Goldene Woche.


Seit Montag sind wir jetzt also im Jahr des Drachen. Der Anfang war schon mal wie erwartet sehr chinesisch. Das Neujahrsfest ist, wie beschrieben, nicht nur das wichtigste im chinesischen Mondkalender, es ist hier auch jedes Jahr ein fröhlicher Versuch die Stadt in die Luft zu jagen. Die schiere Menge an Feuerwerkskörpern ist un-glaub-lich. Tagelang ist Shanghai ein Traum für alle, die Krieg super, aber noch nicht laut genug finden. Höhepunkte sind dabei die Neujahrsnacht an sich und der fünfte Tag – dann wird der Gott des Geldes mit Krach begrüßt und freudig gestimmt.

Ich habe keine Ahnung, wie viel Schwarzpulver verschossen wird dieser Tage – es reicht aber, um die ohnehin nicht klare Bergluft um ein fünffaches zu verschlechtern.

In Shanghai, the real-time air quality monitoring and forecasting system showed that the local pollution index jumped from below 100 at 8 pm on Sunday to 439 at midnight on Monday, a time span that coincided with frequent ignitions of fireworks.

According to China’s environmental standards, readings below 50 indicate „excellent“ air quality, while results of up to 100 are considered to be „good“. Anything above 100 is a sign of pollution. (www.chinadaily.com.cn, 2011)

Es ist sehr, sehr laut.

Abgesehen von der Akustik eines Krisengebiets, hat diese Zeit des Jahres noch einen fantastischen Nebeneffekt: alle sind weg. Zur „goldenen Woche“ fährt jeder zur Familie – auch wenn es einen Monatslohn kostet und einen mehrtägigen Trip bedeutet. Zusammen mit der zweiten goldenen Woche im Oktober, ist es jedes Jahr aufs Neue die größte Völkerbewegung der Welt.

Statistiker haben herausgefunden, dass in der Zeit rund um das Neujahrsfest rein rechnerisch jeder Chinese mindestens einmal irgendwo hin und zurück fährt. Insgesamt werden über drei Milliarden Trips unternommen – das sind doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren – als es weniger Wanderarbeiter, weniger Mobilität und weniger Millionenstädte gab. Damit dürfte dieses Neujahrsfest einen neuen Rekord brechen. Allerdings nur bis zum nächsten Jahr, wenn noch mehr Reisende erwartet werden. (www.tagesschau.de)

Auch die meisten meiner Kollegen kehren der Stadt für eine Woche den Rücken. Unsere Strategie ist schon seit einem Jahr antizyklisches Reisen – wann sonst hat man die Stadt für sich. Wirkt fast schon gespenstisch.

Auf der Yan'An Road in die Stadt. Sonst steht hier alles.

Sollen die anderen ruhig nach Thailand fliegen – wir genießen die Stille. Relativ gesehen zumindest. Da wir ohnehin schon nicht bei Cocktails mit kleinen Schirmchen am Strand liegen, haben wir entspannten Urlaub heute mal anders interpretiert: nervenschonend Einkaufen. Man wird hier etwas sonderbar.

Carrefour war schon mal vielversprechend: sogar Satans Promotionhostessen hatten scheinbar die Megaphone abgelegt und sind nach Hause gefahren. Himmlisch.

Geisterstadt Hypermarkt.

Baijiu ist jetzt noch wichtiger. Kerosin in hübschen Fläschchen.

Ist ja häufig so – immer wenn es gerade gut läuft, wird man übermütig.

Die Hybris (griechisch ὕβρις „Übermut, Anmaßung“) bezeichnet eine Selbstüberhebung, die unter Berufung auf einen gerechten göttlichen Zorn, die Nemesis, gerächt wird.

(www.wikipedia.de)

Wir fahren zu IKEA. Ich finde es noch immer unverantwortlich, daß man dem Iran mit Sanktionen droht, das schwedische Möbelhaus aber ungestraft Milliarden Menschen in den Wahnsinn treibt. Aber ich will mich nicht noch mal aufregen.

Zumindest weiss ich jetzt, wo die fünf Millionen Bewohner Shanghais hingehen, wenn nicht in ihre Heimatstadt – in die IKEA Filiale in der CaoXi Lu. Es war zwar auch schon deutlich schlimmer, aber vor meinem inneren Auge hatte ich einfach schon menschenleere Gänge gesehen, in denen ich freudig umhertanze und meine (wirklich zauberhafte) Frau lächelnd ermutige, noch ein paar Dutzend Kerzen mehr zu kaufen. Denkste.

Wie immer kuschlig.

Aber sogar trotz der Massen war es letzten Endes nicht mal tragisch. Wir bleiben bei unserer Strategie: Shanghai genießen, solange es gerade kein anderer tut.

Der Drache kommt.


Zu kaum einer Zeit ist China erstaunlicher, wuseliger und insgesamt chinesischer als im Augenblick: das Chinesische Neujahrsfest steht vor der Tür. Da sich dies nach dem Mondkalender richtet (wer mal auf Parties Eindruck schinden will: chinesischer Himmelsstamm–Erdzweig-Kalender), findet es jedes Jahr zu einer anderen Zeit statt. Durchdrehen tun sie jedoch jedes Jahr ähnlich.

Ab Montag beginnt das Jahr des Drachen. Genauer gesagt des Wasser-Drachen. Was nach chinesischer Auffassung ein astronomischer Jackpot ist:

Vielversprechend ist für Wahrsager diesmal die Kombination des Drachen mit dem sanften Element Wasser, was nur alle 60 Jahre vorkommt. Das Wasser wird die Aktienmärkte zwar im Fluss halten, soll den Drachen aber beruhigen. Der Wasserdrache gilt als verständnisvoll, diplomatisch, intelligent und weise. Ohne Wasser kann der Mensch nicht leben. Wasser nährt die Natur, lässt Bäume wachsen. Und das Holz schenke dem Drachen besonderes Glück, heißt es.

So sollen im Wasserdrachenjahr die Ideen fließen, die Kreativität wachsen und die Volkswirtschaften aufblühen, wie Horoskope glauben machen wollen. (www.stern.de)

Kurz: Drachenjahre rocken. Dieses Jahr war bisher das Jahr des Metall-Hasen und im Vergleich etwas zahm. Drachen sind ja schließlich auch tausendmal cooler als Hasen.

Ein Land voller Drachen. (Quelle: http://www.ibtimes.com)

Egal welches Tierkreiszeichen kommt, es ist das größte Fest in China und folgt einem strikten Ablauf, den ich wahrscheinlich nie ganz verinnerlichen werde. In jedem Fall laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren und einige Bräuche haben unmittelbaren Einfluss auf unser Leben. Nicht immer freut man sich darüber.

Für alle Firmen (auch internationale wie unsere) sind um diese Zeit „Spring Dinners“ obligatorisch. Unseres war letzte Woche und ich bin froh, erst mal wieder ein Jahr Ruhe zu haben. Mir fehlen ein wenig die Vergleichswerte, aber eine Kurzumfrage im Freundeskreis bestätigte, daß die Kernelemente immer die gleichen sind:

Phase 1: Früh anfangen und keine Zeit verlieren.

Spring Dinners sind wie Militäroperationen geplant und getaktet. Um Punkt 18.30 geht es los, Einzug aller Beteiligten, die Sause startet mit einer Verlosung, die sich durch den Rest des Abends zieht.

Phase 2: Essen. Trinken. Trinken. Trinken. Umfallen.

Meist finden Spring Dinners in großen Restaurants statt, die souverän und gewohnt mehrere Hundert volltrunkene und enthemmte Angestellte versorgen und im Griff behalten. Zu großen Anlässen wird eh schon viel getrunken – beim Spring Dinner gilt das verschärft. Unter Strafe. Jeder Tisch ist eine Gruppe unter Führung eines Teamleaders. Auf unserem Tisch fanden sich neben Unmengen von Essen diverse Flaschen unterschiedlicher Umdrehungszahl. Unter anderem zwei Flaschen Whisky die innerhalb drei Stunden geleert werden mussten, wenn man nicht Disziplinarstrafen erwarten will. Das will man nicht. Im letzten Jahr musste ich mich auf der Bühne ausziehen und habe ein kleines Trauma davongetragen. Die Zuschauer aber sicher auch.

Phase 3: Geschenke!

Der eigentlich wichtige Teil. Geschenke sind super wichtig – dagegen ist die Tombola auf einer deutschen Geschäftsfeier ziemlich armselig. Das Gesicht der Firma und des Managements steht auf dem Spiel, man will sich nicht lumpen lassen: Fernseher, Reisen, iPhones, diverse Haushaltsgeräte, Bargeld in Mengen. Ständig bekommt jemand etwas und wird von den Moderatoren des Abends gebührend auf der Bühne geehrt. Das ganze passiert im 10-Minuten-Takt, viele Geschenke wollen verteilt werden. In China ist man fair – alle, die nichts bekommen haben, bekommen am nächsten Tag ein Geschenk im Büro. Soll ja keiner leer ausgehen.

Phase 4: Blamieren und Erniedrigen.

Spring Dinners sind eine der seltenen Gelegenheiten, ungestraft mal ein bisschen Dampf abzulassen und das Management vorzuführen. Ein liebevolles Attentat. Wie Karneval mit Panzerfaust. Nicht böse gemeint, ist aber als Westler gewöhnungsbedürftig. Mein persönlicher Lernerfolg: sich zieren macht es nur noch schlimmer. Am besten trinken und Volldampf voraus.
Motto diesen Jahres war: MTV Nights. Jede Tischgruppe muss ein Musikvideo nachspielen in möglichst authentischen (oder zumindest blamablen) Outfits. Leider war meine Gruppe von einer Interpretation von Lady Gagas „Telephone“ nicht abzubringen. Mit mir als Lady. Erstaunlich, wie viele Hemmungen man nach nur einem Jahr China ablegen kann. Trotzdem wird halbnacktes Herumtanzen in BH und mit blonder Perücke wohl kein Hobby. Dankbarerweise bin ich nicht der Einzige, viele meiner Kollegen hat ein ähnliches Schicksal ereilt – Lady Gaga ist hier ganz groß.

Alle gaga. Nein, das bin nicht ich, sondern ein Kollege mit ebensoviel "Spaß" (er war mit dem Foto eh schon im Netz)

Phase 5: Fertigmachen.

Wenn das Management angezählt ist, wird es Zeit für den KO. In unserem Fall hieß das Sekunden-Shots. Man öffnet den Mund und jemand gießt einem Hochprozentiges in den Schlund. Mehrere Male. Das Publikum entscheidet über die Anzahl der Sekunden. Zehn Sekunden Whisky sind verblüffend viel.

Phase 6: Abhauen

Wenn alle beschenkt und strackenvoll sind, hört alles fast schlagartig auf. Um Punkt 22.30 gehen die Lichter an und ALLE gehen sofort nach Hause. So man das denn gehen nennen kann.

Ab morgen ist nun erst mal eine Woche frei und die wildesten Tage stehen noch bevor. Es wird laut und berichtenswert.