I love SH #2


In China ist Weihnachten nun wirklich nicht Tradition und eigentlich sollte man davon außer Weihachtsdeko in wahnhaftem Aumaße eigentlich nicht wirklich viel mitbekommen – heute war es aber so unglaublich ruhig und leer auf den Straßen, daß wir uns kurz gefragt haben, ob sie alle spontan ausgewandert sind. In jedem Fall haben wir den so erstaunlich ruhigen Tag ausgiebig dazu dazu genutzt, ein paar Ecken von Shanghai zu erkunden, die wir noch nicht kannten. Da uns zum eigenhändigen Autofahren sowohl Lizenz als auch Lebensmüdigkeit fehlen, tun wir dies per Metro und Taxi. Auch wenn es hier an manchen Ecken schon arg knarzt – öffentliche Verkehrsmittel sind hier fast eine Ode wert.

Ich habe in Deutschland nie so ganz verstanden, was an Öffentlichem Nahverkehr so wahnsinnig schwierig ist. Um im Rhein-Main-Gebiet mit der S- oder U-Bahn (eine Unterscheidung, der sich mir bis heute nicht wirklich erschlossen hat) von A nach B zu kommen, braucht man den Orientierungssinn eines Pfadfinders und die intellektuellen Fähigkeiten eines Informatikdoktoranden. Und Engelsgeduld. Selbst als Einheimischer hatte ich schon mehr als einen Nervenkollaps an einem RMV Fahrscheinautomaten – für jemanden außerhalb unseres Kulturkreises, müssen diese Dinger unverständlicher als ein Maya-Kalender sein.

Shanghai kann das deutlich besser: hier kommen auch Orientierungslegastheniker wie ich an ihr Reiseziel. Verbindung finden, Ticket kaufen, in der richtigen U-Bahn sitzen – eine Sache von drei Minuten. Mal ganz davon abgesehen, daß es unfassbar günstig ist. Der Flughafen von Pudong liegt von uns aus etwa 50 km entfernt am anderen Ende der Stadt – das Ticket dorthin kostet 9 Yuan. Etwa ein Euro. Einfach und billig würde ja fast sogar schon reichen, aber zudem ist die Metro noch pünktlich, immens hoch getaktet und dazu noch blitzsauber. Im Hochsommer noch dazu ein herrlich schneller Kühlschrank.

Shanghai hat mit derzeit 420 km das längste und schnellstwachstendste U-Bahn-Netz der Welt. Dabei haben sie erst 1995 damit angefangen. Hundert Jahre Vorsprung und was ist in Deutschland dabei rumgekommen? 13 Preisstufen und das 9-Uhr Monatsticket. Zugegeben, zur Rush-Hour an Hauptknotenpunkten braucht man viel Langmut oder eine Waffe – aber trotzdem ist die Metro ein echtes Plus auf dem Konto Shanghais.

Selten sehr leer, aber immer sehr pünktlich. (Quelle: Wikipedia)

 

Die Metro allein macht die Stadt schon deutlich einfacher, Shanghais wahres Geschenk an die Menschheit sind aber: Taxis. Ich hatte sie ja schon mal an anderer Stelle gelobt – sie machen das Leben aber so viel einfacher hier, daß ich fünf Artikel über sie schreiben könnte.

Gut, sie haben natürlich ein paar deutliche Defizite:

  • Die Fahrzeuge sind zu 90% nicht auf dem letzten Stand der Technik. Nicht mal auf dem vorletzten.
  • Mit dem Fahrer kann man auch mal Pech haben. Manchmal wünscht man sich geruchsdichte Fahrerkabinen oder zumindest keinen Sekundenschlaf während der Fahrt bei 110.
  • Kommunikation wäre bisweilen wahrscheinlich auf klingonisch einfacher.
  • Bei Regen werden Taxis hier unsichtbar.

Trotzdem überwiegen die Vorteile.

  1. Es gibt sie überall. Überall.
    Ich stand hier schon an wirklich verlassenen Ecken. In kleinsten Gassen oder direkt an einer zehnspurigen Ausfahrtsstraße 20 km vom Stadtzentrum – nach spätestens 10 Minuten kam noch immer ein Taxi vorbei. In den meisten deutschen Großstädten findet man leichter zufällig das Ende des Regenbogens als auch nur ein Taxi.
  2. Sie kennen sich aus.
    In Frankfurt habe ich Taxifahrer schon zu Hauptstraßen oder der Oper lotsen müssen, hier scheinen alle die Ortskenntnis eines Supercomputers zu haben. Das Unglaublichste: in der geldgeilsten Stadt der Welt schaltet man hier das Taxameter aus, wenn man sich verfahren hat.
  3. Billig.
    Auch nach der zweiten Preiserhöhung in kurzer Zeit: für 30 Yuan kommt man in der Stadt so gut wie überall hin. Abgerechnet wird zu 90% nach Wegstrecke und nicht nach Zeit. In Deutschland kostet das Einsteigen schon mehr als hier eine Stunde im Berufsverkehr.

Ubiquitär. (Quelle: shanghaidaily.com)

Häufig liest man von unterschiedlichen Qualitätsstufen der verschiedenen Taxigesellschaften (zu erkennen an der Autofarbe). Habe ich so noch nicht nachvollziehen können, aber ich achte auch nicht sehr darauf. Was sich jedoch lohnt, ist ein Blick auf die Taxilizenz:

  1. Hohe Nummer, gute Nummer. Taxifahrer haben eine sechsstellige Lizenz – alles unter 200.000 lässt auf Erfahrung schließen, ab 300.000 aufwärts lässt die Ortskenntnis manchmal nach.
  2. Sternchen im Hausaufgabenheft. Je mehr Sterne, desto besser ist der Fahrer angeblich. Zumindest macht es den Anschein, als ob was dran wäre.

So oder so – in kaum einer Stadt dieser Größe kann man sich so schnell, einfach und billig bewegen. Dafür verdient Shanghai Lobgesang. Wirklich.

 

 

Überall Taxis.


Auch nach einem Jahr Shanghai, gibt es ein paar Dinge, an die ich mich wirklich nur schwer gewöhnen kann und vielleicht nie werde. Das ständige Rumspucken auf der Straße. Laufend beinahe überfahren zu werden. Zu verfluchen, einen Geruchssinn zu besitzen. Dafür ist vieles auch einfach grandios – unter anderem die Taxis.

Allein der Komfort: 50.000 Taxis in Shanghai sorgen dafür, daß man selten länger als zwei Minuten auf eines warten muss. Zwar fahren natürlich auch sie wie Henker auf Drogen, aber man kommt weltweit kaum in einer Stadt besser, einfacher und vor allem biliger von einem Ort an den anderen.

Die meisten der Taxis hier sind technisch schon ein wenig hinterher – ich persönlich mag diese Santana-Schüsseln ganz gerne. Aber ich mag auch 80er Jahre Musik und Fischpaste, muss also nichts heißen. Zur Expo wurden letztes Jahr schon mal ein paar Taxis erneuert: schicke Touran in schickem Gewand. Aufgeräumt, schnell und auch olfaktorisch Tipp-Topp. Kürzlich habe ich mal einen genaueren Blick auf eines der Hinweisschilder geworfen und dachte nur: „Sie spinnen einfach.“

Jetzt mal ernsthaft: ein Pferd? Dann habe ich vermehrt drauf geachtet – außer dem Pferd gibt es noch Pandas, Hunde, Häuschen und vieles mehr.

Man hat sich aber was dabei gedacht: hier geht es nicht um subtile Verschönerung für eine harmonische Welt (was hier in China nicht mal verwunderlich wäre), so sollten sich ausländische Expo-Besucher merken können in welchem Taxi sie gesessen haben, sollten sie mal was liegenlassen. Ich habe keinen Schimmer, ob es viele Anrufe gab wie: „mir ist mein Schlüssel im Panda-Taxi runtergefallen.“, aber den Gedanken an sich finde ich sehr amüsant und nett.

Chinesisch pragmatisch, leicht verschroben aber durchaus liebenswürdig. Wenn wir zurückkommen, versuchen wir mal Schlümpfe in Frankfurter Taxis zu etablieren.