Das Dorf und China.


So, Weihnachtspause. Ich glaube nicht, dass ich je in meinem Leben so viel gearbeitet habe wie im letzten halben Jahr. Hoffentlich finde ich ab Januar wieder mehr Zeit. Ein erster Versuch hier:

Shanghai ist einer der gewaltigsten Städte der Welt. Keiner weiss so ganz genau, wieviele Menschen hier nun wirklich leben. Einig ist man sich nur, dass es mehr als 25 Millionen sein müssen der Kontrast zu dem Ort an dem ich aufgewachsen bin, könnte kaum grösser sein – meine Kindheit und Jugend habe ich in einem beschaulichen 5500-Seelen Dorf bei Darmstadt verbracht.

Mein Heimatort ist sicher nicht Heidi´s Alpenidyll und weder haben wir im Stroh gelebt, noch in den Sommerferien Ziegen gehütet, es ist aber deutlich ländlich genug um so ziemlich das genaue Gegenteil des Lebens in einer Millionenmetropole zu sein.

Nie hätte ich gedacht, dass mein Heranwachsen mit Traktoren, Kerb (Kirchweih für die Nichthessen) und Festen der Freiwilligen Feuerwehr nahezu perfekt auf das Leben in China vorbereitet hat. Dinge, die die südhessische Provinz und Chinas Wirtschaftsmetropolen eint:

1. Der siebte Sinn für bekannte Gefahrenquellen unbekannten Ortes.

Jedes Dorfkind kennt mindestens einen ortsbekannten Irren, der grundsätzlich so schnell fährt, als hätte er drei Schwangere vor der Niederkunft auf dem Rücksitz und eine detonationsnahe Atombombe im Kofferraum. Es kann lebensrettend sein, kleinste Gefahrensignale richtig zu deuten um im richtigen Moment Fahrrad und Freunde instinktiv in die nächste Böschung zu schubsen. Diese hellseherischen Ahnungen entwickelt man wohl nur auf dem Land und diese haben mir in Shanghai mehr als einmal das Leben gerettet, weil die hiesigen Irren nicht lautstarke GTIs, sondern fast unhörbare Elektroroller fahren und offenbar einen geheimen Pakt geschlossen haben, China durch Rollerkollisionen ausländerfrei zu halten.

2. Nichts verbindet mehr, als gemeinsame Nahtoderfahrungen

Meine Kindheit als gefährlich zu bezeichnen wäre, als wenn Kim Kardashian über ihren Lebensstil als zurückgezogen und bescheiden sprechen würde. Dennoch macht man gerade auf dem Land Erfahrungen, bei denen man sogar als Kind wusste: “Das war knapp.”
Egal ob es dabei um das leichtsinnige Unterschätzen der Steigung einer Rodelstrecke geht, die etwas zu optimistische Verbindung von Kettcars mit PS-starken Zugmaschinen oder der Erkenntnis, dass das Eis tatsächlich noch nicht dick genug ist, um eine menschliche Pyramide zu tragen: rückblickend ist es erstaunlich, dass alle meine Klassenkameraden aus der Grundschule noch immer am Leben sind. Gleichzeitig haben uns diese Momente für den Rest unseres Lebens verbunden und sind Geschichten, die uns noch heute gemeinsam lachen lassen.

Das gleiche Prinzip gilt wohl in Shanghai – gemeinsame Taxifahrten bei 120km/h mit einem schlafenden Fahrer, kollektive Lebensmittelvergiftungen und sich mehrmals die Woche gegenseitig vom Tod durch Strassenbus zu retten, schweissen in kürzester Zeit immens zusammen.

3. Man muss die Landessprache nicht sprechen, um sich zuhause zu fühlen.

Obwohl ich in Darmstadt geboren wurde, meine gesamte Kindheit und Jugend in der südhessischen Provinz verbracht habe und ich mich als Hesse fühle, stosse ich was das Dialektsprechen anbelangt schnell an meine Grenzen. Ich verstehe zwar das meiste – wenn aber ein paar Urhessen älterer Generationen zusammentreffen, fühle ich mich sprachlich ähnlich überfordert wie in einer nordchinesischen Hafenbar. Aber auch wenn man in wahrscheinlich jedem Dorf Deutschlands die ersten zweihundert Jahre erst einmal Zugereister bleibt, erinnere ich mich noch heute gerne daran, wie wohl und willkommen ich mich immer in den Küchen und Wohnzimmern meiner Freunde gefühlt habe – obwohl ich grundsätzlich immer nur die Hälfte verstanden habe. Ähnliches erlebe ich in China seit mehr als vier Jahren – wir haben viele, wundervolle Freunde und Bekannte im ganzen Land zu denen wir immer wieder herzlich eingeladen werden und uns freuen, Teil der Runde zu sein – auch wenn ich bei vielen Zusammenkünften nicht ganz sicher bin ob das Gesprächsthema die beste Zubereitung von Dumplings, der schnellste Weg durch den Stau oder die Molekularstruktur von komplexen Aminosäuren ist.

4. Kein Projekt ist zu gross mit den richtigen Menschen und der richtigen Einstellung.

Die grosse Konstante meines Lebens wird wahrscheinlich das Wohnhaus meines besten Freundes aus Kinder- und Jugendtagen sein. Die Warmherzigkeit seiner Familie wurde eigentlich nur noch übertroffen von ihrem Drang zu bauen, renovieren und anzubauen – mit einer Ambition, die Pyramidenbau wie ein niedliches Hobby erscheinen lässt. Bis zu meiner Volljährigkeit hat seine Familie ihr Haus um eine Bar, eine Saunaanlage und eine Seenlandschaft erweitert, das Gebäude um ein ganzes Geschoss erhöht und das ganze mit einem Balkon versehen, der glaube ich auch noch aus dem Weltall zu sehen ist. Möglich gemacht hat das ganze, neben Engagement, ein einmaliger Zusammenhalt. Mal davon abgesehen, dass sich auf dem Land immer jemand im Freundes- und Bekanntenkreis findet, der hilfreiche Kenntnisse im Dachdecken, Betonbau oder Starkstrommontage hat – selbst wenn man nicht so ganz genau weiss wie es gehen könnte, wird einfach mal angepackt und gemacht. Eine faszinierende Parallele zu chinesischem Pragmatismus, den ich hier jeden Tag sehe. Mit der richtigen Einstellung kann man ausser einem Neutronenbeschleuniger alles bauen. Wahrscheinlich aber auch den.

Vielleicht sollte ich mal ein Austauschprogramm zwischen der deutschen Provinz und chinesischen Tier-1 Städten starten. Ich denke, beide Seiten wären angenehm überrascht.

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