Premieren.


Den Ehrenpreis für Konsequenz kann ich mir wohl abschminken. Beim letzten Post hatte ich mir geschworen häufiger zu schreiben – was nun aber auch schon einen Monat her ist. Ich könnte unser nicht funktionierendes Internet im Haus verantwortlich machen, aber wer will der kann. Also noch ein Versuch.

Wir sind nun eineinhalb Jahre in Shanghai, fühlt sich gleichzeitig deutlich kürzer und viel länger an. Gestern sind wir mal wieder dem Tod von der Schippe gesprungen – beim Taxi-Roulette haben wir eine Niete gezogen und einen Fahrer erwischt der vor Müdigkeit ständig eingeschlafen ist (natürlich während der Fahrt) UND strackenvoll war. Wenn er nicht gerade schlief, sang er. Das war selbst für China ein erstes Mal. Müde sind Taxifahrer hier gerne mal (was man bei 36 Stunden-Schichten sogar nachvollziehen kann), betrunken eigentlich sehr selten. Mag daran liegen, daß zwei Wochen Gefängnis abschreckender sind als Punkte in Flensburg.

Direkt nachdem ich den Boden vor unserem Haus bei der Ankunft geküsst habe, ist mir aufgefallen, daß es sehr viel gibt, was ich in Shanghai das erste Mal in meinem Leben gemacht habe. Vieles davon wird auch das einzige Mal bleiben.

Essenspremieren gefeiert

Es gibt wohl sonst nur wenige Länder, die in Sachen Speisen vielfältiger und durchgedrehter sind. Vieles werde ich sicher nicht ein einziges an meine Zunge lassen:
Gemeines wie „drunken shrimp“ (lebendige Garnelen, die in Alkohol getunkt werden um sie zu betäuben), Schildkröten, Haifischflossen, Hühnerföten.
Sehr spezielles wie hundertjährige Eier (ein Entenei das drei Monate lang in einem Brei aus Holzkohle, Salz und Kalk eingelegt wird. Sieht widerlich aus und war sogar Andrew Zimmern zu viel – und der Mann isst Lammaugen).

Ich kann vieles, aber das nicht.

Andere Sachen habe ich hier das erste Mal probiert und bin komplett begeistert: Hot Pot, Hairy Crab, Bullenfrosch, Quallensalat – hätte ich in Deutschland wahrscheinlich nicht auf dem Teller gefunden.

Lebensmittelvergiftung genossen

Hygiene, Lebensmittelfrische und Kühlketten sind manchmal eher abstrakte Konzepte hier. Wenn man in Deutschland Lebensmittelvergiftung hört, klingt das immer ein bisschen nach Nahtoderfahrung. Dementsprechend verblüfft (und beleidigt) war ich, als zum ersten Mal nicht weiter als 50m von einer Toilette entfernt sein wollte und meine Kollegen meinen Zustand mit „Oh, that’s probably just food poisoning“ kommentierten.

Wildfremde Menschen angeschrien

Meistens sind sie ja zuckersüß und in Sachen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft können sich Deutsche von Chinesen noch eine große Scheibe abschneiden – aber nur China schafft es, mich in Millisekunden vom Passanten zum tobsüchtigen Hulk zu verwandeln. Es tut mir hinterher ja auch immer leid, aber bei lautlosen Killern auf Elektrorollern, menschlichen Roadblocks und rücksichtslosen Taxidieben habe ich eine wirklich kurze Lunte.

Wunderheiler besucht

Ok, die chinesische Kultur ist unserer ein paar Tausen Jahre voraus – trotzdem habe ich Qi, bizarre Kräutertees und Moxibution für ziemlichen Unsinn gehalten. Ich bin noch immer eher Fan pharmazeutischer Chemie und würde bei einem Schlüsselbeinbruch nicht sofort an Akupunktur denken, bin aber sonst vollständig bekehrt: TCM rockt.

Eine Nacht in Polizeigewahrsam verbracht

Expats haben in Shanghai fast ein bisschen Narrenfreiheit. Natürlich halten wir uns hier an alle Gesetze, aber selbst wenn wir das nicht tun würden, würden uns Ordnungswidrigkeiten wahrscheinlich nicht in den Knast bringen. China ist wirklich sehr nett zu uns – aber eben doch konsequent. Zumindest kann ich nun bezeugen, daß chinesische Polizisten sehr nett sind, es sich mit Ihnen im Zimmer aber schlechter als zuhause schläft.

Wirklich bizarre Menschen kennengelernt

Shanghai ist das neue New York. Menschen aus aller Herren Länder strömen nach China, 150 Mio Wanderarbeiter und 26 Mio Menschen in der Stadt – da verwundert es eigentlich nicht, daß da auch ein paar interessante Lebensläufe dabei sind. Um peruanische Alpakafellhändler, kantonesische Bordellmütter, shanghainesische Milliardäre, südafrikanische Baukranmogule und kanadisch-taiwanesiche Kinderbuchcartoonisten kennenzulernen, hätte ich in Frankfurt sicher ein paar Jahre gebraucht. Ich möchte nicht einen Abend mit solchen Menschen missen und hoffe, daß noch ein paar Freaks hinzukommen.

Und nun versuche ich mal meinen Blogrückstand aufzuholen. Wäre auch ein erstes Mal.

 

 

Sprachbehindert.


Sollte es ein chinesisches Pendant zu Thilo Sarrazin geben – er hätte seine Freude an mir. Schlechter als ich kann man sich eigentlich nicht mehr integrieren.
Ich kann nicht lesen, schreiben oder sprechen. Ich lebe in einem Compound voller Expats, hübsch abgegrenzt von chinesischem Alltagsleben. Ich erwarte, daß mein Umfeld im eigenen Land eine Fremdsprache spricht. Wirklich sehr, sehr beschämend das alles.

Seit einem Jahr schon schiebe ich Chinesisch-Unterricht auf die lange Bank. Ich arbeite hier deutlich mehr und länger als in Deutschland – und war eigentlich nicht der Meinung je faul gewesen zu sein. Zeitmangel war daher bisher eine gleichermaßen glaubwürdige, wie bequeme Ausrede. Es wird nun aber langsam wirklich Zeit.

Anlass und Anreiz war heute ein hübsches Schild am Eingang zum Office:

Nicht vergessen!

Urplötzlich kam einer meiner großen sozialen Urängste hoch: als Einziger etwas immens wichtiges zu verpassen. So geht es mir auch schon häufig am Flughafen oder Bahnhöfen – manche Durchsagen verstehe ich ums Verrecken nicht. Mein persönlicher Albtraum ist ein Aufruf wie: „Achtung bitte, wichtige Durchsage an alle Passagiere des Fluges LH524, *krrrgrrscchwss* bitte umgehend *gllugsncge* an Gate *chrrshcre*, sofort!“
Ähnlich ging es mir auch hier. Augenscheinlich etwas, das wichtig genug für zwei Ausrufezeichen ist. Und ich habe keinen blassen Schimmer was. Ich hoffe einfach mal, es heißt nicht „Lebensgefahr: unter keinen Umständen den Fahrstuhl benutzen“.

Natürlich könnte ich locker 2-3 Stunden die Woche dafür aufwenden, endlich Mandarin zu lernen. Es ist aber die Aussichtslosigkeit, die Sprache jemals wirklich beherrschen zu können, die mich zum Prokrastinations-Champion macht. Genauer gesagt die Kombination von Umöglichkeiten:

  1. Die verdammten Töne
    Chinesisch ist bekanntlich keine Wort- sondern Tonsprache. Viereinhalb verschiedene Grundtöne in Mandarin. Sieben in Kantonesisch.

    Namen nicht tanzen, aber singen. (Quelle: Wikipedia)

    Zum Beispiel die Silbe „Ma“

    1. Gleichbleibend hoch. Eunuchenhoch. So heisst es „Mutter“
    2. Ansteigend. Als wäre man sich nicht sicher und fragt lieber noch mal. Dann ist es „Hanf“
    3. Fallend, dann steigend. Wie ewiger Stimmbruch. So heißt es „Pferd“. Mal nebenbei bemerkt heißt BMW hier übrigens Bao Ma – schönes Pferd.
    4. Fallend. Wie volltrunken eine Diskussion am Stammtisch beenden. Heißt dann „schimpfen“
    5. Neutraler Ton. Sprechen eben.Dem Gesichtsausdruck mancher Kollegen nach zu urteilen, habe ich wohl schon mehr als einmal danebengegriffen. Habe schon manchmal auf Mandarin loben oder kommentieren wollen. Möglicherweise habe ich stattdessen ungewollt sexuelle Präferenzen unterstellt.
  2. Die Zeichenflut
    Es gibt insgesamt 87.000 chinesische Schriftzeichen, kaum eine Chinese kennt sie alle – es bleiben aber immer noch 3000-5000 die man für den Alltag braucht. Dafür sehen sie alle gleich aus.

  3. Dialekte
    China ist nicht klein. Innerhalb Chinas sind außer Hochchinesisch noch sieben andere Sprachen offiziell anerkannt. Uigurisch begegnet einem in Shanghai eher selten, dafür sind Dialekte auch schon schlimm genug. Wie Shanghainese. Die Chinesen sind wahnsinnig stolz auf lokale Interpretationen der Sprache und pflegen den Unterschied. Quasi 1,3 Milliarden Bayern. Tatsächlich sind Dialekte hier beinahe eher unterschiedliche Sprachen. Vergleichbar mit Französisch, Spanisch, Italienisch und Baskisch. De Fakto versteht außerhalb Shanghais auch kein Chinese was Taxifahrer hier so vor sich hinbrabbeln.

Kurz: chinesisch lernen ist ein Albtraum der wohl nie endet. Um so bewundernswerter, daß meine Frau dafür schon deutliche Fortschritte macht. Sie kann sich schon unterhalten und Kontexte verstehen. Ich kann nach dem Kellner rufen. Dafür verstehe ich jetzt, wie sich Analphabeten fühlen müssen und wie sie es schaffen, daß es jahrelang keinem auffällt. Zu meinen persönlichen Alltagsbluff-Taktiken gehören:

Nicken und Zustimmung. Ein selbstbewusstes „Dui Dui Dui“ (ja, ja, ja) oder „Hao De“ (Einverstanden) täuscht Souveränität vor. Verneinen kann ich dafür nicht so gut. Irgendwann stimme ich mal versehentlich einer Organspende zu.

Kurzfassen. Chinesen sind die Berliner Asiens. Kurzes Bellen von Worten statt langer Sätze. „Ba Hao!“ (Nummer Acht) ist durchaus gleichsam effektiv wie „Ich würde gerne Zigaretten der Marke Zhongnanhai, Nummer Acht kaufen.“

Nuscheln. Viel hängt ohnehin vom Kontext ab. Ein paar Brocken mit dem richtigen Gesicht zeigen zumindest Grundrichtung an.

Ignoranz. Aus reiner Verzweiflung (und weil auch Chinesen sich untereinander nicht immer verstehen und Englisch oft keine wirkliche Option ist) bin ich in auswegslosen Kommunikationssituationen dazu übergegangen, hessisch zu sprechen. Ich bin eigentlich großer Freund klaren Hochdeutschs und auch kein wirklicher Urhesse, aber für einen aufgebrachten Taxifahrer ist hessisch einfach wunderbar. Lost in Translation erst gestern:

Ich will nach Hause. Also sage ich Straße und Querstraße an:
„Hu Qing Ping Gong Lu, Zhuguan Lu“
„Zhuguan Lu Bu Zhi Dao“ (Strasse kennt er nicht)
„Hu Qing Ping Gong Lu, Yi Wu Yi Qi“ (vielleicht hilft ihm die Nummer)
motzig: „Bu Zhi Dao“
„Hu Qing Ping Gong Lu Kao Xi Zughuan Lu, Yanan Lu Zhongchun Lu Xia“  (Ausfahrt von der Hauptstrasse in verzweifelten Mandarin-Rudimenten)
„Bu Zhi Dao“ Gefolgt von wütendem Gebrabbel und einer Frage offensichtlich
„Horsche ma zu mein Bub. Is mir egal, fahr halt.“
unverständliches Gepöbel
„Vadder, das finden wir schon.“
Aggressives Anfahren. Aber wir kommen an.

Habe mir vorgenommen, es ab nächsten Monat trotzdem mal mit Chinesisch-Unterricht zu probieren. Irgendwann muss ich mal anfangen. Sollte ich das je meistern, versuche ich es danach mit Ungarisch.