Verkehrspsychosen.


Autofahren war schon immer etwas, hm, schwierig für mich. Zwar liebe ich Autos und genieße schöne Fahrtstrecken genauso sehr wie kleine Geschwindigkeitsräusche – ich bin aber kein besonders guter Fahrer. Genauer gesagt bin ich sehr häufig eine handfeste Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer. Grund dafür ist, wie so oft, meine generelle Neigung zur Ungeschicklichkeit und die Tendenz zu großen Aufmerksamkeitslücken. Ich bin davon überzeugt, daß meine letzten Worte so etwas wie „Wa…?“ oder „Ey!“ sein werden.

Im Laufe meiner nun doch langen Karriere als Autofahrer habe ich ein Fahrzeug komplett zerlegt, hatte mehrere Auffahrunfälle und sehr regelmäßige Ausflüge auf Geh- und Fahrradwegen, Gegenfahrbahnen, Einbahnstraßen und Abgründen. Da man schon auf dem Weg zum Flughafen einen guten Überblick über die Gefahrensituation im Straßenverkehr in China bekommt, stand nie zur Debatte hier ein Vehikel selbst zu bewegen. Mit dieser Entscheidung allein habe ich sicherlich maßgeblich zur Verkehrssicherheit in Shanghai beigetragen.

Meine bisher ungewohnten Rolle als Passagier hat mir jedoch völlig neue Perspektiven eröffnet – eine Art automobiler Anthropologie. Dabei sind mir frappierende Unterschiede innerhalb Chinas aufgefallen:

  • Shanghai

    Man hat den Eindruck, die Stadt sei nur aus einem Grund gebaut worden: um möglichst viele Autos durch sie hindurch zu jagen. Teils mehrstöckige Hochstraßen, durchflutet von immens vielen Fahrzeugen. Derzeit sind es etwa 1 Mio Autos, bis 2020 sollen es voraussichtlich 2,5 werden. Hinzu kommen gefühlt noch einmal das zehnfache an Elektrorollern. Allen Verkehrsteilnehmern in Shanghai ist eines gemein: sie sind ruchlose Egoisten. Wenn Machiavelli einen Führerschein gehabt hätte, er wäre in Shanghai Auto gefahren. Dabei ist die Dreistigkeit fast schon beeindruckend: wer die Abfahrt verpasst hat, fährt einfach auf der Autobahn zurück. Wer auf der falschen Fahrspur ist, überquert einfach galant sieben voll besetzte Fahrspuren und es mich würde stark wundern, wenn der Begriff „Reissverschluss-System“ existierte. Dabei wird immer schön viel gehupt, egal ob zur Warnung, Entwarnung oder als minütliche Reflexhandlung. Natürlich sind sich alle einig, daß es langsam ein Problem wird mit dem Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel eine sinnvolle (und zeitsparende) Alternative wären. Genützt hat es nichts.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Fokusgruppe, in der ein Autofahrer ohne jeden Anflug von Ironie sagte „ich finde es gut und wichtig, daß die Regierung versucht den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Wenn mehr Leute die Metro nehmen, habe ich mehr Platz auf der Straße“. Gleichzeitig ist es ihnen absolut unverständlich, warum Autohersteller Dinge erfinden wie das automatische Abblendlicht. Kommentar: „Wieso soll ICH abblenden, weil ein ANDERER geblendet wird?“.
    Bei all diesen motorisierten Egoisten ist trotzdem erstaunlich wie wenig eigentlich passiert. Ich bin mir sicher, daß die Unfallbilanz Shanghais deutlich schlechter als die New Yorks ist, man sieht aber wirklich nur sehr wenige Unfälle.

  • Beijing

    Wenn Shanghais psychische Störung Egomanie ist, ist es in Beijing eine besondere Form des Autismus. Wikipedia erklärt zu Autismus:
    „Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen […] bis zur schweren geistigen Behinderung reichen. Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.“Als hätte jemand den typischen Verkehrsteilnehmer in Beijing beschrieben. Zwar hupen sie genau so gerne wie ihre Shanghaier Kollegen – sie haben ihre Umwelt dabei aber völlig ausgeblendet. Wenn man in Beijinger Autos schaut, sieht man auf dem Fahrersitz meistens Gesichtsausdrücke, die sonst Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Veteranen mehrjähriger Kriege vorbehalten ist: gähnende, ausdruckslose Leere und Gleichgültigkeit. Ich bin mir sicher, ein Beijinger könnte eine mit Katzenjungen gepflasterte Straße befahren ohne auch nur zu Blinzeln.

    Das ist an sich weniger ver- als einfach nur störend, gilt jedoch leider auch für die Taxifahrende Zunft. Um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers in Peking zu erhaschen, muss man sich mindestens mal in Brand setzen.

    Diese Teilnahmslosigkeit gepaart mit einer Straßenplanung, die nur von sadistischen Koksern erdacht worden sein kann, führt zu einem Verkehr für den es eigentlich einen eigenen Superlativ von „Stillstand“ geben müsste.

  • Hong Kong

    Sowohl Mainlander, Westler als auch Hong Konger selbst sind sich einig: die Stadt hat nicht viel gemein mit China. Man spürt die britische Prägung noch heute deutlich, ganz besonders im Straßenverkehr. Abgesehen davon, daß sie meiner Ansicht nach auf der falschen Seite fahren, sind Autofahrer in Hong Kong ausgesprochen zivilisiert, höflich und erstaunlich regelkonform. Fast schon ein bisschen unheimlich. Wahrscheinlich einzig um Stadtfremden ein bisschen Aufregung zu verschaffen, hat man sich bei der hiesigen Straßenplanung gedacht: das geht auch spannender. Anders kann ich es mir nicht erklären, für eine Stadt die ansonsten so viel Wert auf Effizienz und Ordnung liegt, ist die Straßenführung unfassbar psychotisch.Um sich für die richtige Fahrspur zu entscheiden, hat man im Schnitt fünf Zehntelsekunden Zeit. Wer dieses Zeitfenster verpasst, muss einmal die Insel umrunden um ans Ziel zu kommen.
    Stadtteile und Richtungen werden auf zwanzig Kilometer an jeder Straßenkreuzung angezeigt, aber auf den letzten 1000 Metern heisst es Richtung raten.
    Straßen und besonders Parkhäuser sind so eng, dass man selbst als Fußgänger Angst hat, anzuecken.
    Spurwechsel sind nicht vorgesehen und stehen unter Strafe auf fast allen Straßen. Wer sich einmal entschieden hat, bleibt auch bitte bei der Wahl und sollte sie ihn nach ausschliesslich nach Shenzhen führen.

Das alles mag aber auch meiner eigene Verbitterung geschuldet sein. Zum erstem Mal seit mehr als drei Jahren bewege ich wieder selbst ein Auto. Die Erkenntnis, dass es für Verkehrsrückkehrer bessere Bedingungen gibt als Linksverkehr, enge Strassen an Bord eines zu gross geratenen SUV, kamen mir schon am ersten Tag hier.

Hong Kong, nimm dich in acht.

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China-Charts.


Diese Woche war sehr chinesisch, ich bin zu fast nichts gekommen. Nicht mal dazu, mich per Blog darüber aufzuregen. Viel Arbeit, fünf Tage haben sich angefühlt wie zwei und die Resultate all dessen sind mager.

Ein Klassiker der Woche: unsere Heizung. Wir sind mittlerweile chinagestählt genug um zumindest Amokläufe zu vermeiden, es kostet aber nach wie vor Nerven.
Shanghai ist in Sachen Wetter sehr binär: kalt oder warm. Seit Montag ist es kalt. Nachdem wir im letzten Jahre große Teile des Winters unter 13 Grad im Haus hatten, haben wir dieses Jahr vorgesorgt: ausdrückliche schriftliche Vereinbarungen mit dem Landlord, ständige Beobachtung der Heizsituation und Chinesen mit Konsequenzen drohen, wo es ihnen wehtut: beim Geld. Nicht mal Straflager wirkt hier motivierender. In der Theorie.

Seit Montag erleben wir die Wiederaufführung des Schauspiels: „China repariert“. Je nach Tagesform ist das Tragödie oder Komödie. Leider nie Dokumentation.
Das Drehbuch würde wie folgt aussehen:

„The floor heating does not work, can you please send someone to fix it?“
„Sure.“

Drei Stunden später: Monteur kommt, schaltet die Heizung aus und an. Und geht wieder.

„The heating still does not work. Can you please have someone check it again.“
„Sure, no problem.“

Einen Tag später: Monteur 2 kommt, nimmt die Verkleidung ab, schaltet Heizung aus und ein. Geht wieder.

„The floor heating does not work. Again. Please fix it, it is getting cold.“
„No problem, we will send a better engineer.“

Gleicher Tag: Monteur 3 kommt, betrachtet die Heizung interessiert für 15 Sekunden und geht wieder.

(Proaktiv): „The engineer says, it needs to be fixed by someone from the manufacturer. We will send someone from BOSCH.“
„Good. When?“
„2-3 days max.“
„Hurry up, it is cold.“

Gleicher Tag, 19 Uhr, stockdunkel, Platzregen. Monteur 4 steht verwirrt und durchnässt um dunklen Garten und schaltet die Heizung an und aus. Geht wieder.

„What’s with the heating? The engineer did not do anything.“
„They will send a better engineer. We follow up with you.“

Das war Stand der Dinge gestern. Ich weiß jetzt schon, daß das uns noch ein paar Wochen beschäftigen wird. Am Wochenende kaufen wir Heizdecken.

Wirkliche Aufregung verursacht uns das eigentlich nicht mehr. China eben. Trotzdem etwas, was hier eindeutig anders läuft.
Wenn man in Deutschland ein Problem hat, ist das auch nicht witzig. Handwerker lassen drei Wochen auf sich warten, sagen dann, sie kommen Montag zwischen 8 und 12, stehen um 6 auf der Matte, reparieren alles zu zweit und berechnen die Arbeit für vier. Dafür geht dann wenigstens alles.
Hier gilt ein anderes Prinzip: wenn es ein Problem gibt, werden erst einmal ALLE möglichen Lösungen ausprobiert in aufsteigender Abfolge des Aufwandes. Man arbeitet hier ungern mehr als wirklich nötig.

Dabei fiel mir auf, daß man recht viel ganz nett vergleichen kann. Berufsbedingt bin ich Diagramm- und Prozessjunkie. Macht nicht unbedingt attratkiv, aber: ich LIEBE Charts. Ein paar Unterschiede lassen sich tatsächlich einfacher in Balken und Linien als in Worte fassen. Ich werde das einfach öfter mal versuchen.

Reparaturen

Schnelle Lösungen sind zu einfach.

 

Autofahren.

Prioritäten im Straßenverkehr.

Geräuschkulisse.

Bitte seien Sie laut.

Leben.

Alltag im Vergleich.

Werde nun losziehen und Elektroheizungen besorgen. Und Whisky.

Verkehrsoptimismus.


Chinesen sind optimistisch. Warum auch nicht, es läuft ja schließlich auch gerade ganz gut für sie. Das Land boomt, Jobs gibt es genug, die Nettolöhne steigen, an jeder Ecke ein Louis Vuitton Laden und die ganze Welt ist neidisch. Zudem sind Chinesen generell nicht ganz so angst- und sorgenvoll wie wir Deutschen.

Trotzdem übertreiben sie manchmal. Gestern wurde ich um ein Haar überfahren (was in Shanghai erstmal nichts Berichtenswertes ist). Nach einem Jahr Shanghai habe ich mich wirklich schon dran gewöhnt eher Jagdwild als Verkehrsteilnehmer zu sein – wer mich jedoch gestern fast erwischt hat, war einfach unfassbar:

Elektroller auf der falschen Seite. Auf dem Bürgersteig nachts ohne Licht. Mit einem Kleinkind zwischen den Beinen. Telefonierend.

Leider war er zu schnell und ich zu sehr mit Ausweichmanövern und Fluchen beschäftigt um ein Foto zu machen. Daher an dieser Stelle: lieber rollerfahrende Irre – Respekt!

Und jetzt gehe ich mir einen Baseballschläger kaufen.