Exoten sind immer die Anderen.


China ist manchmal wie ein Signalhorn gegen die Gewohnheit. Immer wenn man denkt, man hat es verstanden, tun sie etwas Drastisches und sorgen für erneute Verwirrung. Shanghai ist mittlerweile wirklich unser Zuhause, fremd fühlt sich kaum noch eine Ecke an und wirklich überraschen tut einen hier nichts mehr. Dachte ich.

Zur Erneuerung der Erkenntnis: „Manchmal haben sie echt einen an der Klatsche“, hat ein Einkauf bei Carrefour gereicht. Eigentlich Standard, keine Überraschungen. Erst habe ich auch gar nichts bemerkt – am Getränkeregal zunächst das komische Gefühl das irgendetwas anders ist. Bei der Zahncreme wusste ich: die Musik ist es. In einem Großsupermarkt einer französischen Handelskette, am Stadtrand von Shanghai in einem Vorort namens QingPu, unter 35.000 Chinesen die sich anfühlen wie 350.000, zwischen Hühnerfüßen, tausendjährigen Eiern und Quallenkonserven: deutsches Liedgut in Startbahnlautstärke. Und wir sprechen hier nicht von Beethoven. Der gesamte Supermarkt beschallt von einer Preziose deutscher Dicht- und Sangeskunst mit dem hübschen Refrain:

„Ich bin Ü30 und das weiß ich, doch das ist mir scheißegal. Ich bin super drauf und noch immer erste Wahl!“

Ballermann-Mucke in Shanghai. Und das mehr als einmal – das war kein Versehen. Eine halbe Stunde Einkauf hat gereicht um das hübsche Stück sieben(!) mal zu hören. Ich habe diesen Mist in Europa schon so sehr gehasst, daß ich unter 1,5 Promille den Raum verlassen musste. Recherche ergab, der Interpret nennt sich Peter Wackel. Ich finde, er sollte gesteinigt werden. Oder wenigstens nur geknebelt aus dem Haus dürfen. Diese Musik brennt sich so tief ins Hirn, es ist wirklich unfassbar. Noch drei Wochen später hat sich dieser Ohrwurm in die Untiefen meines Denkens gefräst. Wahrscheinlich hat er dabei noch Schulwissen gelöscht. Kein Wunder, daß mir die binomischen Formeln nicht mehr einfallen. Aber ich schweife ab.

Apres-Ski in Qing Pu ist eigentlich nur eine Facette dessen, was einem erst in China klar wird: Exotik ist relativ. Ist ja eigentlich auch nur logisch. Wie schon mal beschrieben, kommen Deutsche und Deutsches hier super an. Es mag für Holländer, Engländer, Franzosen, Österreicher, Schweizer und etwa 39 andere Länder schwer vorstellbar sein: in China mag man uns. Ganz vorbehaltslos. Manchmal vielleicht ein bisschen zu vorbehaltslos. In Europa bin ich zumindest noch nie mit einem aufrichtigen Lächeln gefragt worden, warum wir eigentlich so viele Menschen umgebracht haben und habe auf die Frage meiner Herkunft noch nie die Antwort „Super Rasse.“ bekommen. Auch Freundlichkeit kann einen peinlich berühren.

Kein Wunder also, daß man immer noch mehr Artikel aus Deutschland findet. Auch jenseits von Cityshop. Einige Carrefours haben ganze „Imported-Product“ Abteilungen. Schön auch zu sehen, was hier neben Autos, Brot und Bier noch so schön exotisch ist: Haribo. Wobei man ehrlicherweise dazu sagen muss, daß die Importwarendichte mit abnehmender Expat-Nachbarschaft des Supermarkts auch deutlich sinkt.

Import rockt. Zumindest gibt es Käse.

1,3 Mrd Menschen frohe Kinder und Erwachsene.

Fast Marken für sich: Laowais aus dem „richtigen“ Ausland (d.h. nicht Japan). Richtig spitze sind sie, wenn sie wirklich integriert sind. Also nicht so wie wir. Kürzlich habe ich Andrew Ballen kennengelernt. Aus New York, seit elf Jahren in China und der wahrscheinlichste sympathischste Mann der Erde. Zudem ist er tiefschwarz und spricht fließend Mandarin. In Deutschland hätte man vielleicht gesagt „nett integriert“, hier kriegt er eine eigene Fernsehsendung.

Ganz groß ist derzeit auch Debbie. Eigentlich Debra Meiburg, eine Önologin aus den Staaten und ihres Zeichens „Master of Wine“. Keine Taxifahrt vergeht, ohne daß Debbie einem erklärt wie man Wein genießen sollte. Sie mag viel vom Weinbau verstehen, von der Auswahl des richtigen Gesichtschirurgen versteht sie zu wenig. Ihre Augenbrauen sind eher zufällig im auffallend mimik-armen Gesicht verteilt. Aber das macht ihre Sendung eigentlich nur noch amüsanter.

Tausche Ruhm gegen Gesichtsausdruck.

Der Plan steht also. Endlich Mandarin lernen, Nische suchen (vielleicht Apfelwein?) und berühmt werden.

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Kontinentzwillinge.


Xin Nian Kuai Le! Oder: Frohes Neues! Nun endlich wieder nüchtern. Nach einem vollen Tag im Wachkoma und mehreren Tagen Rekonveleszenz, kann ich nun wieder geradeaus sehen und eine Tastatur bedienen ohne seekrank zu werden. Jedes Jahr wieder, meine Lernkurve ist sehr, sehr flach.

Einer von mehreren (wahrscheinlich aussichtslosen) Vorsätzen ist mehr zu bloggen. Ich bin gleichermaßen überrascht wie dankbar, daß ich dies alles nicht für mich alleine vor mich hin tippe. An dieser Stelle also: vielen Dank für alle, die dies tatsächlich lesen und die vielen netten (und erstaunlich positiven) Kommentare.

Dies war heute der erste Arbeitstag, alle entspannt, alles auf Neuanfang. Teil des Tages heute war ein nettes Essen mit Kollegen aus unterschiedlichen Ländern. China, England, Irland, Singapur, Malaysia, Schweden und Frankreich an einem Tisch. Europe meets Asia. Zudem waren alle ein wenig albern (wahrscheinlich Restalkohol). Ergebnis dessen war eine Diskussion, die wirklich amüsant war: welches Land tickt wie und welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Europa und Asien. Daher auch eigentlich kein Artikel über China. Ausser Konkurrenz.

Kurzes, völlig subjektives Ergebnis war ein Ländervergleich, der gleichermaßen erstaunlich wie politisch inkorrekt ist. Welches Land in Asien teilt Eigenschaften mit welchem Land in Europa. Heimliche Länderzwillinge:

  • Deutschland und…Japan
    Diszipliniert, gründlich und erfolgreich mit Landesprodukten in der ganzen Welt. Spießertum ist eine Tugend. Wenig, oder zumindest sehr eigener Humor. Im zweiten Weltkrieg in fast allen Nachbarländern eingefallen und wundern sich trotzdem, warum sie keiner mag. Ganz groß in Autos und Maschinen. Sprache, die sich wie eine Wutattacke anhört. Werden ungern an früher erinnert und lieben Hierarchien.
  • China und…Türkei
    Jahrtausende alte Hochkultur, haben der Menschheit Unzähliges beschert, aber die letzten hundert Jahre ein wenig hintendran. Derzeit auf der Überholspur mit erstaunlichem Wirtschaftswachstum und lassen andere Länder alt aussehen. Lieben Lärm und Blingbling. Reagieren patzig darauf, wenn sie darauf angesprochen werden, wie mit Minderheiten umgegangen wird. Botschafter der Kultur und Landesküche in aller Welt. Unfassbar freundlich und geschäftstüchtig. Halten Verkehrsregeln und technische Sicherheit für überbewertet.
  • Korea und…England
    Insel mit Anschluss, sind sich selbst genug im Grunde. Die logischste Sprache des Kontinents. Können nur zwei Gerichte, die dafür gut. Sehr auf Etikette und Regeln bedacht. Gefühlte Überlegenheit ohne es jemals zu sagen.
  • Singapur und…Schweiz
    Sicher, sauber, langweilig. Klein, aber sehr einflussreich. Sprechen keine wirklich eigene Sprache. Schön gelegen, wer hier arbeitet hat entweder einen guten Job oder arbeiten nicht mehr nötig. Lieben Einwanderer, so lange sie nicht vorhaben für immer zu bleiben.
  • Thailand und…Italien
    Die beste Küche des Kontinents. Immer gut drauf und permanent Sonne. Arm, aber sexy. Wer dort lebt, will eigentlich nicht mehr weg. Wahnsinnig stolz, werden aber selten ernstgenommen vom Rest der Welt. Instabile Regierung, mögen Unterhaltungen darüber jedoch wenig.

Wir hätten liebend gerne noch Zwillinge für Indonesien, Vietnam und andere gefunden, es fehlten jedoch (vermeintliche) Experten. Vorschläge sind willkommen.

China-Charts.


Diese Woche war sehr chinesisch, ich bin zu fast nichts gekommen. Nicht mal dazu, mich per Blog darüber aufzuregen. Viel Arbeit, fünf Tage haben sich angefühlt wie zwei und die Resultate all dessen sind mager.

Ein Klassiker der Woche: unsere Heizung. Wir sind mittlerweile chinagestählt genug um zumindest Amokläufe zu vermeiden, es kostet aber nach wie vor Nerven.
Shanghai ist in Sachen Wetter sehr binär: kalt oder warm. Seit Montag ist es kalt. Nachdem wir im letzten Jahre große Teile des Winters unter 13 Grad im Haus hatten, haben wir dieses Jahr vorgesorgt: ausdrückliche schriftliche Vereinbarungen mit dem Landlord, ständige Beobachtung der Heizsituation und Chinesen mit Konsequenzen drohen, wo es ihnen wehtut: beim Geld. Nicht mal Straflager wirkt hier motivierender. In der Theorie.

Seit Montag erleben wir die Wiederaufführung des Schauspiels: „China repariert“. Je nach Tagesform ist das Tragödie oder Komödie. Leider nie Dokumentation.
Das Drehbuch würde wie folgt aussehen:

„The floor heating does not work, can you please send someone to fix it?“
„Sure.“

Drei Stunden später: Monteur kommt, schaltet die Heizung aus und an. Und geht wieder.

„The heating still does not work. Can you please have someone check it again.“
„Sure, no problem.“

Einen Tag später: Monteur 2 kommt, nimmt die Verkleidung ab, schaltet Heizung aus und ein. Geht wieder.

„The floor heating does not work. Again. Please fix it, it is getting cold.“
„No problem, we will send a better engineer.“

Gleicher Tag: Monteur 3 kommt, betrachtet die Heizung interessiert für 15 Sekunden und geht wieder.

(Proaktiv): „The engineer says, it needs to be fixed by someone from the manufacturer. We will send someone from BOSCH.“
„Good. When?“
„2-3 days max.“
„Hurry up, it is cold.“

Gleicher Tag, 19 Uhr, stockdunkel, Platzregen. Monteur 4 steht verwirrt und durchnässt um dunklen Garten und schaltet die Heizung an und aus. Geht wieder.

„What’s with the heating? The engineer did not do anything.“
„They will send a better engineer. We follow up with you.“

Das war Stand der Dinge gestern. Ich weiß jetzt schon, daß das uns noch ein paar Wochen beschäftigen wird. Am Wochenende kaufen wir Heizdecken.

Wirkliche Aufregung verursacht uns das eigentlich nicht mehr. China eben. Trotzdem etwas, was hier eindeutig anders läuft.
Wenn man in Deutschland ein Problem hat, ist das auch nicht witzig. Handwerker lassen drei Wochen auf sich warten, sagen dann, sie kommen Montag zwischen 8 und 12, stehen um 6 auf der Matte, reparieren alles zu zweit und berechnen die Arbeit für vier. Dafür geht dann wenigstens alles.
Hier gilt ein anderes Prinzip: wenn es ein Problem gibt, werden erst einmal ALLE möglichen Lösungen ausprobiert in aufsteigender Abfolge des Aufwandes. Man arbeitet hier ungern mehr als wirklich nötig.

Dabei fiel mir auf, daß man recht viel ganz nett vergleichen kann. Berufsbedingt bin ich Diagramm- und Prozessjunkie. Macht nicht unbedingt attratkiv, aber: ich LIEBE Charts. Ein paar Unterschiede lassen sich tatsächlich einfacher in Balken und Linien als in Worte fassen. Ich werde das einfach öfter mal versuchen.

Reparaturen

Schnelle Lösungen sind zu einfach.

 

Autofahren.

Prioritäten im Straßenverkehr.

Geräuschkulisse.

Bitte seien Sie laut.

Leben.

Alltag im Vergleich.

Werde nun losziehen und Elektroheizungen besorgen. Und Whisky.