Macao: Chinas Daddelbude


China vereint auf einzigartige Weise eine Fixierung auf Geld, ungeheuerlichen Pragmatismus und Aberglaube – die perfekten Charaktereigenschaften um Glücksspiel boomen zu lassen. Der einzige Ort an dem China diesem fröhnen kann ist Macao – daß ein Ort an dem Millionen Chinesen zum daddeln einfallen etwas besonderes ist, verwundert daher wohl nicht. Da ich nicht nur ignorant, sondern auch naiv bin, hatte ich Macao immer für eine Art Mini-Las Vegas gehalten. Sehr falsch. Las Vegas ist eher ein Mini-Macao – die Stadt macht den sechsfachen Umsatz ihres Konkurrenten in Nevada. Ein Meeting mit einer der Kasinogesellschaften führte mich kürzlich in die Hauptstadt chinesischer Spielsucht.

Anreisen lässt sich bequem auf allen Wegen, allein von Hong Kong fahren Fähren beinahe im Halbstundentakt. Wer gleich mal klarmachen will, wer die dickste Hose hat, nimmt den Helikopter. Mit etwa 400 Euro pro Trip natürlich kein Schnäppchen, wenn ich mir aber mal die Tarifübersicht vom RMV ansehe, aber gar nicht mal so unverschämt. Was mich in Macao sofort angesprungen hat war eine ausgesprochen intensive Ortsdepression – die Stadt macht nicht gerade glücklich. Ich muss fairerweise gestehen, daß ich die Altstadt Macaos leider nicht gesehen habe, sie soll wirklich ganz zauberhaft und wunderschön sein – mir blieben leider nur die Kasinomoloche.

China neigt ja in Sachen Einrichtung eher weniger zu Minimalismus – wer sich vorstellen kann was eine Gruppe ästhetikbeschränkter Architekten mit einem Blankoscheck anrichten kann, hat schon mal eine ganz gute Vorstellung vom Stadtbild in Macao. Hauptsache groß. Der wirkliche Schock kommt aber erst beim Betreten einer der Casinos – ausgearteter Prunk ist noch eine milde Beschreibung. Im Vergleich zu den Hotellobbies in Macao sieht eine Luxussuite in Dubai aus wie ein Jugendzimmer von IKEA.

Ein Königreich für eine Sonnenbrille

Das MGM: ein Königreich für eine Sonnenbrille

Wie man mir stolz berichtete, sind zum Beispiel die Glaswerke in der MGM Lobby allein Millionen US-Dollar wert. Irgendwo auf der Welt sitzt gerade ein Glasdesigner, der in Kunst nie über eine 5 hinausgekommen ist und lacht den ganzen Tag hysterisch. Man braucht glaube ich ein ganz eigenes Verständnis von Ästhetik um diesen Prunk schön zu finden. Minimalisten haben es jedenfalls schwer – ich meine auch einen Schweden gesehen zu haben, der an der Rezeption einen epileptischen Anfall hatte.

Wer das Entree verdaut hat ist bereit für die nächste Stufe: das eigentliche Casino. Ich darf mir im Grunde nicht mal eine Meinung erlauben, Glücksspiel ist einer der ganz wenigen Süchte, die ich so gar nicht nachvollziehen kann. Ich war erst ein paar Mal in Spielbanken, habe mich aber eigentlich immer nur darüber geärgert daß ein beschlipster Buchhalter binnen Sekunden mein Geld einsackt. Aber wem’s gefällt, bitte.

Das Spiel der Wahl in Macao heißt Baccara, das Spiel macht knappe 80% auf dem Parkett aus. China bleibt sich in Sachen Pragmatismus und Ungeduld auch bei der Wahl seines Kartenglücksspiels treu – eine Pokerrunde muss sich für Chinesen wie eine Ewigkeit anfühlen. Möglicherweise ist auch Baccara eine Kunst, deren Beherrschung nur wenigen vergönnt ist – ich kann beim besten Willen nur ein Spiel sehen, gegen das Maumau wie dreidimensionales Schach wirkt. Jeder kriegt zwei Karten, wer mehr Punkte hat gewinnt – nächste Runde. Wem sogar das zu aufwendig ist bleibt einfach am Tisch stehen und setzt auf einen der Spieler.

Natürlich ist auch hier wie überall in China Extreme Trumpf. Spieler mit richtig dicker Brieftasche sind High-Roller, in Macao sind die Portemonnaies noch etwas dicker – eine halbe Million US Dollar am Tisch sind keine Seltenheit. Natürlich sind Gewinner eher die Ausnahme, sonst gäbe es ja auch keine Glasgiganomie am Eingang. Die breite Masse der Spieler sitzen wie Zombies mit Kreditkarte an Tischen oder Automaten und versuchen möglichst effektiv ihr Geld loszuwerden. Fröhlich sehen sie nicht aus dabei.

Dabei ist der Aberglaube der Spieler faszinierend: Karten werden angepustet um kleinere Kartenwerte wegzublasen, wenn irgendwo drei Mal in Folge gewonnen wurde, wechseln ganze Heerscharen den Tisch und manche Spieler würden sich eher in Flammen setzen als ohne ein rotes Kleidungsstück am Leib zu spielen.

Wer noch Geld übrig hat oder einer der unzähligen Millionäre im Haus ist, geht erst einmal zünftig in der hoteleigenen Luxusmall shoppen. Ich habe glaube ich noch nie so viele Luxusmarken auf so engem Raum gesehen, nicht mal in Shanghai. Im Venetian hat man sich in Sachen Ambiente natürlich an Venedig orientiert, inklusive Kanälen und Gondolieren.  Zumindest war das wohl der Plan. Tatsächlich sieht es aus, als hätte man Venedig in den Keller gesperrt und ein paar Luxusmarken hätten sich dort übergeben. Vielleicht mal abgesehen von Neu-Kölln im Januar habe ich noch selten etwas so deprimierendes gesehen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Man kann fast gar nicht übertreiben bei der Feststellung wie sehr sich hier alles um Geld dreht. Mitten in der Nacht überkam mich urplötzlich ein Heisshunger auf Süssigkeiten, genauer gesagt Gummibärchen. Während ich mich noch fragte, was mit meinen Nahrungsinstinkten alles falsch läuft, stand ich schon auf der Strasse um einen Convenience Store zu suchen, schliesslich schläft Macao ja wirklich nicht. Dachte ich. Eine halbe Stunde später hatte ich zwar hunderte Läden gefunden die Schmuck, Uhren und Geschmeide verkaufen, aber nicht einen Seven Eleven. Eine großartige Erkenntnis, die Macao sehr schön umschreibt: nachts um drei ist es deutlich leichter einen Goldbarren als Goldbären zu kaufen.

In eigener Sache: wie ich mal kurz erwähnte, ist mein Buch seit gut einem Monat erhältlich. Zu meinem Erstaunen kaufen es sogar Menschen. Ob freiwillig oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Was mir auffiel: Käufe und Anzahl der Bewertungen auf Amazon stehen in einem eklatanten Missverhältnis. Glaube ich zumindest. Sollte jemand also tatsächlich mein Buch gelesen (hoffentlich freiwillig) haben, würde ich mich über einen ehrlichen Kommentar bei Amazon hier freuen.

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Verkehrspsychosen.


Autofahren war schon immer etwas, hm, schwierig für mich. Zwar liebe ich Autos und genieße schöne Fahrtstrecken genauso sehr wie kleine Geschwindigkeitsräusche – ich bin aber kein besonders guter Fahrer. Genauer gesagt bin ich sehr häufig eine handfeste Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer. Grund dafür ist, wie so oft, meine generelle Neigung zur Ungeschicklichkeit und die Tendenz zu großen Aufmerksamkeitslücken. Ich bin davon überzeugt, daß meine letzten Worte so etwas wie „Wa…?“ oder „Ey!“ sein werden.

Im Laufe meiner nun doch langen Karriere als Autofahrer habe ich ein Fahrzeug komplett zerlegt, hatte mehrere Auffahrunfälle und sehr regelmäßige Ausflüge auf Geh- und Fahrradwegen, Gegenfahrbahnen, Einbahnstraßen und Abgründen. Da man schon auf dem Weg zum Flughafen einen guten Überblick über die Gefahrensituation im Straßenverkehr in China bekommt, stand nie zur Debatte hier ein Vehikel selbst zu bewegen. Mit dieser Entscheidung allein habe ich sicherlich maßgeblich zur Verkehrssicherheit in Shanghai beigetragen.

Meine bisher ungewohnten Rolle als Passagier hat mir jedoch völlig neue Perspektiven eröffnet – eine Art automobiler Anthropologie. Dabei sind mir frappierende Unterschiede innerhalb Chinas aufgefallen:

  • Shanghai

    Man hat den Eindruck, die Stadt sei nur aus einem Grund gebaut worden: um möglichst viele Autos durch sie hindurch zu jagen. Teils mehrstöckige Hochstraßen, durchflutet von immens vielen Fahrzeugen. Derzeit sind es etwa 1 Mio Autos, bis 2020 sollen es voraussichtlich 2,5 werden. Hinzu kommen gefühlt noch einmal das zehnfache an Elektrorollern. Allen Verkehrsteilnehmern in Shanghai ist eines gemein: sie sind ruchlose Egoisten. Wenn Machiavelli einen Führerschein gehabt hätte, er wäre in Shanghai Auto gefahren. Dabei ist die Dreistigkeit fast schon beeindruckend: wer die Abfahrt verpasst hat, fährt einfach auf der Autobahn zurück. Wer auf der falschen Fahrspur ist, überquert einfach galant sieben voll besetzte Fahrspuren und es mich würde stark wundern, wenn der Begriff „Reissverschluss-System“ existierte. Dabei wird immer schön viel gehupt, egal ob zur Warnung, Entwarnung oder als minütliche Reflexhandlung. Natürlich sind sich alle einig, daß es langsam ein Problem wird mit dem Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel eine sinnvolle (und zeitsparende) Alternative wären. Genützt hat es nichts.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Fokusgruppe, in der ein Autofahrer ohne jeden Anflug von Ironie sagte „ich finde es gut und wichtig, daß die Regierung versucht den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Wenn mehr Leute die Metro nehmen, habe ich mehr Platz auf der Straße“. Gleichzeitig ist es ihnen absolut unverständlich, warum Autohersteller Dinge erfinden wie das automatische Abblendlicht. Kommentar: „Wieso soll ICH abblenden, weil ein ANDERER geblendet wird?“.
    Bei all diesen motorisierten Egoisten ist trotzdem erstaunlich wie wenig eigentlich passiert. Ich bin mir sicher, daß die Unfallbilanz Shanghais deutlich schlechter als die New Yorks ist, man sieht aber wirklich nur sehr wenige Unfälle.

  • Beijing

    Wenn Shanghais psychische Störung Egomanie ist, ist es in Beijing eine besondere Form des Autismus. Wikipedia erklärt zu Autismus:
    „Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen […] bis zur schweren geistigen Behinderung reichen. Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.“Als hätte jemand den typischen Verkehrsteilnehmer in Beijing beschrieben. Zwar hupen sie genau so gerne wie ihre Shanghaier Kollegen – sie haben ihre Umwelt dabei aber völlig ausgeblendet. Wenn man in Beijinger Autos schaut, sieht man auf dem Fahrersitz meistens Gesichtsausdrücke, die sonst Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Veteranen mehrjähriger Kriege vorbehalten ist: gähnende, ausdruckslose Leere und Gleichgültigkeit. Ich bin mir sicher, ein Beijinger könnte eine mit Katzenjungen gepflasterte Straße befahren ohne auch nur zu Blinzeln.

    Das ist an sich weniger ver- als einfach nur störend, gilt jedoch leider auch für die Taxifahrende Zunft. Um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers in Peking zu erhaschen, muss man sich mindestens mal in Brand setzen.

    Diese Teilnahmslosigkeit gepaart mit einer Straßenplanung, die nur von sadistischen Koksern erdacht worden sein kann, führt zu einem Verkehr für den es eigentlich einen eigenen Superlativ von „Stillstand“ geben müsste.

  • Hong Kong

    Sowohl Mainlander, Westler als auch Hong Konger selbst sind sich einig: die Stadt hat nicht viel gemein mit China. Man spürt die britische Prägung noch heute deutlich, ganz besonders im Straßenverkehr. Abgesehen davon, daß sie meiner Ansicht nach auf der falschen Seite fahren, sind Autofahrer in Hong Kong ausgesprochen zivilisiert, höflich und erstaunlich regelkonform. Fast schon ein bisschen unheimlich. Wahrscheinlich einzig um Stadtfremden ein bisschen Aufregung zu verschaffen, hat man sich bei der hiesigen Straßenplanung gedacht: das geht auch spannender. Anders kann ich es mir nicht erklären, für eine Stadt die ansonsten so viel Wert auf Effizienz und Ordnung liegt, ist die Straßenführung unfassbar psychotisch.Um sich für die richtige Fahrspur zu entscheiden, hat man im Schnitt fünf Zehntelsekunden Zeit. Wer dieses Zeitfenster verpasst, muss einmal die Insel umrunden um ans Ziel zu kommen.
    Stadtteile und Richtungen werden auf zwanzig Kilometer an jeder Straßenkreuzung angezeigt, aber auf den letzten 1000 Metern heisst es Richtung raten.
    Straßen und besonders Parkhäuser sind so eng, dass man selbst als Fußgänger Angst hat, anzuecken.
    Spurwechsel sind nicht vorgesehen und stehen unter Strafe auf fast allen Straßen. Wer sich einmal entschieden hat, bleibt auch bitte bei der Wahl und sollte sie ihn nach ausschliesslich nach Shenzhen führen.

Das alles mag aber auch meiner eigene Verbitterung geschuldet sein. Zum erstem Mal seit mehr als drei Jahren bewege ich wieder selbst ein Auto. Die Erkenntnis, dass es für Verkehrsrückkehrer bessere Bedingungen gibt als Linksverkehr, enge Strassen an Bord eines zu gross geratenen SUV, kamen mir schon am ersten Tag hier.

Hong Kong, nimm dich in acht.

Sie wollen also nach Hong Kong, hm?


Hong Kong kannte ich bisher eigentlich nur von Kurzbesuchen, seit ein paar Wochen darf ich deutlich tiefere Einblicke gewinnen. Da mein Einsatzgebiet Greater China ist und ich schon längere Zeit zwischen Shanghai, Beijing, Guangzhou und Hong Kong pendele, hat man mir freigestellt, wo meine Basis sein soll und so beschlossen wir unseren Lebensmittelpunkt in die Stadt zu verlegen, die übersetzt den wunderbar doppeldeutigen Namen „Duftender Hafen“ trägt. Tapetenwechsel ist generell mal nicht schlecht.

Von Hong Kong heisst es, es sei einer der teuersten Städte der Welt – Erzählungen von Mietpreisen werden in dem gleichen Tonfall geraunt, der sonst Gruselgeschichten am Lagerfeuer vorbehalten ist. Nun kann ich aus eigener Erfahrung sagen: keine Zombie-Apokalypse kann dem Schreckensniveau der Wohnpreise in Hong Kong das Wasser reichen.

Von meinem Büro auf der Südseite der Insel blicke ich auf einen hübschen Compound dessen Häuser in etwa so groß sind wie unseres in Shanghai. Dem Vernehmen nach bezahlt man umgerechnet etwa 25.000 Euro im Monat pro Haus – es ist so schön weitläufig. Eine meiner Kollegen bezahlt umgerechnet mehr als 4.000 Euro für eine 80qm Wohnung. Das wird spannend.

Unsere ersten Versuche der Häusersuche bestätigen: alles ist unfassbar teuer, dafür kuschelig klein. Die ersten Häuser in unserem Mietbudget die wir uns ansehen, sind fast 60 km außerhalb und im Legoland-Maßstab gebaut. Die Maklerin, die uns stolz das erste Haus zeigt und die Vorteile des so modernen Compounds betont, versteht nicht wirklich warum wir so skeptisch gucken. In der Küche findet genau eine Person Platz, die sollte sich dann aber auch besser nicht bewegen wollen. Im Schlafzimmer kann ich die Decke mit der Hand berühren und ich bin nicht wirklich hoch gewachsen. Das Wohnzimmer ist so klein, daß wir unseren geliebten Esstisch gegen Campingmöbel werden eintauschen müssen. Mir wird ein wenig schwindelig.

In Shanghai kam das erste mal ein verborgenes Talent meiner Frau zutage, von dem ich vorher wirklich nichts ahnte: sie feilscht besser als ein marokkanischer Teppichhändler. Zwei Wochen später haben wir also eine Bleibe. Immer noch wirklich teuer, aber wenigstens bezahlbar, nicht zu weit von der Stadt schön im Grünen gelegen mit Meerblick und dazu für hiesige Verhältnisse geradezu palastartig groß. Chapeau.

Die ersten Tage in Hong Kong zeigen: Umdenken ist angesagt. Einerseits sieht kaum eine Stadt chinesischer aus (die meisten Filme mit China-Flair werden auf der Kowloon-Seite von Hong Kong gedreht), ansonsten fühlt man sich in der Sonderverwaltungszone eher wie im Westen, besonders wenn es um die Verlegung des Erstwohnsitzes geht. In Sachen Einwanderungsregeln hat man sich in Hong Kong augenscheinlich vom deutschen Steuerrecht inspirieren lassen. Alles folgt einem Prozess. Alles.

Um Internet zu bekommen, brauche ich eine Kreditkarte. Um eine Kreditkarte zu bekommen, brauche ich ein eine Hong Kong ID und ein Konto. Um letzteres zu bekommen, brauche ich einen Adressnachweis, zum Beispiel einer Rechnung eines Versorgungsunternehmens. So brauchen wir insgesamt vier Wochen bis wir im Haus online sind und haben diese Tatsache maßgeblich einer Wasserrechnung zu verdanken. Erste Erkenntnisse. Das Gute an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Das Schlechte an Hong Kong ist: es ist nicht Mainland China. Dort gilt erst einmal grundsätzlich die Devise: „Impossible is easy, but easy is impossible.“. Wir werden uns eingewöhnen müssen.

Die zweite Erkenntnis: Hong Kong ist keine Betonwüste. Wenn man nach Hong Kong Island fährt und sich dort bewegt, ist es beinahe unbeschreiblich wie dicht bebaut und eng alles ist. Die Stadt sorgt mit einem knappen Viertel der Bevölkerung Shanghais an deutlich mehr Ecken für Platzangst-Attacken. Nachdem ich Causeway Bay am Wochenende besucht habe, kann ich sehr gut nachempfinden wie sich eine Pilgerfahrt nach Mekka anfühlen muss. Sobald man jedoch etwas rausfährt, sei es auf die Südseite der Insel oder in die New Territories ist man in purer Natur. Es ist wirklich sehr, sehr grün.

Hawaii's heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Hawaii’s heimlicher Konkurrent heißt Hong Kong.

Unser Haus thront sehr hübsch auf dem Berg in einem kleinen Dorf in den New Territories. Nach vorne Meer, nach hinten ein grüner Berg. Wir leben im Dschungel. Nach mehr als drei Jahren Shanghai jubeln meine Lungen jeden Morgen angesichts der Luft hier. 

Besonders auffällig in Hong Kong’s Dschungel: hier ist alles riesig. Als hätte die Natur einen ganz eigenen Sinn für Ironie, ist hier alles etwas überdimensioniert. Wir haben Pflanzen im Garten deren Blätter größer sind als die meisten Küchen in der Stadt. Der Fruchtgröße nach zu urteilen hält sich unser Zitronenbaum für einen Melonengewächs und manche Bäume sehen aus, als hätten sie Wachstumshormone geschnieft.

Pflanzen mit Größenwahn.

Pflanzen mit Größenwahn.

Leider beschränkt sich in Hong Kong diese Megalomanie der Natur nicht auf die Flora. Die Fauna steht ihr in nichts nach. Auf unserem ersten Erkundungstrip in der Umgebung entdecken wir eine Spinne im Baum, die aussieht als läge sie auf der Lauer nach einem Reh. Laut Wikipedia eine in Hong Kong weit verbreitete Gattung der Seidenspinnen und dem Artikel nach „eine der größten Spinnen der Welt“.  Ich bin mehr als nur leicht arachnophobisch, auch auf kleinere Exemplare wie dieses hier reagiere ich normalerweise mit sehr unmännlichen Überraschungslauten und einem kaum zu unterdrückenden Fluchtinstinkt. Wie wunderbar.

Eine kurze weitere Internetrecherche ergibt: in Hong Kong’s grüner Lunge wuselt es. Spinnen, Schlangen (darunter veritable Giftschlangen wie Kobras) und allgemein sehr viel Insektengetiere, dem man als Mitteleuropäer dankbarerweise nur sehr selten begegnet. So haben wir bei abendlichen Spaziergängen mit den Hunden hin und wieder mal Begegnungen der dritten Art mit hiesigen Tausendfüßlern. Sie sind so groß wie ein respektabler Herrenschuh, ihr Biss wohl verblüffend schmerzhaft und leben weitestgehend nach der Maxime „Angriff ist die beste Verteidigung“. Außerordentlich schlecht gelaunte Wesen. Wahrscheinlich würde mir aber mit dem Aussehen auch nicht die Sonne aus den Fühlern scheinen.

Von den Insekten mal abgesehen, hat die Tierwelt die New Territories aber auch ganz charmante Züge: so lebt in Sai Kung eine Herde Wasserbüffel, die sich blendend integriert haben und Teil des lokalen Stolzes geworden sind. „Büffelherde“ war nicht gerade eine Assoziation die mir bisher spontan bei Hong Kong in den Sinn gekommen ist. Ich denke, es wird noch lustig hier.

Indien vor der Haustür (Quelle: www.saikung.com)

Indien vor der Haustür (Quelle: http://www.saikung.com)