzhaft und leben weitestgehend nach der Maxime „Angriff ist die beste Verteidigung“. Außerordentlich schlecht gelaunte Wesen. Wahrscheinlich würde mir aber mit dem Aussehen auch nicht die Sonne aus den Fühlern scheinen.

Von den Insekten mal abgesehen, hat die Tierwelt die New Territories aber auch ganz charmante Züge: so lebt in Sai Kung eine Herde Wasserbüffel, die sich blendend integriert haben und Teil des lokalen Stolzes geworden sind. „Büffelherde“ war nicht gerade eine Assoziation die mir bisher spontan bei Hong Kong in den Sinn gekommen ist. Ich denke, es wird noch lustig hier.

Indien vor der Haustür (Quelle: www.saikung.com)

Indien vor der Haustür (Quelle: http://www.saikung.com)

Von China gelernt.


Man lernt nie aus. Das gilt wahrscheinlich sogar noch mehr für das Leben im Ausland. In China habe ich sehr viel gelernt bisher:

  1. Eine Stadt, die „nicht sehr groß“ ist, kann immer noch mehr Einwohner haben als Berlin, Rom und Paris zusammen.
  2. Auch vermeintlich eindeutige Aussagesätze sind kultureller Interpretation unterlegen („Die Präsentation ist fertig.“ „Kein Problem.“ „Ich komme morgen um vier.“ „Das ist ungefährlich.“)
  3. Lieferzeit und Geschmack von Liefergerichten stehen in einem direkten Zusammenhang.
  4. 90 Minuten sind für jedes Gericht zu lang. Besonders für einen Big Mac.
  5. Chinesen essen zwar Hunde, jedoch ist es keine weitverbreite Lieblingsspeise.
  6. Hund ist ein Winteressen.
  7. Hühnerfleisch und Hühnerherzen sehen sich im gegrillten Zustand sehr ähnlich, haben geschmacklich aber wenig Gemeinsamkeiten.
  8. Eine Autohupe ist kein Warnsignal, sondern ein Kommunikationsinstrument.
  9. Ein paar kleine Tonverschiebungen können den Unterschied zwischen einem Kompliment und einer handfesten Beleidigung ausmachen. Gesichtsentgleisungen eines Beleidigten sind weltweit ähnlich.
  10. Es gibt viele, teils wirklich gute Witze über Deutsche („Wie öffnet ein Deutscher eine Auster? *KLOPF* *KLOPF* *KLOPF* – Aufmachen!!“)
  11. Chinesische Beamte sind deutlich freundlicher als deutsche. Selbst wenn sie einen verhaften.
  12. Chinesen vertragen Alkohol oft weniger gut als Europäer.
  13. Scheren tut es sie nicht.
  14. Die maximale Zuladung eines Elektrorollers beträgt das 450-fache seines Eigengewichts.
  15. An Bord eines Flugzeugs der Shanghai-Airlines, ist die Durchsage „Wir versprechen Ihnen eine Erfahrung, die Ihnen in Erinnerung bleiben wird“ nicht zwingend positiv gemeint.
  16. Toxic, Waters, Pinky, Wohlstand und Potato sind gesellschaftlich akzeptierte Vornamen.
  17. Spareribs mit Stäbchen zu essen und dabei seine Würde zu bewahren ist unmöglich.
  18. In einem Markt mit 1,3 Mrd Konsumenten, verdient man mit Fälschungen auch dann Geld, wenn das Produkt einen geringen Wert hat. Zum Beispiel Erbsen.
  19. J.K. Rowling hat nicht sieben, sondern elf Bände von Harry Potter geschrieben, die letzten vier aber exklusiv in China herausgebracht. Unter anderem die Klassiker „Harry Potter and the Leopard Walk-Up-To Dragon“ und „Harry Potter and the Chinese Overseas Students at the Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry“
  20. Ab einer bestimmten Menge Alkohol, ist es auch Westlern ohne vorherige Sprachkenntnis möglich, fließend Mandarin zu sprechen. Dies gilt auch für finnisch, ungarisch und indonesisch.
  21. Quallen haben ein super Kaugefühl.
  22. Seeschnecken nicht.
  23. Pierre Littbarski ist in China auch 2012 noch ein echter Weltstar.
  24. Hunde fressen Bonsais und Katzen verlieren den Verstand beim Anblick deutscher Salzstangen.
  25. Hessisch ist in Shanghai eine praktikable Kommunikationsalternative zu Mandarin.
  26. Das ökonomische Konzept der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage lässt sich anschaulich am Mozzarellapreis in Shanghai erklären.
  27. High-Heels, Micro-Rock und Korsage fallen unter „Business Attire“.
  28. Der TÜV ist Deutschlands am meisten unterschätzte und völlig zu Unrecht verunglimpfte Institution.

Ich finde, er guckt irgendwie….spöttisch wissend.

Was denkt ihr euch dabei?


Diese Frage stellt sich hier wohl jeder Westler mehrmals am Tag. Das Rumspucken. Das Überfahren. Das Komatrinken. Die Starkstromleitungen im Garten. Die Mutter mit Kleinkind auf dem Roller und Top-Speed durch fünf-spurige Straßen. Die verdammte Singerei. Die Standardantwort, die sehr oft das Gegenteil bedeutet („Kein Problem.“). Die gefälschten Nahrungsmittel. Die Gafferei, statt zu helfen bei Unfällen. Die Ferraris in pink-metallic. Die Liste ist sehr, sehr lang.

Barbie-Ferrari

Ein Barbie-farbender Ferrari. Wirklich, was denkt man sich dabei?

Nun sollte man ja immer erst vor der eigenen Tür kehren. Wie mir viele Chinesen versicherten, halten sie vieles von dem, was wir in Europa so tun, auch für ziemlich gaga. Die Kehrwoche. Die GEZ. (was ich beides übrigens auch nicht verstehe). Schimmelkäse. Altersheime. TÜV. Nackt am Strand die Haut verbrennen. Speisen individuell bestellen. Die Freiwillige Feuerwehr. Kirchensteuer.

Es gibt eben doch kulturelle Unterschiede. Allein beruflich muss ich dem Denken hinter all den Merkwürdigkeiten auf den Grund gehen. Wir befassen uns viel mit Consumer Insights, also Erkenntnissen über Einstellungen und Gedankenkonstrukte, die Verhaltensweisen erklären. Dabei habe ich den letzten 18 Monaten gefühlte hundert Bücher zu dem Thema gelesen, die jedoch oft eher an der Oberfläche kratzen. Oder ich falle einfach zu leicht auf Buchtitel herein. Gerade jetzt jedoch lese ich ein Buch, das wirklich mal heraussticht und bei dem ich mich schon mehr als einmal dabei ertappt habe zu denken „Aaaaahh, deshalb. So macht es fast sogar Sinn.“.

Das Werk trägt den hübschen, weil so subtilen Titel „The Geography of Thought : How Asians and Westerners Think Differently…and Why“ und ist von Richard Nisbett, einem US-Psychologen der ohnehin schon mal sehr, sehr smart ist.

Ich bin noch nicht mal ganz durch, aber schon auf den ersten hundert Seiten zieht er ein paar schöne Parallelen, die zumindest erklären warum uns China manchmal so wirr scheint. Zudem habe ich zusätzlich versucht, mir ein paar eigene Reime zu machen. Das ist aber ein wenig so, als würde ich einem Elektriker erzählen, das ich auch schon mal einen Lichtschalter bedient habe. Chinas Denken in Kurzform:

Andere Antike, andere Gegenwart.

Wenn man sich RTL2 ansieht fällt es schwer zu glauben, aber vieles von dem was unser Denken bestimmt, stammt noch immer von den Griechen: Logik. Dingen auf den Grund gehen. Regelmäßigkeiten finden und Ursachen untersuchen. Die Welt versuchen zu erklären. Individualismus. Das alles war China schon in der Antike schnurz. Die Welt zu verstehen und Gesetzmäßigkeiten waren längst nicht so wichtig wie ganz pragmatische Erfindungen. Auf das Schießpulver kommt man auch ohne das Sonnensystem in Zahlen ausdrücken zu wollen. Und in China hat man sehr, sehr viel erfunden.
Alles in China hatte immer einen pragmatischen Grund. Interessanterweise war es wohl häufig auch so, daß man in China viele Dinge schon viel früher als in Griechenland erkannt hat, man es aber nicht so wichtig fand. Z.B. hat man auch in China schon festgestellt, daß Kometen komisch sind. Antike chinesische Philosophen haben deren Erscheinen meist mit irgendeinem Ereignis kaiserlicher Relevanz verknüpft. Komet kommt und kündigt damit die Geburt eines Nachfolgers an. In dem Moment, in dem sie herausgefunden haben, daß das regelmäßig passiert, haben sie das Interesse verloren. Aus unserer Sicht ein wenig so, als hätte Newton gesagt „Gravitation? Witzig, aber ein Eierkocher wäre spannender.“ Aus chinesischer Sicht unverständlich, warum man sich über etwas Gedanken macht, daß so wenig mit dem täglichen Leben zu tun hat.

Individuum vs. Kollektiv.

In der westlichen Welt war das Individuum meistens wichtiger als das Kollektiv. Vielleicht mal von den paar Hundert Jahren finsterem Mittelalter abgesehen. Ich bin für mein Handeln verantwortlich und damit auch für die Resultate. Egoismus ist ok, so lange er keine ethischen Grenzen überschreitet. Die zehn Gebote sind eher Richtlinien gegen Massaker als wirkliche Lebenshilfe (spricht der Atheist, das mögen andere anders sehen).
In China ist das Kollektiv wichtig. Verschiedene Zirkel die harmonisch im Einklang gehalten werden müssen. Die Familie, die Dorfgemeinschaft, das Volk. Die harmonische Gesellschaft ist noch immer das wichtigste Ziel hier in China – selbst 5000 Jahre später. Yin und Yang sind deutlich mehr als ein cooles Logo – es ist die Auffassung, das alles im Gleichgewicht sein sollte. Alles was man tut, ist im Kontext zu sehen. Irre aufwändig und erklärt zumindest mal die tausend verschiedenen Möglichkeiten das Gesicht zu verlieren. Ausnahmen scheinen zumindest das Schlangestehen in der Metro und der Straßenverkehr zu sein.

Mir san mir.

Lucian Pye war China-Experte und hat es sehr schön formuliert: „China ist keine Nation, China ist ein Volk.“. Genauer: das Volk der Han. Als Volk haben die Han-Chinesen viel mit den Bayern gemein: wir hams erfunden, wir sind an der Spitze und wer nicht schon mindestens 300 Jahre hier lebt, gehört auch nicht dazu. Dabei hat China schon früher ganz eigene Umgangsformen entwickelt. Imperialismus wie in Europa hat hier nie stattgefunden. Was ja schon mal höflich ist. In über 5000 Jahren ist hier zumindest bisher niemanden eingefallen, mal irgendwo einzufallen um die Flagge in fremde Länder zu pflanzen. Wovon sich Deutschland, Frankreich, England, Spanien, Portugal und fast alle anderen westlichen Ländern mal was hätten abgucken sollen. Einmal sind die Chinesen auf Tour gegangen (übrigens weit vor Columbus mit weitaus moderneren Schiffen), wollten dabei aber eher den Anrainern vom Glanz Chinas berichten, als irgendjemanden auszunehmen oder gar etwas mitgehen zu lassen. Der Kommentar chinesischer Gesandter beim Anblick der ersten Giraffe war ein lapidares „dafür haben wir auch ein Wort und haben das Tier irgendwie kommen sehen.“

Im 19. Jahrhundert haben es dann die Briten mal probiert und dem chinesischen Kaiser modernste Technik gegen Handelskonzessionen angeboten. Die Antwort Chinas war sinnngemäß „drollig, aber wir brauchen nichts.“. Wonach dann England beschloss, die Argumente mit einer Armada von Kriegsschiffen zu verstärken.
Zusammengefasst: nach Ansicht Chinas ist man eh schon die Spitze der Entwicklung und auf Hilfe anderer wahrlich nicht angewiesen. Was auch erklären würde, warum Expats zwar freundlich, aber auch nicht gerade überschwänglich erwartet werden.

Ich bin auf weitere Erkenntnisse gespannt. Ganz werde ich das Land sicher nie verstehen, aber ich würde es wirklich gerne probieren.

Wunderlich.


Shanghai verändert. Als erstes geht einem das Zeitgefühl flöten. Ich wusste zwar, daß ich lange Zeit nicht zum Bloggen gekommen bin, wie das aber schon über drei(!) Wochen her sein kann, ist mir schleierhaft. Früher dachte ich: „Wow, schon Donnerstag.“, hier denkt man: „Wow, schon Februar!“.
Arroganz ist mir nicht fremd. Bevor wir nach Shanghai kamen, hatten mir Kollegen Schauermärchen vom Arbeitsaufkommen und der Hektik der Stadt erzählt – damals hatte ich das als das Klischee und Geschwätz von Weicheiern abgetan. Stimmt aber tatsächlich. Wer nicht abwarten kann älter zu werden, sollte ein Leben hier in Erwägung ziehen. Zeitraffer.

Hinzu kommen ungesunder Lebenswandel, Luftverschmutzung und Lärm. Und natürlich der sporadische Adrenalinschub, wenn man mal wieder nur knapp dem Bus entkommen ist (ich glaube ja mittlerweile, daß Busfahrer eine Roadkillprämie bekommen). Alles schneller, alles ungesünder, dafür lustiger. Zehn Jahre Shanghai kommen einem wahrscheinlich vor wie zwei, dafür altert man zwanzig. Was erklären würde, daß wir hier sonderbar werden. Entweder eine besondere Form von Kulturschock oder Frühzeichen von Demenz. Wir haben hier Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die wirklich wunderlich sind.

1. Hamsterkäufe

Einkaufen finde ich nicht tragisch. Manchmal macht es sogar Spaß und wirkt entspannend. In Deutschland zumindest. Einkaufen bei Carrefour am Samstag ist so entspannend wie Spazierengehen auf dem Frankfurter Kreuz. Vielleicht spielt das eine Rolle, warum wir hier einkaufen, als würden morgen die Russen kommen. Unser Haus ist für zwei Leute sehr groß. Trotzdem noch lange kein Grund, jeden Flecken Stauraum mit Nahrungsmitteln, Konserven und Drogerieartikeln zu befüllen. Schon die letzten Wochen fiel uns beiden auf, daß wir in Sachen Vorratshaltung den Verstand verloren haben:

  • zwei Kühlschränke, nie Platz
  • das Gefrierfach einräumen ist wie Tetris spielen
  • Konserven horten, als gäbe es kein Morgen (absurderweise scheinen wir eine ausgeprägte Vorliebe für Thunfisch und Oliven entwickelt zu haben)
  • Bestellungen von Getränken kalkulieren wir nicht in Dosen, sondern Paletten
  • selbst Großkantinen haben ein wahrscheinlich kleineres Gewürzsortiment

Dabei haben wir unabhängig voneinander, ganz eigene Spleens entwickelt. Meine nicht nur zauberhafte, sondern auch hochintelligente Frau ist nicht mehr zurechnungsfähig, wenn es ums Einfrieren geht; ich könnte mit meinen Leuchtmittelvorräten kleinere Länder locker ausleuchten.

Pathologische Kühlschrankbefüllung.

Man kann nie genug Thunfisch besitzen. Dies ist die Spitze des Eisbergs.

Ohne Sodawasser geht die Welt unter.

 

2. Alltagsneurosen

Mir tun Menschen, die von Zwangshandlungen bestimmt sind wirklich leid und ich stelle es mir ganz furchtbar vor – kann es aber mittlerweile nachvollziehen:

  • Ticks.
    Ich kann das Haus nicht verlassen ohne sicherzustellen, daß wirklich ALLES abgeschlossen und vor allem ausbrichsicher für Hunde und Katzen ist.
    Mag daran liegen, daß ein unbeaufsichtigter Hundeausflug hier wirklich Konsequenzen hat oder daran, daß ich keine sportlich-elegante Figur abgegeben habe bei der nächtlichen Evakuierung einer der Katzen vom Hausdach – man muss trotzdem nicht mehrmals das Türschloß prüfen.
  • Spontane Tobsuchtsanfälle.
    Ich hätte mich noch nie lustig gemacht, über Menschen mit dem Tourette-Syndrom – hier fühle ich mich sogar solidarisch. Was ich hier den Wahnsinnigen auf ihren lautlosen Elektrorollern schon hinterhergebrüllt habe, würde auch bei RTL nachts um drei nicht ohne viel *Piep* gesendet werden.
  • Nahrungsmittelparanoia.
    Ich habe es schon erwähnt, hier wird viel gefälscht. Manchmal schlägt das aber mittlerweile ein wenig ins Wahnhafte um. Sobald etwas westlich daherkommt, aber rein chinesisch ist, bekommt das Wort Misstrauen eine völlig neue Bedeutung. Lieber trinke ich wässrigen Kaffee als chinesische Milch reinzukippen.

3. Ignorieren der eigenen Sterblichkeit.

Vermutlich ist das Leben hier sonst auch nicht möglich, aber manchmal frage ich mich schon, ob wir manches nicht zu sehr verharmlosen

  • Im Taxi registriere ich den nahenden Tod eigentlich nur noch, wenn er wirklich fast nicht mehr vermeidbar ist. 50cm Sicherheitsabstand zum Vordermann sind auf der Autobahn selbst in China eigentlich zu wenig
  • Qualitätssicherung ist hier auf der Prioritätenliste nicht sehr weit oben. Offene Starkstromleitungen im Garten werden ehrlicherweise aber auch mit einem Tesaband nur wenig sicherer und dass die Hunde mein Durchwaten einer Pfütze Elektroschocks durch eine schlecht isolierte Straßenbeleuchtung bekommen, hätte uns in Deutschland auf die Barrikaden gehen lassen. Hier regiert Fatalismus.

Memo an mich: öfter mal die Zeit anhalten, mehr bloggen und das Haus mit ungeprüftem Türschloß, dafür mit Isolierband verlassen.