Das Dorf und China.


So, Weihnachtspause. Ich glaube nicht, dass ich je in meinem Leben so viel gearbeitet habe wie im letzten halben Jahr. Hoffentlich finde ich ab Januar wieder mehr Zeit. Ein erster Versuch hier:

Shanghai ist einer der gewaltigsten Städte der Welt. Keiner weiss so ganz genau, wieviele Menschen hier nun wirklich leben. Einig ist man sich nur, dass es mehr als 25 Millionen sein müssen der Kontrast zu dem Ort an dem ich aufgewachsen bin, könnte kaum grösser sein – meine Kindheit und Jugend habe ich in einem beschaulichen 5500-Seelen Dorf bei Darmstadt verbracht.

Mein Heimatort ist sicher nicht Heidi´s Alpenidyll und weder haben wir im Stroh gelebt, noch in den Sommerferien Ziegen gehütet, es ist aber deutlich ländlich genug um so ziemlich das genaue Gegenteil des Lebens in einer Millionenmetropole zu sein.

Nie hätte ich gedacht, dass mein Heranwachsen mit Traktoren, Kerb (Kirchweih für die Nichthessen) und Festen der Freiwilligen Feuerwehr nahezu perfekt auf das Leben in China vorbereitet hat. Dinge, die die südhessische Provinz und Chinas Wirtschaftsmetropolen eint:

1. Der siebte Sinn für bekannte Gefahrenquellen unbekannten Ortes.

Jedes Dorfkind kennt mindestens einen ortsbekannten Irren, der grundsätzlich so schnell fährt, als hätte er drei Schwangere vor der Niederkunft auf dem Rücksitz und eine detonationsnahe Atombombe im Kofferraum. Es kann lebensrettend sein, kleinste Gefahrensignale richtig zu deuten um im richtigen Moment Fahrrad und Freunde instinktiv in die nächste Böschung zu schubsen. Diese hellseherischen Ahnungen entwickelt man wohl nur auf dem Land und diese haben mir in Shanghai mehr als einmal das Leben gerettet, weil die hiesigen Irren nicht lautstarke GTIs, sondern fast unhörbare Elektroroller fahren und offenbar einen geheimen Pakt geschlossen haben, China durch Rollerkollisionen ausländerfrei zu halten.

2. Nichts verbindet mehr, als gemeinsame Nahtoderfahrungen

Meine Kindheit als gefährlich zu bezeichnen wäre, als wenn Kim Kardashian über ihren Lebensstil als zurückgezogen und bescheiden sprechen würde. Dennoch macht man gerade auf dem Land Erfahrungen, bei denen man sogar als Kind wusste: “Das war knapp.”
Egal ob es dabei um das leichtsinnige Unterschätzen der Steigung einer Rodelstrecke geht, die etwas zu optimistische Verbindung von Kettcars mit PS-starken Zugmaschinen oder der Erkenntnis, dass das Eis tatsächlich noch nicht dick genug ist, um eine menschliche Pyramide zu tragen: rückblickend ist es erstaunlich, dass alle meine Klassenkameraden aus der Grundschule noch immer am Leben sind. Gleichzeitig haben uns diese Momente für den Rest unseres Lebens verbunden und sind Geschichten, die uns noch heute gemeinsam lachen lassen.

Das gleiche Prinzip gilt wohl in Shanghai – gemeinsame Taxifahrten bei 120km/h mit einem schlafenden Fahrer, kollektive Lebensmittelvergiftungen und sich mehrmals die Woche gegenseitig vom Tod durch Strassenbus zu retten, schweissen in kürzester Zeit immens zusammen.

3. Man muss die Landessprache nicht sprechen, um sich zuhause zu fühlen.

Obwohl ich in Darmstadt geboren wurde, meine gesamte Kindheit und Jugend in der südhessischen Provinz verbracht habe und ich mich als Hesse fühle, stosse ich was das Dialektsprechen anbelangt schnell an meine Grenzen. Ich verstehe zwar das meiste – wenn aber ein paar Urhessen älterer Generationen zusammentreffen, fühle ich mich sprachlich ähnlich überfordert wie in einer nordchinesischen Hafenbar. Aber auch wenn man in wahrscheinlich jedem Dorf Deutschlands die ersten zweihundert Jahre erst einmal Zugereister bleibt, erinnere ich mich noch heute gerne daran, wie wohl und willkommen ich mich immer in den Küchen und Wohnzimmern meiner Freunde gefühlt habe – obwohl ich grundsätzlich immer nur die Hälfte verstanden habe. Ähnliches erlebe ich in China seit mehr als vier Jahren – wir haben viele, wundervolle Freunde und Bekannte im ganzen Land zu denen wir immer wieder herzlich eingeladen werden und uns freuen, Teil der Runde zu sein – auch wenn ich bei vielen Zusammenkünften nicht ganz sicher bin ob das Gesprächsthema die beste Zubereitung von Dumplings, der schnellste Weg durch den Stau oder die Molekularstruktur von komplexen Aminosäuren ist.

4. Kein Projekt ist zu gross mit den richtigen Menschen und der richtigen Einstellung.

Die grosse Konstante meines Lebens wird wahrscheinlich das Wohnhaus meines besten Freundes aus Kinder- und Jugendtagen sein. Die Warmherzigkeit seiner Familie wurde eigentlich nur noch übertroffen von ihrem Drang zu bauen, renovieren und anzubauen – mit einer Ambition, die Pyramidenbau wie ein niedliches Hobby erscheinen lässt. Bis zu meiner Volljährigkeit hat seine Familie ihr Haus um eine Bar, eine Saunaanlage und eine Seenlandschaft erweitert, das Gebäude um ein ganzes Geschoss erhöht und das ganze mit einem Balkon versehen, der glaube ich auch noch aus dem Weltall zu sehen ist. Möglich gemacht hat das ganze, neben Engagement, ein einmaliger Zusammenhalt. Mal davon abgesehen, dass sich auf dem Land immer jemand im Freundes- und Bekanntenkreis findet, der hilfreiche Kenntnisse im Dachdecken, Betonbau oder Starkstrommontage hat – selbst wenn man nicht so ganz genau weiss wie es gehen könnte, wird einfach mal angepackt und gemacht. Eine faszinierende Parallele zu chinesischem Pragmatismus, den ich hier jeden Tag sehe. Mit der richtigen Einstellung kann man ausser einem Neutronenbeschleuniger alles bauen. Wahrscheinlich aber auch den.

Vielleicht sollte ich mal ein Austauschprogramm zwischen der deutschen Provinz und chinesischen Tier-1 Städten starten. Ich denke, beide Seiten wären angenehm überrascht.

Was Deutschland von China lernen kann. Oder sollte.


In deutschen Medien kommt China ja meistens nicht ganz so gut weg. Wenn China erwähnt wird, fallen meist auch Worte wie Bestechung, Menschenrechte, Zensur oder anderes, wenig Schmeichelhaftes. Nun liegt mir nichts ferner, als Chinas Politik zu verteidigen oder zu kommentieren. Angesichts meiner doch eher seichten Beobachtungen ist das wahrscheinlich auch besser so.

Trotzdem habe ich das Gefühl, mal eine Lanze für meine Wahlheimat brechen zu müssen. Zugegeben, an manchen Tagen möchte ich China nicht umarmen, sondern erwürgen – aber das geht in Deutschland lebenden Chinesen sicher umgekehrt auch nicht anders. Wovon Deutschland sich mal eine dicke Scheibe abschneiden könnte:

 

  1. Wie man öffentliche Verkehrsmittel organisiert

 

Mir ist schon öfter der Satz “Works like a German train schedule” zu Ohren gekommen. Diese Menschen sind scheinbar noch nie in Kontakt mit der Deutschen Bahn gekommen. Es gibt im europäischen Raum wohl kaum eine frustrierende Erfahrung, als in Deutschland öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen:

  • Bahnhöfe sind meist eiskalt, der örtliche Treffpunkt für Gewaltverbrecher und beleuchtet wie eine somalische Tiefgarage
  • Einen Fahrscheinautomaten zu bedienen erfordert ein Diplom in Informatik oder die Geduld eines buddhistischen Kiffers
  • Die kleinste Unvorhersehbarkeit sorgt für landesweites Chaos. Zum Beispiel Schnee im Winter
  • Auch wenn Schalter mittlerweile “Service Points” heissen, werden die meisten Mitarbeiter der Bahn scheinbar nach Standards der Stasi geschult

Ganz im Gegensatz dazu das angeblich so chaotische China:

  • Jeder, wirklich jeder Zug fährt auf die Minute genau und ist wenn nicht top-modern dann wenigstens blitzsauber
  • Sogar ein minderbemittelter Koala könnte problemlos ein U-Bahn-Ticket lösen
  • Bahnsteige werden ausschliesslich dazu genutzt ein- oder auszusteigen. Gewartet wird im klimatisierten/beheizten Bahnhof
  • Das Versorgungsnetz ist angesichts der Grösse des Landes unfassbar lückenlos.
  • Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe sind beinahe ausnahmslos freundlich, hilfsbereit und effizient.
Pünktlich, sauber, schnell.  (Quelle: http://www.smartplanet.com)

Pünktlich, sauber, schnell.
(Quelle: http://www.smartplanet.com)

  1. Es muss nicht hübsch aussehen, es muss funktionieren.

“Form follows function” ist ein Schlagwort, dass ich in Deutschland wirklich oft gehört habe. Wirklich daran gehalten wird sich selten – zum Beispiel im Internet.Ich weiss nicht, wie oft ich schon wundervoll gestaltete Webseiten benutzt habe um spätestens beim Kaufabschluss frustriert aufzugeben (“Aus Sicherheitsgründen geben Sie bitte folgenden zwanzigstelligen Code innerhalb der nächsten drei Sekunden ein”)

Chinas Pragmatismus gewinnt auch hier jeden Vergleich, zum Beispiel seine mit Abstand grösste E-Commerce Plattform “Taobao”. Mal abgesehen davon, dass es nichts gibt, was man nicht auf Taobao kaufen könnte – die Bedienung ist geradezu genial einfach (sofern man des Chinesischen mächtig ist). Zwar sieht die Seite aus, als hätten Sie farbenblinde Crackjunkies während eines epileptischen Anfalls gestaltet – mit ein paar Klicks aber kann man vom Durianjoghurt bis zum Protonenbeschleuniger alles einfachst bestellen.

Auch jenseits des Internet gilt: hauptsache es läuft. Meine beiden liebsten Beispiele sind zum einen die Handschuhe, die ich schon so oft mit Klebeband befestigt an Elektrorollerlenkern gesehen habe (es gibt sie auch von Werk aus übrigens)- sieht unfassbar dämlich aus, ist aber in der Tat wirklich praktisch. Zum anderen sind es die Bambusbesen, die man hier an jeder Ecke im Einsatz sieht. Bambuszweige samt Blättern in Bündeln an Stiel gebunden – voila, ein Strassenreinigungsutensil erster Güte.

  1. Einfach mal den Nachbarn in Ruhe lassen

Auch ich hatte schon zauberhafte Nachbarn, es waren aber eher die Ausnahme. Angeblich ist Deutschland weltweit Spitzenreiter wenn es um Nachbarschaftsstreits geht. Wie sich erwachsene Menschen Nichtigkeiten wegen an die Gurgel gehen können, hat sich mir aber auch nie erschlossen. In China hat man noch sehr viel weniger Verständnis dafür. Man mischt sich hier nur ausserordentlich ungern in fremde Angelegenheiten – lange Jahre war das auch keine besonders gute Idee.

Natürlich ist diese weitverbreitete Neigung zur Gleichgültigkeit nicht immer hilfreich. Als Unfallopfer zum Beispiel.. Ich habe schon mehrmals beobachten dürfen, wie sich sofort viele Schaulustige einfanden, jedoch niemand geholfen hätte. Wer jedoch nicht gerade blutend auf der Strasse liegt, weiss das Prinzip “Ignoriere Deinen Nächsten” sehr zu schätzen. Hier würde niemandem einfallen, im Müll zu wühlen, um zu sehen ob der Nachbar den Kaffee auch wirklich in die Biotonne geworfen hat oder Falschparker vorm Haus anzuzeigen.

4. Freundschaften schnell schliessen

 Freundschaft ist für Deutsche etwas ganz besonderes. Die meisten Freundschaften in meinem Umfeld, gehen Jahrzehnte zurück. Ein guter Freund ist sehr häufig jemand, den man kennengelernt hat, als man sich noch nicht selbst die Schuhe anziehen konnte. Wie bei allem sind wir auch hier eher gründlich als schnell.

Ganz anders als die Amerikaner übrigens, die zwar in der Supermarktschlange Blutsbrüderschaft schliessen können, aber bei jeder Unterhaltung jenseits von Sportergebnissen Panikattacken bekommen.

Chinesen sind auch hier wunderbar pragmatisch. Ich habe noch nie so schnell, so viele zauberhafte Menschen kennengelernt, die mich beim ersten Treffen schon wie ein Familienmitglied haben fühlen lassen. Wieviel davon natürlich Exoten- oder Mitleidsbonus ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn Deutschland auch nur ein klein wenig von der Herzlichkeit Chinas abbekommen würde, man könnte uns richtig lieb haben.

Macao: Chinas Daddelbude


China vereint auf einzigartige Weise eine Fixierung auf Geld, ungeheuerlichen Pragmatismus und Aberglaube – die perfekten Charaktereigenschaften um Glücksspiel boomen zu lassen. Der einzige Ort an dem China diesem fröhnen kann ist Macao – daß ein Ort an dem Millionen Chinesen zum daddeln einfallen etwas besonderes ist, verwundert daher wohl nicht. Da ich nicht nur ignorant, sondern auch naiv bin, hatte ich Macao immer für eine Art Mini-Las Vegas gehalten. Sehr falsch. Las Vegas ist eher ein Mini-Macao – die Stadt macht den sechsfachen Umsatz ihres Konkurrenten in Nevada. Ein Meeting mit einer der Kasinogesellschaften führte mich kürzlich in die Hauptstadt chinesischer Spielsucht.

Anreisen lässt sich bequem auf allen Wegen, allein von Hong Kong fahren Fähren beinahe im Halbstundentakt. Wer gleich mal klarmachen will, wer die dickste Hose hat, nimmt den Helikopter. Mit etwa 400 Euro pro Trip natürlich kein Schnäppchen, wenn ich mir aber mal die Tarifübersicht vom RMV ansehe, aber gar nicht mal so unverschämt. Was mich in Macao sofort angesprungen hat war eine ausgesprochen intensive Ortsdepression – die Stadt macht nicht gerade glücklich. Ich muss fairerweise gestehen, daß ich die Altstadt Macaos leider nicht gesehen habe, sie soll wirklich ganz zauberhaft und wunderschön sein – mir blieben leider nur die Kasinomoloche.

China neigt ja in Sachen Einrichtung eher weniger zu Minimalismus – wer sich vorstellen kann was eine Gruppe ästhetikbeschränkter Architekten mit einem Blankoscheck anrichten kann, hat schon mal eine ganz gute Vorstellung vom Stadtbild in Macao. Hauptsache groß. Der wirkliche Schock kommt aber erst beim Betreten einer der Casinos – ausgearteter Prunk ist noch eine milde Beschreibung. Im Vergleich zu den Hotellobbies in Macao sieht eine Luxussuite in Dubai aus wie ein Jugendzimmer von IKEA.

Ein Königreich für eine Sonnenbrille

Das MGM: ein Königreich für eine Sonnenbrille

Wie man mir stolz berichtete, sind zum Beispiel die Glaswerke in der MGM Lobby allein Millionen US-Dollar wert. Irgendwo auf der Welt sitzt gerade ein Glasdesigner, der in Kunst nie über eine 5 hinausgekommen ist und lacht den ganzen Tag hysterisch. Man braucht glaube ich ein ganz eigenes Verständnis von Ästhetik um diesen Prunk schön zu finden. Minimalisten haben es jedenfalls schwer – ich meine auch einen Schweden gesehen zu haben, der an der Rezeption einen epileptischen Anfall hatte.

Wer das Entree verdaut hat ist bereit für die nächste Stufe: das eigentliche Casino. Ich darf mir im Grunde nicht mal eine Meinung erlauben, Glücksspiel ist einer der ganz wenigen Süchte, die ich so gar nicht nachvollziehen kann. Ich war erst ein paar Mal in Spielbanken, habe mich aber eigentlich immer nur darüber geärgert daß ein beschlipster Buchhalter binnen Sekunden mein Geld einsackt. Aber wem’s gefällt, bitte.

Das Spiel der Wahl in Macao heißt Baccara, das Spiel macht knappe 80% auf dem Parkett aus. China bleibt sich in Sachen Pragmatismus und Ungeduld auch bei der Wahl seines Kartenglücksspiels treu – eine Pokerrunde muss sich für Chinesen wie eine Ewigkeit anfühlen. Möglicherweise ist auch Baccara eine Kunst, deren Beherrschung nur wenigen vergönnt ist – ich kann beim besten Willen nur ein Spiel sehen, gegen das Maumau wie dreidimensionales Schach wirkt. Jeder kriegt zwei Karten, wer mehr Punkte hat gewinnt – nächste Runde. Wem sogar das zu aufwendig ist bleibt einfach am Tisch stehen und setzt auf einen der Spieler.

Natürlich ist auch hier wie überall in China Extreme Trumpf. Spieler mit richtig dicker Brieftasche sind High-Roller, in Macao sind die Portemonnaies noch etwas dicker – eine halbe Million US Dollar am Tisch sind keine Seltenheit. Natürlich sind Gewinner eher die Ausnahme, sonst gäbe es ja auch keine Glasgiganomie am Eingang. Die breite Masse der Spieler sitzen wie Zombies mit Kreditkarte an Tischen oder Automaten und versuchen möglichst effektiv ihr Geld loszuwerden. Fröhlich sehen sie nicht aus dabei.

Dabei ist der Aberglaube der Spieler faszinierend: Karten werden angepustet um kleinere Kartenwerte wegzublasen, wenn irgendwo drei Mal in Folge gewonnen wurde, wechseln ganze Heerscharen den Tisch und manche Spieler würden sich eher in Flammen setzen als ohne ein rotes Kleidungsstück am Leib zu spielen.

Wer noch Geld übrig hat oder einer der unzähligen Millionäre im Haus ist, geht erst einmal zünftig in der hoteleigenen Luxusmall shoppen. Ich habe glaube ich noch nie so viele Luxusmarken auf so engem Raum gesehen, nicht mal in Shanghai. Im Venetian hat man sich in Sachen Ambiente natürlich an Venedig orientiert, inklusive Kanälen und Gondolieren.  Zumindest war das wohl der Plan. Tatsächlich sieht es aus, als hätte man Venedig in den Keller gesperrt und ein paar Luxusmarken hätten sich dort übergeben. Vielleicht mal abgesehen von Neu-Kölln im Januar habe ich noch selten etwas so deprimierendes gesehen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Man kann fast gar nicht übertreiben bei der Feststellung wie sehr sich hier alles um Geld dreht. Mitten in der Nacht überkam mich urplötzlich ein Heisshunger auf Süssigkeiten, genauer gesagt Gummibärchen. Während ich mich noch fragte, was mit meinen Nahrungsinstinkten alles falsch läuft, stand ich schon auf der Strasse um einen Convenience Store zu suchen, schliesslich schläft Macao ja wirklich nicht. Dachte ich. Eine halbe Stunde später hatte ich zwar hunderte Läden gefunden die Schmuck, Uhren und Geschmeide verkaufen, aber nicht einen Seven Eleven. Eine großartige Erkenntnis, die Macao sehr schön umschreibt: nachts um drei ist es deutlich leichter einen Goldbarren als Goldbären zu kaufen.

In eigener Sache: wie ich mal kurz erwähnte, ist mein Buch seit gut einem Monat erhältlich. Zu meinem Erstaunen kaufen es sogar Menschen. Ob freiwillig oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Was mir auffiel: Käufe und Anzahl der Bewertungen auf Amazon stehen in einem eklatanten Missverhältnis. Glaube ich zumindest. Sollte jemand also tatsächlich mein Buch gelesen (hoffentlich freiwillig) haben, würde ich mich über einen ehrlichen Kommentar bei Amazon hier freuen.

China’s Internet – der grösste Mikrokosmos des Planeten.


Seit 5000 Jahren macht China so ziemlich alles anders. Konsequenterweise sind die Erfinder von Papier, Druck, Schwarzpulver und Kompass auch in Sachen Internet einen sehr eigenen Weg gegangen. Was 1980 als Experiment des chinesischen Eisenbahnministeriums begann, ist heute die größte Internetpopulation des Planeten.

Knappe 600 Millionen Nutzer bewegen sich in einem digitalen Riesenreich, das mit dem Rest der Welt recht wenig zu tun hat. Einzigartig, vielfältig, abgeschirmt, riesig. Quasi das digitale Äquivalent zu den Galapagos Inseln – im Megaformat. Ähnlich wie auf Darwins Lieblingsinseln finden sich auch in Chinas Internet weltweit einzigartige Wesen – vielleicht mit dem großen Unterschied, dass Finken keinen nennenswerten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben.

Im Westen beschränkt sich die Diskussion über das Internet in China ja gerne mal auf das Thema Zensur. Natürlich hat die „Große Firewall“ einen immensen Einfluss auf die Netzlandschaft im Reich der Mitte – viel interessanter ist aber eigentlich, wie hiesige Denk- und Verhaltensweisen eine ganz besondere Netzkultur haben entstehen lassen. Dabei scheint Vieles dessen, was in Chinas digitaler Welt geschieht, jedes Klischee und Vorurteil zu stützen. Scheint.

Wer hat’s erfunden…aber wer hat’s verbessert?

Zugegeben, mit kreativen Eigenentwicklungen hat es China noch immer nicht so sehr. Trotz intensivster Bemühungen der Regierung die Innovationsfähigkeit des Landes zu verbessern, zieht das Reich der Mitte gegen Silicon Valley noch immer den Kürzeren. Viele der Angebote hier sind erst mal Kopien erfolgreicher Player aus dem Westen. Baidu ist Google, Taobao ist eBay, WeChat ist Whatsapp und Weibo ist so etwas wie das uneheliche Kind von Facebook und Twitter.

Die eigentliche Überraschung aber ist: Die Kopien sind wirklich besser als die Originale. Um Längen. Während Whatsapp im Grunde ein bisschen aufgehübschte SMS-Nachrichten sind, ist WeChat (Weixin) eine mobile Applikation, die das Sinnvollste aus verschiedenen Bereichen kombiniert: Nachrichten, Konferenzen, Flirtplattform, Fotosharing, VoiceChat, sozialer Hangout. Das Schweizer Taschenmesser sozialer Netzwerke.

Dass Gleiche gilt für Taobao, Chinas Online-Einkaufstempel Nummer Eins. Natürlich ist eBay mittlerweile deutlich mehr als nur der einfachste Weg die Wohnung zu entrümpeln und bei Amazon kann man mittlerweile neben Büchern auch prima Kühlschränke und Kettensägen bestellen. Im Vergleich zu Taobao verkommen jedoch beide zu digitalen Tante-Emma-Läden. 760 Millionen Produkte. Ein beinahe unendliches Angebot, gepaart mit Chinas einmalig günstiger Lieferungsinfrastruktur, machen sogar den Kauf eines Bechers Joghurt im Internet nicht ganz abwegig (ich habe es selbst häufig beobachten dürfen). Es gibt nichts, wirklich nichts, was man auf Taobao nicht bekommen würde.

Ich selbst z.B. habe dort übrigens meinen Weihnachtsbaum bestellt. Nur vier Stunden nach Klick stand die Tanne im Wohnzimmer. Leider ist Geschwindigkeit nicht das einzige Qualitätsmerkmal – er sah eher aus wie post-apokalyptischer Grabschmuck als stolze Nordmanntanne.

Die kreativen Kinder der Internetzensur.

Natürlich wird China abgeschottet vom Rest der Welt. Kritische Kommentare oder ungewollte Meldungen erreichen hier keine breite Masse. Als Verfasser eher seichter Information setze ich mich mit jedem Kommentar und jeder Meinung darüber mit Sicherheit in die Nesseln, behalte hier also beides für mich. Viel erstaunlicher finde ich auch überhaupt die Wirkung, die diese starke Zensur auf das Kommunikationsverhalten der chinesischen Internetnutzer hat.

Erst einmal die Mediennutzung überhaupt: die ganze Welt spricht über soziale Netzwerke, China nutzt sie. Intensiv. Allem Anschein nach verkommt Facebook ja nach und nach zu einem Hort der Nichtigkeiten und Sozialneid-Selfies, der von jüngeren Nutzern immer häufiger ignoriert wird. In China werden soziale Netzwerke sehr viel intensiver genutzt und haben größere Bedeutung – sie sind der verlässlichste und oft einzige Weg authentische Informationen zu erhalten und werden dementsprechend häufig und gerne genutzt. Laut einer Studie von McKinsey, nutzen hier 91% der Internetnutzer soziale Netzwerke. Selbst im Mutterland von Facebook, den USA, kommt man auf vergleichsweise magere 67%.

Lustigerweise sorgt nun gerade die immens starke Zensur für unfassbaren Erfindungsreichtum, diese zu umgehen. Da ist sie nun also, die so dringend benötigte Innovationskraft. Jeden Tag entstehen neue, teils wunderbar doppelsinnige oder kreative Umschreibungen um Kommentare abzugeben, die der Zensur wahrscheinlich zum Opfer fallen würden. Einer meiner Lieblinge dabei ist: die Sojasauce.

Ein Guangzhouer Fernsehsender hatte sich auf den Weg gemacht, um auf der Straße Stimmen einzufangen zu einem kürzlichen Skandal. Einer der Passanten weigerte sich, dazu Stellung zu nehmen mit den Worten „Was hat das mit mir zu tun? Ich war nur auf der Straße um Sojasauce zu kaufen!“ Seitdem ist sowohl on- als auch offline „Sojasauce kaufen“ (打酱油 – dǎ jiàngyóu) DIE Antwort um klarzustellen, dass man mit etwas nichts zu tun haben will. No comment.

Da_jiangyou

Gleichzeitig macht sich die Netzgemeinde auf diesem Weg lustig über den Nationalen Volkskongress und seine 3000 Mitglieder, die regelmäßig Gesetzesentwürfe mit erstaunlichen 99% Zustimmung durchwinken. Laut Chinas Netizens sind es „Sojasaucen-Abgeordnete“ – Zuschauer ohne Meinung und ohne Beitrag.

Ich gehe mal los, um Sojasauce kaufen.

Verkehrspsychosen.


Autofahren war schon immer etwas, hm, schwierig für mich. Zwar liebe ich Autos und genieße schöne Fahrtstrecken genauso sehr wie kleine Geschwindigkeitsräusche – ich bin aber kein besonders guter Fahrer. Genauer gesagt bin ich sehr häufig eine handfeste Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer. Grund dafür ist, wie so oft, meine generelle Neigung zur Ungeschicklichkeit und die Tendenz zu großen Aufmerksamkeitslücken. Ich bin davon überzeugt, daß meine letzten Worte so etwas wie „Wa…?“ oder „Ey!“ sein werden.

Im Laufe meiner nun doch langen Karriere als Autofahrer habe ich ein Fahrzeug komplett zerlegt, hatte mehrere Auffahrunfälle und sehr regelmäßige Ausflüge auf Geh- und Fahrradwegen, Gegenfahrbahnen, Einbahnstraßen und Abgründen. Da man schon auf dem Weg zum Flughafen einen guten Überblick über die Gefahrensituation im Straßenverkehr in China bekommt, stand nie zur Debatte hier ein Vehikel selbst zu bewegen. Mit dieser Entscheidung allein habe ich sicherlich maßgeblich zur Verkehrssicherheit in Shanghai beigetragen.

Meine bisher ungewohnten Rolle als Passagier hat mir jedoch völlig neue Perspektiven eröffnet – eine Art automobiler Anthropologie. Dabei sind mir frappierende Unterschiede innerhalb Chinas aufgefallen:

  • Shanghai

    Man hat den Eindruck, die Stadt sei nur aus einem Grund gebaut worden: um möglichst viele Autos durch sie hindurch zu jagen. Teils mehrstöckige Hochstraßen, durchflutet von immens vielen Fahrzeugen. Derzeit sind es etwa 1 Mio Autos, bis 2020 sollen es voraussichtlich 2,5 werden. Hinzu kommen gefühlt noch einmal das zehnfache an Elektrorollern. Allen Verkehrsteilnehmern in Shanghai ist eines gemein: sie sind ruchlose Egoisten. Wenn Machiavelli einen Führerschein gehabt hätte, er wäre in Shanghai Auto gefahren. Dabei ist die Dreistigkeit fast schon beeindruckend: wer die Abfahrt verpasst hat, fährt einfach auf der Autobahn zurück. Wer auf der falschen Fahrspur ist, überquert einfach galant sieben voll besetzte Fahrspuren und es mich würde stark wundern, wenn der Begriff „Reissverschluss-System“ existierte. Dabei wird immer schön viel gehupt, egal ob zur Warnung, Entwarnung oder als minütliche Reflexhandlung. Natürlich sind sich alle einig, daß es langsam ein Problem wird mit dem Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel eine sinnvolle (und zeitsparende) Alternative wären. Genützt hat es nichts.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Fokusgruppe, in der ein Autofahrer ohne jeden Anflug von Ironie sagte „ich finde es gut und wichtig, daß die Regierung versucht den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Wenn mehr Leute die Metro nehmen, habe ich mehr Platz auf der Straße“. Gleichzeitig ist es ihnen absolut unverständlich, warum Autohersteller Dinge erfinden wie das automatische Abblendlicht. Kommentar: „Wieso soll ICH abblenden, weil ein ANDERER geblendet wird?“.
    Bei all diesen motorisierten Egoisten ist trotzdem erstaunlich wie wenig eigentlich passiert. Ich bin mir sicher, daß die Unfallbilanz Shanghais deutlich schlechter als die New Yorks ist, man sieht aber wirklich nur sehr wenige Unfälle.

  • Beijing

    Wenn Shanghais psychische Störung Egomanie ist, ist es in Beijing eine besondere Form des Autismus. Wikipedia erklärt zu Autismus:
    „Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen […] bis zur schweren geistigen Behinderung reichen. Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.“Als hätte jemand den typischen Verkehrsteilnehmer in Beijing beschrieben. Zwar hupen sie genau so gerne wie ihre Shanghaier Kollegen – sie haben ihre Umwelt dabei aber völlig ausgeblendet. Wenn man in Beijinger Autos schaut, sieht man auf dem Fahrersitz meistens Gesichtsausdrücke, die sonst Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Veteranen mehrjähriger Kriege vorbehalten ist: gähnende, ausdruckslose Leere und Gleichgültigkeit. Ich bin mir sicher, ein Beijinger könnte eine mit Katzenjungen gepflasterte Straße befahren ohne auch nur zu Blinzeln.

    Das ist an sich weniger ver- als einfach nur störend, gilt jedoch leider auch für die Taxifahrende Zunft. Um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers in Peking zu erhaschen, muss man sich mindestens mal in Brand setzen.

    Diese Teilnahmslosigkeit gepaart mit einer Straßenplanung, die nur von sadistischen Koksern erdacht worden sein kann, führt zu einem Verkehr für den es eigentlich einen eigenen Superlativ von „Stillstand“ geben müsste.

  • Hong Kong

    Sowohl Mainlander, Westler als auch Hong Konger selbst sind sich einig: die Stadt hat nicht viel gemein mit China. Man spürt die britische Prägung noch heute deutlich, ganz besonders im Straßenverkehr. Abgesehen davon, daß sie meiner Ansicht nach auf der falschen Seite fahren, sind Autofahrer in Hong Kong ausgesprochen zivilisiert, höflich und erstaunlich regelkonform. Fast schon ein bisschen unheimlich. Wahrscheinlich einzig um Stadtfremden ein bisschen Aufregung zu verschaffen, hat man sich bei der hiesigen Straßenplanung gedacht: das geht auch spannender. Anders kann ich es mir nicht erklären, für eine Stadt die ansonsten so viel Wert auf Effizienz und Ordnung liegt, ist die Straßenführung unfassbar psychotisch.Um sich für die richtige Fahrspur zu entscheiden, hat man im Schnitt fünf Zehntelsekunden Zeit. Wer dieses Zeitfenster verpasst, muss einmal die Insel umrunden um ans Ziel zu kommen.
    Stadtteile und Richtungen werden auf zwanzig Kilometer an jeder Straßenkreuzung angezeigt, aber auf den letzten 1000 Metern heisst es Richtung raten.
    Straßen und besonders Parkhäuser sind so eng, dass man selbst als Fußgänger Angst hat, anzuecken.
    Spurwechsel sind nicht vorgesehen und stehen unter Strafe auf fast allen Straßen. Wer sich einmal entschieden hat, bleibt auch bitte bei der Wahl und sollte sie ihn nach ausschliesslich nach Shenzhen führen.

Das alles mag aber auch meiner eigene Verbitterung geschuldet sein. Zum erstem Mal seit mehr als drei Jahren bewege ich wieder selbst ein Auto. Die Erkenntnis, dass es für Verkehrsrückkehrer bessere Bedingungen gibt als Linksverkehr, enge Strassen an Bord eines zu gross geratenen SUV, kamen mir schon am ersten Tag hier.

Hong Kong, nimm dich in acht.