Wunderlich.


Shanghai verändert. Als erstes geht einem das Zeitgefühl flöten. Ich wusste zwar, daß ich lange Zeit nicht zum Bloggen gekommen bin, wie das aber schon über drei(!) Wochen her sein kann, ist mir schleierhaft. Früher dachte ich: „Wow, schon Donnerstag.“, hier denkt man: „Wow, schon Februar!“.
Arroganz ist mir nicht fremd. Bevor wir nach Shanghai kamen, hatten mir Kollegen Schauermärchen vom Arbeitsaufkommen und der Hektik der Stadt erzählt – damals hatte ich das als das Klischee und Geschwätz von Weicheiern abgetan. Stimmt aber tatsächlich. Wer nicht abwarten kann älter zu werden, sollte ein Leben hier in Erwägung ziehen. Zeitraffer.

Hinzu kommen ungesunder Lebenswandel, Luftverschmutzung und Lärm. Und natürlich der sporadische Adrenalinschub, wenn man mal wieder nur knapp dem Bus entkommen ist (ich glaube ja mittlerweile, daß Busfahrer eine Roadkillprämie bekommen). Alles schneller, alles ungesünder, dafür lustiger. Zehn Jahre Shanghai kommen einem wahrscheinlich vor wie zwei, dafür altert man zwanzig. Was erklären würde, daß wir hier sonderbar werden. Entweder eine besondere Form von Kulturschock oder Frühzeichen von Demenz. Wir haben hier Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die wirklich wunderlich sind.

1. Hamsterkäufe

Einkaufen finde ich nicht tragisch. Manchmal macht es sogar Spaß und wirkt entspannend. In Deutschland zumindest. Einkaufen bei Carrefour am Samstag ist so entspannend wie Spazierengehen auf dem Frankfurter Kreuz. Vielleicht spielt das eine Rolle, warum wir hier einkaufen, als würden morgen die Russen kommen. Unser Haus ist für zwei Leute sehr groß. Trotzdem noch lange kein Grund, jeden Flecken Stauraum mit Nahrungsmitteln, Konserven und Drogerieartikeln zu befüllen. Schon die letzten Wochen fiel uns beiden auf, daß wir in Sachen Vorratshaltung den Verstand verloren haben:

  • zwei Kühlschränke, nie Platz
  • das Gefrierfach einräumen ist wie Tetris spielen
  • Konserven horten, als gäbe es kein Morgen (absurderweise scheinen wir eine ausgeprägte Vorliebe für Thunfisch und Oliven entwickelt zu haben)
  • Bestellungen von Getränken kalkulieren wir nicht in Dosen, sondern Paletten
  • selbst Großkantinen haben ein wahrscheinlich kleineres Gewürzsortiment

Dabei haben wir unabhängig voneinander, ganz eigene Spleens entwickelt. Meine nicht nur zauberhafte, sondern auch hochintelligente Frau ist nicht mehr zurechnungsfähig, wenn es ums Einfrieren geht; ich könnte mit meinen Leuchtmittelvorräten kleinere Länder locker ausleuchten.

Pathologische Kühlschrankbefüllung.

Man kann nie genug Thunfisch besitzen. Dies ist die Spitze des Eisbergs.

Ohne Sodawasser geht die Welt unter.

 

2. Alltagsneurosen

Mir tun Menschen, die von Zwangshandlungen bestimmt sind wirklich leid und ich stelle es mir ganz furchtbar vor – kann es aber mittlerweile nachvollziehen:

  • Ticks.
    Ich kann das Haus nicht verlassen ohne sicherzustellen, daß wirklich ALLES abgeschlossen und vor allem ausbrichsicher für Hunde und Katzen ist.
    Mag daran liegen, daß ein unbeaufsichtigter Hundeausflug hier wirklich Konsequenzen hat oder daran, daß ich keine sportlich-elegante Figur abgegeben habe bei der nächtlichen Evakuierung einer der Katzen vom Hausdach – man muss trotzdem nicht mehrmals das Türschloß prüfen.
  • Spontane Tobsuchtsanfälle.
    Ich hätte mich noch nie lustig gemacht, über Menschen mit dem Tourette-Syndrom – hier fühle ich mich sogar solidarisch. Was ich hier den Wahnsinnigen auf ihren lautlosen Elektrorollern schon hinterhergebrüllt habe, würde auch bei RTL nachts um drei nicht ohne viel *Piep* gesendet werden.
  • Nahrungsmittelparanoia.
    Ich habe es schon erwähnt, hier wird viel gefälscht. Manchmal schlägt das aber mittlerweile ein wenig ins Wahnhafte um. Sobald etwas westlich daherkommt, aber rein chinesisch ist, bekommt das Wort Misstrauen eine völlig neue Bedeutung. Lieber trinke ich wässrigen Kaffee als chinesische Milch reinzukippen.

3. Ignorieren der eigenen Sterblichkeit.

Vermutlich ist das Leben hier sonst auch nicht möglich, aber manchmal frage ich mich schon, ob wir manches nicht zu sehr verharmlosen

  • Im Taxi registriere ich den nahenden Tod eigentlich nur noch, wenn er wirklich fast nicht mehr vermeidbar ist. 50cm Sicherheitsabstand zum Vordermann sind auf der Autobahn selbst in China eigentlich zu wenig
  • Qualitätssicherung ist hier auf der Prioritätenliste nicht sehr weit oben. Offene Starkstromleitungen im Garten werden ehrlicherweise aber auch mit einem Tesaband nur wenig sicherer und dass die Hunde mein Durchwaten einer Pfütze Elektroschocks durch eine schlecht isolierte Straßenbeleuchtung bekommen, hätte uns in Deutschland auf die Barrikaden gehen lassen. Hier regiert Fatalismus.

Memo an mich: öfter mal die Zeit anhalten, mehr bloggen und das Haus mit ungeprüftem Türschloß, dafür mit Isolierband verlassen.

Die fünf Tore zur Einzelhandelshölle.


Ich habe das Gefühl, in meinem Leben noch nie so viel einkaufen gewesen zu sein wie hier. Leider spreche ich dabei nicht von Luxusuhren, Kaschmiranzügen oder zeitgenössischer Kunst – ich spreche von Gemüse, Tierfutter und Dosengetränken. Jeden verdammten zweiten Tag stehen wir in irgendeinem Supermarkt und kommen jedes Mal mit einem Einkaufswagen raus, der beladen ist wie ein kurdischer Dorftransporter. Unsere Küchenschränke sehen aus, als wäre morgen Krieg – trotzdem ist irgendwie nie was da.
Einkaufen ist Alltag. In Sachen Alltagseinkäufen teilt sich die Welt der Expats in Shanghai dabei in zwei Lager:

Gruppe A sind Hardcore-Expats die, wenn überhaupt selbst, dann in Westshops einkaufen gehen und chinesische Supermärkte meiden wie Treibsand. Die Luftwaffe in der Armee der Entsendeten – immer schön auf die weiße Uniform achten und die Flughöhe nicht verlassen.

Gruppe B sind Überintegrierte, die meist schon ein paar Jahre länger hier sind und mehr als eine Woche Europa schon nicht mehr ohne Nervenzusammenbruch überstehen. Diese sehen auch mit leichter Verachtung auf Gruppe A herab und sind stolz darauf, im Wetmarket ohne Ohnmachtsattacke einkaufen zu gehen. Wie Fremdenlegionäre, die gerne mal aus reiner Langeweile ein Schaf ausnehmen und häuten.

Ich hoffe, wir liegen genau dazwischen. Wir versuchen, nicht zu Chinas Luxus-Neu-Köllnern zu verkommen, sehen aber durchaus noch Alternativen zu ungekühltem Fleisch in Sommerhitze.

Shanghai ist in Sachen Alltag für Expats sehr komfortabel – außer Apfelwein und Handkäs wenig, was es nicht gibt. Hat natürlich seinen Preis – so oder so. Shanghai ist dabei nicht China, hier hat der Weg zum vollen Warenkorb fünf Tore:

  1. Kaufen wie in den USA oder Europa
    Westliche Marken sind chic – zudem leben 300.000 Ausländer in Shanghai. Supermärkte mit Westangebot gibt es zuhauf. Mit die größte Kette hier in Shanghai ist Cityshop. Alles, was man braucht, um auszublenden in China zu sein. Grünkohl, Maccaroni&Cheese und Tiefkühlpizza von Dr. Oetker.
    Meistens nicht mal unbedingt riesig, aber viel Auswahl aus westlichen Ländern – wie ein REWE Markt, der sein Angebot mit US-Marken aufgemotzt hat. Macht Spaß, ist gegen eventuelles Heimweh wirksames Mittel (hätte nie gedacht, das Zwiebelmettwurst therapeutische Kräfte besitzt), hat aber zwei entscheidende Nachteile.
    Erstens: Rote Beete einfliegen lassen kostet. Meist in etwa mit deutschem Preisniveau vergleichbar, in manchen Fällen aber auch wirklich teuer: Mozzarella für 60 RMB (6,5 Euro), Mandeln für 70 RMB und für den Preis einer Joghurtpalette kann man in Frankfurt ein halbes Jahr parken.
    Zweiter Nachteil ist weniger offensichtlich: die Chance auf Menschen zu treffen, die die eigene Sprache sprechen ist um ein Vielfaches höher. Man gewöhnt sich das hier schnell an. Ein lockeres „die Mastkuh in dem bunten Clownskostüm schafft es doch nie lebendig über die Straße“ bleibt normalerweise ungesühnt, weil einen auf der Straße eh niemand versteht. Bei Cityshop kann man mal sehen, was ein einfaches „das Kind da nervt“ an Reaktionen hervorruft. Deutsches Gezeter vermisse ich nicht

    Wenig Menschen, viel Europa (Quelle: http://www.ecoweb.dk)

  2. Globale Marken in chinesischem Gewand
    Wir lieben Carrefour. Die Franzosen erobern China langsam aber stetig mit großen Hypermarkets. Fünf Minuten von unserem Haus ist ein solcher – es gibt im Grunde alles was man braucht, preislich kein Luxus und bisher haben wir noch keine Lebensmittelvergiftung davongetragen. Was hier wirklich ein Qualitätsmerkmal ist. Jeden Tag bis 22.00 geöffnet und man kriegt hier das beste aus beiden Welten: Kartoffelchips mit Blaubeergeschmack UND Haribo Goldbären. Yeah.
    Carrefour hat die Marke wundervoll ins Chinesische übersetzt: „Jia Le Fu“ – heißt so viel wie Haus der glücklichen Familie. Nachteil ist auch gleichzeitig Vorteil: wer einen Sonntagseinkauf mit Menschenmassen bei Carrefour überstanden hat, kann auch jederzeit als Gladiator arbeiten.

    So sieht es aus wenn nichts los ist. (Quelle: http://www.echinacities.com)

  3. Chinesische Nachbarschaftssupermärkte
    Gibt es an überall und in jeder Hinsicht unauffällig. Super für einfache Dinge wie Gemüse. Einmal die Tüte randvoll machen kostet maximal 20 Yuan (2,2 Euro), sonst viele chinesische Produkte, die sich einem meist nicht erschließen, aber auch irrelevant sind, wenn man nicht gerade authentisch kochen will. Zudem meist geringes Ekelpotential. HuaLin ist ein solcher.
  4. Supermärkte für das wirkliche China.
    Egal ob es Chinaversionen von Westmärkten wie Tesco oder lokale Ketten sind: an manchen Ecken braucht man Nerven – dafür ist ein funktionierender Geruchssinn ein Nachteil. Laut, voll und in Sachen Hygiene eine eigene Liga. Soll sich nicht arrogant anhören, aber auch Freunde von uns, die in dieser Branche arbeiten geben zu, daß es schon ziemlich grenzwertig sein kann.
    Allein der Lärm ist unbeschreiblich: im boomenden China müssen Promotions für Abverkauf und Marktanteil sorgen. Daher stehen im Markt verteilt meist Dutzende Hostessen die Marken und Aktionen anpreisen. Jede von ihnen hat ein Megaphon und keine Angst es zu benutzen. Wo sonst kriegt man einen Tinnitus von Sojamilchwerbung?
    Neuester Trick: Produkte aus dem Wagen nehmen und mit Konkurrenzprodukt austauschen. Dem Vernehmen nach funktioniert es bombig.
    Wirklich widerlich wird es dann an der Fleischtheke. Zwar ist es wenigstens gekühlt, aber in China muss Qualität anfassbar sein – was alle auch ausgiebig tun: Schnitzel rausholen, daran rumdrücken, zurücklegen. Zehn Fleischbrocken betatschen, einen mitnehmen.  Wie es immer noch 1,3 Mrd Menschen hier geben kann, ist mir ein Rätsel und sollte Darwin zu denken geben.

    Taktiles für Fleischfreaks. (Quelle: http://www.timvan.com)

  5. Authentizität vs. Gesundheitsamt: Wetmarkets
    Politisch korrekt geht das kaum. Positives zuerst: Gemüse ist hier wirklich frisch.
    Oft einfach ein paar Stände auf der Straße, manchmal eine kleine Markthalle in der Nachbarschaft. Hier sieht man Westler meist nur mit Kameras. Es gibt alles, was lebt oder mal gelebt hat (auch wenn das manchmal schon ein wenig her zu sein scheint). Ich will ja gar nicht unken: so ein Huhn, das man selbst zum Köpfen ausgesucht hat, schmeckt wahrscheinlich ganz anders. Ich brauche es dennoch nicht. Im Winter geht es ja sogar noch, aber die Geruchskulisse von Fisch neben offenem Fleisch im Sommer bei 41 Grad im Schatten ist überwältigend. Das olfaktorische Äquivalent einer Güterzug-Kollision. Chinesen schwören angeblich darauf – nur Fleisch das ein bisschen gelegen hat ist gut.

Habe perverserweise Hunger vom Posten bekommen. Werde wohl noch kurz einkaufen gehen.

China-Tage.


Immer wenn man ganz China umarmen möchte weil es gerade so großartig ist, rückt es einem den Kopf wieder zurecht. Muss eine Art nationales Karma nur für Ausländer sein. Die letzten paar Tage war ich mit der Welt im Ganzen und meiner im Besonderen, eigentlich sehr zufrieden.

Das Wetter: ein Traum. Bis letzte Woche noch 24 Grad und auch jetzt, Mitte November, strahlend blauer Himmel und Sonnenschein.
Job: stressig, aber erfüllend. Die hektischste Zeit ist vorbei, es wird ruhiger.
Zuhause: Haus wirkt wohnlich, die Heizung funktioniert, keine großen Ausfälle zu beklagen, sogar Gras im Garten.

Genau in solchen Momenten setzt das Phänomen „China-Days“ ein. Geht nicht nur mir so, es beschreiben fast alle Expats ähnlich. Ein Tag, an dem China einem ins Gesicht schlägt. Mit Anlauf. Und einem Stuhl.
Dabei hinkt der Vergleich ein wenig. Wie alles hier, sind auch Attacken auf die Nerven subtil. Nagend. Klein aber stetig. Als würde einem jemand vier Stunden lang mit dem Finger in die Seite pieksen und dabei lächeln.

Fing schon im Taxi an – kam keines. Dreißig Minuten warten sind wirklich sehr, sehr ungewöhnlich in Shanghai. Im Taxi dann: Pumakäfig. Ein Taxifahrer, der dem Geruch nach zu urteilen, 1987 beschlossen hat sein Lebenspensum an Körperpflege erfüllt zu haben.

Auf der Straße fast überfahren worden. An der Ampel bei Grün. Mal wieder. Diesmal war es aber wirklich knapp. Etwa 15 cm und 2 Sekunden haben mich von einem Bus und dem Dahinscheiden als Straßenbelag getrennt. Und dann noch wild pöbeln und hupen.

Während ich noch durchatmete, ein typisches Shanghai-Geräusch: lautstark auf den Boden rotzen. Man macht das hier mit Inbrunst. Hört sich an, als würden sie den letzten Tropfen Phlegma noch aus den Fusszehen holen wollen. Ein dicker Rotzfleck landet um Haaresbreite an meinem Schuh vorbei. Als ich mich gerade umdrehe um loszulegen, sehe ich in das Gesicht einer vielleicht 19-jährigen, schwer aufgepeppten, stylischen Jungchinesin, die mich anlächelt als hätte sie mir gerade eine Rose geschenkt.

An jeder Ecke. (Quelle: http://www.geo-reisecommunity.de)

Darauf erst mal einen Kaffee. Im Office mache ich mir einen. Beim Griff zum Zucker sehe ich noch etwas huschen, ignoriere es aber. Zucker ist alle, im Schrank ist bestimmt noch welcher. Beim Öffnen fallen mir etwa zehn Kakerlaken entgegen, die sich beeilen wieder ins Dunkle zu kommen. Im Office!

Als ich mich an meinen Schreibtisch setze, fällt dieser in sich zusammen. Es war abzusehen, er knarzte schon bedenklich und nur eine bestimmte Stellung im Raum an der Wand, hielt ihn überhaupt noch zusammen. Jemand hatte wohl ihn verrückt (aus welchen Gründen auch immer) und dabei das letzte Bisschen Stabilität zerstört.

Durch das Unglück mit dem Tisch mit Kaffee eingesaut. Hände waschen. Auf der Toilette begegne ich einem Kollegen, der mir freundlichst einen wundervollen guten Morgen wünscht und sich dann in eine Kabine begibt. Erst höre ich ihn telefonieren, dann dabei lautstark seinen Darm entleeren. Wunderbar.

Bis Mittag passiert erst mal nichts. Mir reicht es aber eigentlich schon. Ich bin mir sicher, daß das noch nicht das Ende des Wahnsinns war.
Würde mich nicht überraschen, wenn auf dem Weg nach Hause einen Stromschlag bekomme und dann im Krankenhaus hilflos widerlichen Geräuschen ausgeliefert bin.

1:0 für China heute.