Wetterfühlig.


Wenn man sich über das Klima in Shanghai schlau macht, fallen Informationen meist in eine von zwei Kategorien. Reiseführer und Online-Dienste sind meist eher faktisch und nüchtern. Die Zeit zum Beispiel konstatiert:

„Shanghai entwickelt ein Klima mit vier ausgebildeten Jahreszeiten, wobei Sommer und Winter länger als Frühling und Herbst ausfallen.“

(Quelle: zeitreisen.zeit.de)

 

Anders, imposanter und vor allem drastischer fallen Antworten aus, wenn man Expats, am besten aus Deutschland befragt – dann fallen gerne Sätze wie: „Der Winter hier ist zwar auf dem Thermometer nicht so kalt, aber durch die Feuchtigkeit geht er durch und durch. Kälte bis auf die Knochen, das Schlimmste überhaupt!“ oder „Im Sommer kann man eigentlich gar nicht rausgehen so heiß ist es. Du bist nach zwei Schritten schon total durchgeschwitzt und völlig fertig!“.

Ich finde, beides ist Quatsch. Weder gibt es ausgeprägte Jahreszeiten, noch krepiert man im Sommer oder Winter. Dafür gibt es ein paar interessante, teils nervige, teils wunderbare Sonderheiten:

  1. Das Wetter ist binär.

    Eins oder null. An oder aus. Kalt oder warm – dazwischen gibt es hier nicht viel. Das kann sich auch gerne mal von einem Tag auf den anderen ändern. Vorgestern zum Beispiel ungemütlich frostig, gestern dafür sommerlich warm den ganzen Tag lang. Heute wieder kalt.
    Ist wirklich erstaunlich – ausgeprägte Jahreszeiten haben sich damit aber schon mal erledigt. Frühling und Herbst habe ich hier noch nicht wirklich erlebt. Eher Spätsommer oder Frühwinter. Übergänge sind dabei nicht zu erkennen. Es ist kalt, dann macht es *Puff* und es ist warm. Dann macht es wieder irgendwann *Puff* und es ist wieder kalt.

  2. Ganz oder gar nicht.

    Was Shanghai macht, macht es richtig. Nieselregen, ein laues Lüftchen oder teilweise Bewölkung ist was für Anfänger. Wenn die Sonne scheint, dann auch richtig. Wenn es regnet, dann gießt es. Wenn es windig wird, hat man besser alles im Garten festgezurrt. Dabei nervt der Regen am meisten – das Wetter hat dabei einen ganz eigenen Humor: noch letzten Monat haben wir beide noch festgestellt „irre eigentlich wie wenig es regnet und wie trocken es doch ist.“. Sprach’s und es folgten vier Wochen Dauerregen. Der kann einem schon mal ein bisschen aufs Gemüt schlagen wie ich finde. Shanghai ist zwar eine faszinierende, aber nicht unfassbar schöne Stadt (zumindest nicht tagsüber). Eine Wand aus Regen und keinen Ort nicht durchnässt zu betreten macht es nicht viel besser.

    Der Blick nach draußen seit Wochen.

    Der Blick nach draußen seit Wochen.

  3. Wahrnehmung ist Realität

    Bevor wir Deutschland verlassen haben, hatten wir einen wirklich knackigen Winter. Bis minus 20 Grad, Schnee bis zum Abwinken und klirrende Kälte. Dagegen ist der Winter in Shanghai echt lahm: unter Null wirklich nur in Ausnahmefällen, geschneit hat es dieses Jahr genau 12 Minuten und besonders lang ist er auch nicht. Im Grunde eigentlich ein Traum und mir war völlig unverständlich, wie einige Expats die schon etwas länger hier sind so jammern können über die Kälte. Memmen! Dachte ich. Mittlerweile jammern wir genau so. Ich glaube, es liegt daran, daß man sich so an lange Sommer und generell angenehmere Temperaturen gewöhnt, daß man einfach verweichlicht. Wenn ich 12 Grad in Deutschland eigentlich noch ganz nett fand, empfinde ich sie hier als persönliche Beleidigung und echt saukalt.

Im Großen und Ganzen ist es eigentlich wirklich großartig. Im  Gegensatz zu Deutschland hört der Winter früher als Mai auf und verregnete, kalte Sommer sind eher selten. Dafür sind 40 Grad natürlich auch ziemlich kuschelig – aber es gibt Schlimmeres. Memme zu werden zum Beispiel.