Verkehrspsychosen.


Autofahren war schon immer etwas, hm, schwierig für mich. Zwar liebe ich Autos und genieße schöne Fahrtstrecken genauso sehr wie kleine Geschwindigkeitsräusche – ich bin aber kein besonders guter Fahrer. Genauer gesagt bin ich sehr häufig eine handfeste Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer. Grund dafür ist, wie so oft, meine generelle Neigung zur Ungeschicklichkeit und die Tendenz zu großen Aufmerksamkeitslücken. Ich bin davon überzeugt, daß meine letzten Worte so etwas wie „Wa…?“ oder „Ey!“ sein werden.

Im Laufe meiner nun doch langen Karriere als Autofahrer habe ich ein Fahrzeug komplett zerlegt, hatte mehrere Auffahrunfälle und sehr regelmäßige Ausflüge auf Geh- und Fahrradwegen, Gegenfahrbahnen, Einbahnstraßen und Abgründen. Da man schon auf dem Weg zum Flughafen einen guten Überblick über die Gefahrensituation im Straßenverkehr in China bekommt, stand nie zur Debatte hier ein Vehikel selbst zu bewegen. Mit dieser Entscheidung allein habe ich sicherlich maßgeblich zur Verkehrssicherheit in Shanghai beigetragen.

Meine bisher ungewohnten Rolle als Passagier hat mir jedoch völlig neue Perspektiven eröffnet – eine Art automobiler Anthropologie. Dabei sind mir frappierende Unterschiede innerhalb Chinas aufgefallen:

  • Shanghai

    Man hat den Eindruck, die Stadt sei nur aus einem Grund gebaut worden: um möglichst viele Autos durch sie hindurch zu jagen. Teils mehrstöckige Hochstraßen, durchflutet von immens vielen Fahrzeugen. Derzeit sind es etwa 1 Mio Autos, bis 2020 sollen es voraussichtlich 2,5 werden. Hinzu kommen gefühlt noch einmal das zehnfache an Elektrorollern. Allen Verkehrsteilnehmern in Shanghai ist eines gemein: sie sind ruchlose Egoisten. Wenn Machiavelli einen Führerschein gehabt hätte, er wäre in Shanghai Auto gefahren. Dabei ist die Dreistigkeit fast schon beeindruckend: wer die Abfahrt verpasst hat, fährt einfach auf der Autobahn zurück. Wer auf der falschen Fahrspur ist, überquert einfach galant sieben voll besetzte Fahrspuren und es mich würde stark wundern, wenn der Begriff „Reissverschluss-System“ existierte. Dabei wird immer schön viel gehupt, egal ob zur Warnung, Entwarnung oder als minütliche Reflexhandlung. Natürlich sind sich alle einig, daß es langsam ein Problem wird mit dem Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel eine sinnvolle (und zeitsparende) Alternative wären. Genützt hat es nichts.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Fokusgruppe, in der ein Autofahrer ohne jeden Anflug von Ironie sagte „ich finde es gut und wichtig, daß die Regierung versucht den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Wenn mehr Leute die Metro nehmen, habe ich mehr Platz auf der Straße“. Gleichzeitig ist es ihnen absolut unverständlich, warum Autohersteller Dinge erfinden wie das automatische Abblendlicht. Kommentar: „Wieso soll ICH abblenden, weil ein ANDERER geblendet wird?“.
    Bei all diesen motorisierten Egoisten ist trotzdem erstaunlich wie wenig eigentlich passiert. Ich bin mir sicher, daß die Unfallbilanz Shanghais deutlich schlechter als die New Yorks ist, man sieht aber wirklich nur sehr wenige Unfälle.

  • Beijing

    Wenn Shanghais psychische Störung Egomanie ist, ist es in Beijing eine besondere Form des Autismus. Wikipedia erklärt zu Autismus:
    „Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen […] bis zur schweren geistigen Behinderung reichen. Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.“Als hätte jemand den typischen Verkehrsteilnehmer in Beijing beschrieben. Zwar hupen sie genau so gerne wie ihre Shanghaier Kollegen – sie haben ihre Umwelt dabei aber völlig ausgeblendet. Wenn man in Beijinger Autos schaut, sieht man auf dem Fahrersitz meistens Gesichtsausdrücke, die sonst Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Veteranen mehrjähriger Kriege vorbehalten ist: gähnende, ausdruckslose Leere und Gleichgültigkeit. Ich bin mir sicher, ein Beijinger könnte eine mit Katzenjungen gepflasterte Straße befahren ohne auch nur zu Blinzeln.

    Das ist an sich weniger ver- als einfach nur störend, gilt jedoch leider auch für die Taxifahrende Zunft. Um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers in Peking zu erhaschen, muss man sich mindestens mal in Brand setzen.

    Diese Teilnahmslosigkeit gepaart mit einer Straßenplanung, die nur von sadistischen Koksern erdacht worden sein kann, führt zu einem Verkehr für den es eigentlich einen eigenen Superlativ von „Stillstand“ geben müsste.

  • Hong Kong

    Sowohl Mainlander, Westler als auch Hong Konger selbst sind sich einig: die Stadt hat nicht viel gemein mit China. Man spürt die britische Prägung noch heute deutlich, ganz besonders im Straßenverkehr. Abgesehen davon, daß sie meiner Ansicht nach auf der falschen Seite fahren, sind Autofahrer in Hong Kong ausgesprochen zivilisiert, höflich und erstaunlich regelkonform. Fast schon ein bisschen unheimlich. Wahrscheinlich einzig um Stadtfremden ein bisschen Aufregung zu verschaffen, hat man sich bei der hiesigen Straßenplanung gedacht: das geht auch spannender. Anders kann ich es mir nicht erklären, für eine Stadt die ansonsten so viel Wert auf Effizienz und Ordnung liegt, ist die Straßenführung unfassbar psychotisch.Um sich für die richtige Fahrspur zu entscheiden, hat man im Schnitt fünf Zehntelsekunden Zeit. Wer dieses Zeitfenster verpasst, muss einmal die Insel umrunden um ans Ziel zu kommen.
    Stadtteile und Richtungen werden auf zwanzig Kilometer an jeder Straßenkreuzung angezeigt, aber auf den letzten 1000 Metern heisst es Richtung raten.
    Straßen und besonders Parkhäuser sind so eng, dass man selbst als Fußgänger Angst hat, anzuecken.
    Spurwechsel sind nicht vorgesehen und stehen unter Strafe auf fast allen Straßen. Wer sich einmal entschieden hat, bleibt auch bitte bei der Wahl und sollte sie ihn nach ausschliesslich nach Shenzhen führen.

Das alles mag aber auch meiner eigene Verbitterung geschuldet sein. Zum erstem Mal seit mehr als drei Jahren bewege ich wieder selbst ein Auto. Die Erkenntnis, dass es für Verkehrsrückkehrer bessere Bedingungen gibt als Linksverkehr, enge Strassen an Bord eines zu gross geratenen SUV, kamen mir schon am ersten Tag hier.

Hong Kong, nimm dich in acht.

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Wer zuletzt lacht, ist kein Chinese.


Ich bin beschämend leicht zu erheitern, ich kann über so gut wie alles lachen: Schlagfertige Antworten, Situationskomik, absurde Situationen, Webfails, Loriot selbstverständlich. Ich finde sogar Mario Barth witzig, würde das aber natürlich nie zugeben. Oft brauche ich nicht mal einen Anlass, meist reicht schon meine eigene Unzulänglichkeit um mich zum Kichern zu bringen – was aber auch an meiner weit überdurchschnittlichen Trotteligkeit liegen mag. So habe ich mich zum Beispiel kürzlich an einer Karotte verletzt, das sagt einiges. Kurzum: dank der Lachreizschwelle eines bekifften Vorschülers, kann ich mich eigentlich überall amüsieren. Dachte ich zumindest bevor ich nach China kam. Wer Humor zu schätzen weiss, muss in China umdenken.

Was ich als erstes, dennoch leider trotzdem viel zu spät gelernt habe: Ironie und Sarkasmus existieren nicht. Als Westeuropäer sind wir doch alle ähnlich kulturell geprägt worden, auch wenn diese Vorstellung nicht allen behagt. Parisern zum Beispiel. Man ist einfach gewohnt, daß sich die Bedeutung des Gesagten durch Tonfall und Mimik ergänzt, manchmal sogar umkehrt („Na toll.“). In China ist dieses rhetorische Stilmittel weitestgehend unbekannt, Sarkasmus ist nicht vorgesehen. Ich wäre für diese Information im Rahmen meines wirklich absurd intensiven kulturellen Einführungstrainings sehr dankbar gewesen. Unwissend habe ich mich gerade zu Beginn hier mehr als einmal in die Nesseln gesetzt.

Sich das erste Mal in China unfassbar blöd anzustellen ist wie der erste Auffahrunfall – es bleibt einem in Erinnerung. So wie das Projekt, bei dem mir das beauftragte Team nach vier Wochen entbehrungsreicher Abstimmung stolz ihre Arbeitsergebnisse präsentierten: zwei verkrumpelte Servietten mit ein paar Strichzeichungen. Abgesehen von der Form war auch der Inhalt Murks. Es hatte nichts, aber auch nichts mit der Aufgabe des Kunden und dem was wir im Rahmen des Briefings besprochen hatte zu tun. Komplett inakzeptabler Mist. Da ich zu dem Zeitpunkt schon gelernt hatte, daß ein Tobsuchtsanfall die schlechteste aller Reaktionen wäre, beschränkte ich mich auf ein augenrollendes, verächtliches „Ja klasse, genau SO sollten wir es machen. Am besten bitten wir den Kunden dafür um deutlich mehr Honorar.“ Sie haben es leider wörtlich genommen und tatsächlich noch eine Woche ihre Servietten optimiert. Mein Fehler. Eine völlig neue Ebene der Ironie: das Land das wohl wie kein anderes Wert auf Zwischentöne legt, versteht Ironie nicht.

Generell sind die Ansichten darüber was lustig ist unterschiedlich. Witze, die Laowais nationalitätsübergreifend zum Prusten bringen, ernten maximal besorgtes Kopfschütteln von Einheimischen. Dafür können sich meine chinesischen Kollegen einen ganzen Tag lang beömmeln, weil jemand einen lustigen Fahrradhelm aufhat.

Zugegeben – sich als Deutscher über ein merkwürdiges Verständnis von Humor zu beklagen ist knifflig. Die Welt hat uns Altherrenwitze, den Ententanz und Cindy aus Marzahn zu verdanken, ich sollte mich mal schön bedeckt halten. Trotzdem. Man hat manchmal das Gefühl, das sich hier der Humor hauptsächlich an Sechsjährige richtet. Dachte ich zuerst zumindest als Neuankömmling. Mittlerweile muss ich zugeben – China hat einen ganz eigenen Humor und der ist teils sogar wirklich witzig – wenn man Chinesisch nicht nur spricht, sondern auch lesen kann (was ich beide im Übrigen noch immer nicht kann,langsam gehen mir die Ausreden aus). Manches wird sich mir glaube ich auch nie erschließen, aber das habe ich vom Genuss warmem Wassers auch mal gedacht.

Wenn China lacht, lacht es über:

1. Laowais, die Mandarin sprechen und sich zum Vollhorst machen

2. „Cold Jokes“ – so was wie in Deutschland Antiwitze in den 80ern. Waren noch nie wirklich witzig, auf chinesisch werden sie nicht besser:

„Ein Dumpling geht die Straße entlang und bekommt Hunger. Er isst ein Stück von sich selbst – was ist er dann? Ein gefüllter Dumpling.“

3. Cross-Talk. Eher schon etwas angealteter, konservativer Humor. Wider besseren Wissens hört es sich an als würden sich zwei Betrunkene ständig ins Wort fallen. Angeblich in etwa so wie Abbott & Costellos „Who’s on first“

4. Wörtern mit gleicher Aussprache eine neue Bedeutung zu geben

Blüht auf durch die Kombination aus Internet-Zensur und Social Networks wie Weibo. Einer der Urväter und weit verbreitesten Witze (mit einem ursprünglich ernsten Hintergrund, dem Anprangern besagter Zensur): das Grasschlammpferd.

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Das Caonima ist die grösste Beleidigung unter den Alpakas.

„Gras“, „Schlamm“ und „Pferd“ hören sich gesprochen an wie „Cao Ni Ma“ – „F**** Deine Mutter“. So hat sich besagtes Caonima mittlerweile von einem doppeldeutigem Witz zum echten Kulturphänomen gemausert. Es hat sogar seine eigene Entstehungsgeschichte und ist eines der zehn mythischen Kreaturen. Zu diesen gehört auch übrigens auch der französisch-kroatische Tintenfisch. Er heisst „Fa Ke You“. Grandios.

Sie wollen also nach Hong Kong, hm?


Hong Kong kannte ich bisher eigentlich nur von Kurzbesuchen, seit ein paar Wochen darf ich deutlich tiefere Einblicke gewinnen. Da mein Einsatzgebiet Greater China ist und ich schon längere Zeit zwischen Shanghai, Beijing, Guangzhou und Hong Kong pendele, hat man mir freigestellt, wo meine Basis sein soll und so beschlossen wir unseren Lebensmittelpunkt in die Stadt zu verlegen, die übersetzt den wunderbar doppeldeutigen Namen „Duftender Hafen“ trägt. Tapetenwechsel ist generell mal nicht schlecht.

Von Hong Kong heisst es, es sei einer der teuersten Städte der Welt – Erzählungen von Mietpreisen werden in dem gleichen Tonfall geraunt, der sonst Gruselgeschichten am Lagerfeuer vorbehalten ist. Nun kann ich aus eigener Erfahrung sagen: keine Zombie-Apokalypse kann dem Schreckensniveau der Wohnpreise in Hong Kong das Wasser reichen.

Von meinem Büro auf der Südseite der Insel blicke ich auf einen hübschen Compound dessen Häuser in etwa so groß sind wie unseres in Shanghai. Dem Vernehmen nach bezahlt man umgerechnet etwa 25.000 Euro im Monat pro Haus – es ist so schön weitläufig. Eine meiner Kollegen bezahlt umgerechnet mehr als 4.000 Euro für eine 80qm Wohnung. Das wird spannend.

Unsere ersten Versuche der Häusersuche bestätigen: alles ist unfassbar teuer, dafür kuschelig klein. Die ersten Häuser in unserem Mietbudget die wir uns ansehen, sind fast 60 km außerhalb und im Legoland-Maßstab gebaut. Die Maklerin, die uns stolz das erste Haus zeigt und die Vorteile des so modernen Compounds betont, versteht nicht wirklich warum wir so skeptisch gucken. In der Küche findet genau eine Person Platz, die sollte sich dann aber auch besser nicht bewegen wollen. Im Schlafzimmer kann ich die Decke mit der Hand berühren und ich bin nicht wirklich hoch gewachsen. Das Wohnzimmer ist so klein, daß wir unseren geliebten Esstisch gegen Campingmöbel werden eintauschen müssen. Mir wird ein wenig schwindelig.

In Shanghai kam das erste mal ein verborgenes Talent meiner Frau zutage, von dem ich vorher wirklich nichts ahnte: sie feilscht besser als ein marokkanischer Teppichhändler. Zwei Wochen später haben wir also eine Bleibe. Immer noch wirklich teuer, aber wenigstens bezahlbar, nicht zu weit von der Stadt schön im Grünen gelegen mit Meerblick und dazu für hiesige Verhältnisse geradezu palastartig groß. Chapeau.

Die ersten Tage in Hong Kong zeigen: Umdenken ist angesagt. Einerseits sieht kaum eine Stadt chinesischer aus (die meisten Filme mit China-Flair werden auf der Kowloon-Seite von Hong Kong gedreht), ansonsten fühlt man sich in der Sonderverwaltungszone eher wie im Westen, besonders wenn es um die Verlegung des Erstwohnsitzes geht. In Sachen Einwanderungsregeln hat man sich in Hong Kong augenscheinlich vom deutschen Steuerrecht inspirieren lassen. Alles folgt einem Prozess. Alles.

Um Internet zu bekommen, brauche ich eine Kreditkarte. Um eine Kreditkarte zu bekommen, brauche ich ein eine Hong Kong ID und ein Konto. Um letzteres zu bekommen, brauche ich einen Adressnachweis, zum Beispiel einer Rechnung eines Versorgungsunternehmens. So brauchen wir insgesamt vier Wochen bis wir im Haus online sind und haben diese Tatsache maßgeblich einer Wasserrechnung zu verdanken. Erste Erkenntnisse. Das Gute an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Das Schlechte an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Dort gilt erst einmal grundsätzlich die Devise: „Impossible is easy, but easy is impossible.“. Wir werden uns eingewöhnen müssen.

Die zweite Erkenntnis: Hong Kong ist keine Betonwüste. Wenn man nach Hong Kong Island fährt und sich dort bewegt, ist es beinahe unbeschreiblich wie dicht bebaut und eng alles ist. Die Stadt sorgt mit einem knappen Viertel der Bevölkerung Shanghais an deutlich mehr Ecken für Platzangst-Attacken. Nachdem ich Causeway Bay am Wochenende besucht habe, kann ich sehr gut nachempfinden wie sich eine Pilgerfahrt nach Mekka anfühlen muss. Sobald man jedoch etwas rausfährt, sei es auf die Südseite der Insel oder in die New Territories ist man in purer Natur. Es ist wirklich sehr, sehr grün.

Hawaii's heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Hawaii’s heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Unser Haus thront sehr hübsch auf dem Berg in einem kleinen Dorf in den New Territories. Nach vorne Meer, nach hinten ein grüner Berg. Wir leben im Dschungel. Nach mehr als drei Jahren Shanghai jubeln meine Lungen jeden Morgen angesichts der Luft hier. 

Besonders auffällig in Hong Kong’s Dschungel: hier ist alles riesig. Als hätte die Natur einen ganz eigenen Sinn für Ironie, ist hier alles etwas überdimensioniert. Wir haben Pflanzen im Garten deren Blätter größer sind als die meisten Küchen in der Stadt. Der Fruchtgröße nach zu urteilen hält sich unser Zitronenbaum für einen Melonengewächs und manche Bäume sehen aus, als hätten sie Wachstumshormone geschnieft.

Pflanzen mit Größenwahn.

Pflanzen mit Größenwahn.

Leider beschränkt sich in Hong Kong diese Megalomanie der Natur nicht auf die Flora. Die Fauna steht ihr in nichts nach. Auf unserem ersten Erkundungstrip in der Umgebung entdecken wir eine Spinne im Baum, die aussieht als läge sie auf der Lauer nach einem Reh. Laut Wikipedia eine in Hong Kong weit verbreitete Gattung der Seidenspinnen und dem Artikel nach „eine der größten Spinnen der Welt“.  Ich bin mehr als nur leicht arachnophobisch, auch auf kleinere Exemplare wie dieses hier reagiere ich normalerweise mit sehr unmännlichen Überraschungslauten und einem kaum zu unterdrückenden Fluchtinstinkt. Wie wunderbar.

Eine kurze weitere Internetrecherche ergibt: in Hong Kong’s grüner Lunge wuselt es. Spinnen, Schlangen (darunter veritable Giftschlangen wie Kobras) und allgemein sehr viel Insektengetiere, dem man als Mitteleuropäer dankbarerweise nur sehr selten begegnet. So haben wir bei abendlichen Spaziergängen mit den Hunden hin und wieder mal Begegnungen der dritten Art mit hiesigen Tausendfüßlern. Sie sind so groß wie ein respektabler Herrenschuh, ihr Biss wohl verblüffend schmerzhaft und leben weitestgehend nach der Maxime „Angriff ist die beste Verteidigung“. Außerordentlich schlecht gelaunte Wesen. Wahrscheinlich würde mir aber mit dem Aussehen auch nicht die Sonne aus den Fühlern scheinen.

Von den Insekten mal abgesehen, hat die Tierwelt die New Territories aber auch ganz charmante Züge: so lebt in Sai Kung eine Herde Wasserbüffel, die sich blendend integriert haben und Teil des lokalen Stolzes geworden sind. „Büffelherde“ war nicht gerade eine Assoziation die mir bisher spontan bei Hong Kong in den Sinn gekommen ist. Ich denke, es wird noch lustig hier.

Indien vor der Haustür (Quelle: www.saikung.com)

Indien vor der Haustür (Quelle: http://www.saikung.com)

Exoten sind immer die Anderen.


China ist manchmal wie ein Signalhorn gegen die Gewohnheit. Immer wenn man denkt, man hat es verstanden, tun sie etwas Drastisches und sorgen für erneute Verwirrung. Shanghai ist mittlerweile wirklich unser Zuhause, fremd fühlt sich kaum noch eine Ecke an und wirklich überraschen tut einen hier nichts mehr. Dachte ich.

Zur Erneuerung der Erkenntnis: „Manchmal haben sie echt einen an der Klatsche“, hat ein Einkauf bei Carrefour gereicht. Eigentlich Standard, keine Überraschungen. Erst habe ich auch gar nichts bemerkt – am Getränkeregal zunächst das komische Gefühl das irgendetwas anders ist. Bei der Zahncreme wusste ich: die Musik ist es. In einem Großsupermarkt einer französischen Handelskette, am Stadtrand von Shanghai in einem Vorort namens QingPu, unter 35.000 Chinesen die sich anfühlen wie 350.000, zwischen Hühnerfüßen, tausendjährigen Eiern und Quallenkonserven: deutsches Liedgut in Startbahnlautstärke. Und wir sprechen hier nicht von Beethoven. Der gesamte Supermarkt beschallt von einer Preziose deutscher Dicht- und Sangeskunst mit dem hübschen Refrain:

„Ich bin Ü30 und das weiß ich, doch das ist mir scheißegal. Ich bin super drauf und noch immer erste Wahl!“

Ballermann-Mucke in Shanghai. Und das mehr als einmal – das war kein Versehen. Eine halbe Stunde Einkauf hat gereicht um das hübsche Stück sieben(!) mal zu hören. Ich habe diesen Mist in Europa schon so sehr gehasst, daß ich unter 1,5 Promille den Raum verlassen musste. Recherche ergab, der Interpret nennt sich Peter Wackel. Ich finde, er sollte gesteinigt werden. Oder wenigstens nur geknebelt aus dem Haus dürfen. Diese Musik brennt sich so tief ins Hirn, es ist wirklich unfassbar. Noch drei Wochen später hat sich dieser Ohrwurm in die Untiefen meines Denkens gefräst. Wahrscheinlich hat er dabei noch Schulwissen gelöscht. Kein Wunder, daß mir die binomischen Formeln nicht mehr einfallen. Aber ich schweife ab.

Apres-Ski in Qing Pu ist eigentlich nur eine Facette dessen, was einem erst in China klar wird: Exotik ist relativ. Ist ja eigentlich auch nur logisch. Wie schon mal beschrieben, kommen Deutsche und Deutsches hier super an. Es mag für Holländer, Engländer, Franzosen, Österreicher, Schweizer und etwa 39 andere Länder schwer vorstellbar sein: in China mag man uns. Ganz vorbehaltslos. Manchmal vielleicht ein bisschen zu vorbehaltslos. In Europa bin ich zumindest noch nie mit einem aufrichtigen Lächeln gefragt worden, warum wir eigentlich so viele Menschen umgebracht haben und habe auf die Frage meiner Herkunft noch nie die Antwort „Super Rasse.“ bekommen. Auch Freundlichkeit kann einen peinlich berühren.

Kein Wunder also, daß man immer noch mehr Artikel aus Deutschland findet. Auch jenseits von Cityshop. Einige Carrefours haben ganze „Imported-Product“ Abteilungen. Schön auch zu sehen, was hier neben Autos, Brot und Bier noch so schön exotisch ist: Haribo. Wobei man ehrlicherweise dazu sagen muss, daß die Importwarendichte mit abnehmender Expat-Nachbarschaft des Supermarkts auch deutlich sinkt.

Import rockt. Zumindest gibt es Käse.

1,3 Mrd Menschen frohe Kinder und Erwachsene.

Fast Marken für sich: Laowais aus dem „richtigen“ Ausland (d.h. nicht Japan). Richtig spitze sind sie, wenn sie wirklich integriert sind. Also nicht so wie wir. Kürzlich habe ich Andrew Ballen kennengelernt. Aus New York, seit elf Jahren in China und der wahrscheinlichste sympathischste Mann der Erde. Zudem ist er tiefschwarz und spricht fließend Mandarin. In Deutschland hätte man vielleicht gesagt „nett integriert“, hier kriegt er eine eigene Fernsehsendung.

Ganz groß ist derzeit auch Debbie. Eigentlich Debra Meiburg, eine Önologin aus den Staaten und ihres Zeichens „Master of Wine“. Keine Taxifahrt vergeht, ohne daß Debbie einem erklärt wie man Wein genießen sollte. Sie mag viel vom Weinbau verstehen, von der Auswahl des richtigen Gesichtschirurgen versteht sie zu wenig. Ihre Augenbrauen sind eher zufällig im auffallend mimik-armen Gesicht verteilt. Aber das macht ihre Sendung eigentlich nur noch amüsanter.

Tausche Ruhm gegen Gesichtsausdruck.

Der Plan steht also. Endlich Mandarin lernen, Nische suchen (vielleicht Apfelwein?) und berühmt werden.