Fine Dining und unfeines Lästern.


Ich kann es nicht oft genug sagen: Essen gehen in Shanghai ist ein Pluspunkt, der einen jede Spuckerei und postapokalyptische Stadtarchitektur sofort vergessen lässt. Wir gehen mehrmals die Woche essen, einfach weil es oft leichter, abwechslungsreicher und vor allem billiger ist, als selbst zu kochen. Selten und eher zu besonderen Anlässen gönnen wir uns dabei Fine Dining – außergewöhnliches Essen in schickem Ambiente.

Sterneküche ist in Shanghai eher unterrepräsentiert – derzeit gibt es nicht mal einen Michelin Guide für China. In erster Linie liegt das daran, daß man Angst hat zu europäische Maßstäbe an zu nicht-europäische Küche zu legen und damit 4000 Jahre Esskultur zu dissen. Und wer hat schon gerne 1.3 Mrd Feinde.

Trotzdem gibt es natürlich Top-Restaurants mit sternegekrönten Küchenchefs. Was die, die wir bisher probieren durften gemeinsam haben ist: sie sind meistens verblüffend schlecht, dafür sind sie richtig schön teuer. Bis auf wenige Ausnahmen (Stiller’s, yeah!) fühlt man sich nach der Rechnung als hätte einem ein Imbissbudenbesitzer eine Currywurst ins Gesicht geschmiert und verlangt dann Geld für den Ketchupverlust.
Seit Jahren schon leben wir in Sachen Restaurantbesuche, nach der eigentlich simplen Formel:

teuer, dafür wirklich außergewöhnich gut = huldigen.
Teuer, dafür schlechter als selbst kochen mit 3 Promille intus = missionarisches Lästern.

Letzteres haben wir mit Inbrunst ein Jahr lang betrieben mit einem Restaurant, das eigentlich ein großer Liebling als Bar ist: Mr. and Mrs. Bund. Toll gelegen, tolle Cocktails, tolles Ambiente, wenig Arschnasen und super Service – nur haben wir den Versuch, auch mal dort zu essen schwer bereut. Es war so schlecht und so unverschämt, daß man sofort zum Food-Faschisten wird. Wir haben beide wirklich ein Jahr lang nichts unversucht gelassen, den Laden schlecht zu machen. Jeder Bekannte, den wir bekehren konnten dort nicht zu essen, ein kleiner Gewinn. Jeder Gast weniger ein Triumph.

Große Stühle, großes Ambiente (Quelle: www.smartshanghai.com)

Große Stühle, großes Ambiente (Quelle: http://www.smartshanghai.com)

Jeder schwärmt schon seit Bestehen vom Essen dort, Stadtmagazine und Gourmetkritiker geben immer die volle Punktzahl und die Stadt ist sich wirklich mal einig: Mr. und Mrs. Bund ist mit das beste Restaurant Shanghais.
Warum weiss ich nicht, aber man wird nach schlechten Erfahrungen ja ein bisschen bockig. Egal was die anderen sagen, ich hätte mich am liebsten mit einem Transparent vor die f*** Tür gestellt und protestiert. Drecksladen.

Vorgestern haben wir besagtem Drecksladen, eher spontan und unfreiwillig, dann doch noch mal eine Chance gegeben und sind zum Abendessen hingefahren. Mit einer Erwartung noch weit unter Zahnarztbesuchsniveau. Und was lagen wir falsch. Alles, wirklich alles, war so unfassbar gut, daß ich jetzt noch jeden Gang loben, wenn nicht gleich ganze Oden schreiben möchte.

Steak Tartare bei dem ganz Frankreich mal schön üben gehen kann.
Eine Riesengarnele mit der ich fast durchbrennen würde.
Steak mit einer Sauce Bernaise, die ganz sicher dem Weltfrieden zuträglich wäre.
Sogar der Spinat war göttlich. Verdammter Spinat!

Dazu war es zwar wirklich nicht billig aber auch noch weit entfernt von sehr teuer. Kurz gefasst: wir hatten Unrecht. Mr. und Mrs. Bund ist Wahnsinn. Geirrt und zu Unrecht gelästert. Doppelzonk. Und wie ich es hasse, Unrecht zu haben.

Trotzdem halte ich an meinen Attentatsplänen für Jean Georges fest. Die muss ich jetzt allein schon fertig machen um mein Ego zu beruhigen.

I love SH #1


Nach über einem Jahr Shanghai nehmen wir vieles schon gar nicht mehr wahr. Die menschliche Psyche ist etwas tolles – zumindest scheint es sehr wirksame Mechanismen zu geben, die es ermöglichen 24/7 Hupen, Geruchsinseln aus der Hölle und Smog bei dem in Deutschland wahrscheinlich schon evakuiert würde, nicht mehr wirklich zu registrieren. Wahrscheinlich könnte man sonst auch mehr Menschen am Rande von Hochhausdächern stehen sehen.

Gleichzeitig fiel mir gestern auf, daß ich auch sehr viel Grandioses und Schönes schon als Selbstverständlichkeit erachte. Aber wahrscheinlich verfallen auch Pariser nicht mehr jeden Tag über den Eiffeltum in Erzückung.

Liebling Nummer Eins ist der Tourismuskracher und kriegt in Sachen Originalität Null Punkte. In etwa so sehr Geheimtipp wie der Times Square in New York, aber einfach wirklich toll: der Bund.

Auf der einen Seite Kolonialbauten aus dem 19. Jahrhundert, auf der anderen Seite die Skyline von Pudong. Wirklich, wirklich sehenswert und wahrscheinlich von der Stadt- und Landesregierung ausschließlich zum Angeben auf internationalem Niveau konzipiert.
Zur Expo hat man alles auch noch schick modernisiert und neu gebaut – nun man kann am Huangpu entlangschlendern ohne als Roadkill zu enden.

Abends am schönsten.

Und es wächst noch immer: Pudong.

Kein Liebling in Shanghai ohne Meinung. Sehr subjektive Do’s and Don’ts:

Auf jeden Fall:

  1. Abends an den Bund gehen.
  2. Die psychedelische Schizo-Bahn unter dem Huangpu benutzen. Ganz grosses Tennis.
  3. Drinks in einer Bar mit toller Terasse nehmen. Ich liebe Mr. und Mrs. Bund, im Sommer lieber noch die Vue-Bar – dort sieht man beide Seiten des Flusses
  4. Im Park Hyatt auf den Bund runterblicken.

Besser nicht:

  1. Nach 22.30 an den Bund gehen – dann werden die Lichter ausgemacht.
  2. Sonntagsbesuche. Nur für Menschen die das Oktoberfest am Samstag nett, aber noch nicht voll genug fanden.
  3. Dem Ruf in die Glamour Bar und Bar Rouge erliegen. Furchtbar (siehe Nachtproleten)
  4. Anstehen um in Pudong auf die Aussichtsplattform zum World Financial Center zu kommen. Deutlich schneller (und günstiger) ist ein Drink im Park Hyatt 5 Stockwerke tiefer.

Sonntage am Bund sind kuschlig. Dies ist eine leere Ecke.

Shanghais LSD-Simulator.