Was Deutschland von China lernen kann. Oder sollte.


In deutschen Medien kommt China ja meistens nicht ganz so gut weg. Wenn China erwähnt wird, fallen meist auch Worte wie Bestechung, Menschenrechte, Zensur oder anderes, wenig Schmeichelhaftes. Nun liegt mir nichts ferner, als Chinas Politik zu verteidigen oder zu kommentieren. Angesichts meiner doch eher seichten Beobachtungen ist das wahrscheinlich auch besser so.

Trotzdem habe ich das Gefühl, mal eine Lanze für meine Wahlheimat brechen zu müssen. Zugegeben, an manchen Tagen möchte ich China nicht umarmen, sondern erwürgen – aber das geht in Deutschland lebenden Chinesen sicher umgekehrt auch nicht anders. Wovon Deutschland sich mal eine dicke Scheibe abschneiden könnte:

 

  1. Wie man öffentliche Verkehrsmittel organisiert

 

Mir ist schon öfter der Satz “Works like a German train schedule” zu Ohren gekommen. Diese Menschen sind scheinbar noch nie in Kontakt mit der Deutschen Bahn gekommen. Es gibt im europäischen Raum wohl kaum eine frustrierende Erfahrung, als in Deutschland öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen:

  • Bahnhöfe sind meist eiskalt, der örtliche Treffpunkt für Gewaltverbrecher und beleuchtet wie eine somalische Tiefgarage
  • Einen Fahrscheinautomaten zu bedienen erfordert ein Diplom in Informatik oder die Geduld eines buddhistischen Kiffers
  • Die kleinste Unvorhersehbarkeit sorgt für landesweites Chaos. Zum Beispiel Schnee im Winter
  • Auch wenn Schalter mittlerweile “Service Points” heissen, werden die meisten Mitarbeiter der Bahn scheinbar nach Standards der Stasi geschult

Ganz im Gegensatz dazu das angeblich so chaotische China:

  • Jeder, wirklich jeder Zug fährt auf die Minute genau und ist wenn nicht top-modern dann wenigstens blitzsauber
  • Sogar ein minderbemittelter Koala könnte problemlos ein U-Bahn-Ticket lösen
  • Bahnsteige werden ausschliesslich dazu genutzt ein- oder auszusteigen. Gewartet wird im klimatisierten/beheizten Bahnhof
  • Das Versorgungsnetz ist angesichts der Grösse des Landes unfassbar lückenlos.
  • Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe sind beinahe ausnahmslos freundlich, hilfsbereit und effizient.
Pünktlich, sauber, schnell.  (Quelle: http://www.smartplanet.com)

Pünktlich, sauber, schnell.
(Quelle: http://www.smartplanet.com)

  1. Es muss nicht hübsch aussehen, es muss funktionieren.

“Form follows function” ist ein Schlagwort, dass ich in Deutschland wirklich oft gehört habe. Wirklich daran gehalten wird sich selten – zum Beispiel im Internet.Ich weiss nicht, wie oft ich schon wundervoll gestaltete Webseiten benutzt habe um spätestens beim Kaufabschluss frustriert aufzugeben (“Aus Sicherheitsgründen geben Sie bitte folgenden zwanzigstelligen Code innerhalb der nächsten drei Sekunden ein”)

Chinas Pragmatismus gewinnt auch hier jeden Vergleich, zum Beispiel seine mit Abstand grösste E-Commerce Plattform “Taobao”. Mal abgesehen davon, dass es nichts gibt, was man nicht auf Taobao kaufen könnte – die Bedienung ist geradezu genial einfach (sofern man des Chinesischen mächtig ist). Zwar sieht die Seite aus, als hätten Sie farbenblinde Crackjunkies während eines epileptischen Anfalls gestaltet – mit ein paar Klicks aber kann man vom Durianjoghurt bis zum Protonenbeschleuniger alles einfachst bestellen.

Auch jenseits des Internet gilt: hauptsache es läuft. Meine beiden liebsten Beispiele sind zum einen die Handschuhe, die ich schon so oft mit Klebeband befestigt an Elektrorollerlenkern gesehen habe (es gibt sie auch von Werk aus übrigens)- sieht unfassbar dämlich aus, ist aber in der Tat wirklich praktisch. Zum anderen sind es die Bambusbesen, die man hier an jeder Ecke im Einsatz sieht. Bambuszweige samt Blättern in Bündeln an Stiel gebunden – voila, ein Strassenreinigungsutensil erster Güte.

  1. Einfach mal den Nachbarn in Ruhe lassen

Auch ich hatte schon zauberhafte Nachbarn, es waren aber eher die Ausnahme. Angeblich ist Deutschland weltweit Spitzenreiter wenn es um Nachbarschaftsstreits geht. Wie sich erwachsene Menschen Nichtigkeiten wegen an die Gurgel gehen können, hat sich mir aber auch nie erschlossen. In China hat man noch sehr viel weniger Verständnis dafür. Man mischt sich hier nur ausserordentlich ungern in fremde Angelegenheiten – lange Jahre war das auch keine besonders gute Idee.

Natürlich ist diese weitverbreitete Neigung zur Gleichgültigkeit nicht immer hilfreich. Als Unfallopfer zum Beispiel.. Ich habe schon mehrmals beobachten dürfen, wie sich sofort viele Schaulustige einfanden, jedoch niemand geholfen hätte. Wer jedoch nicht gerade blutend auf der Strasse liegt, weiss das Prinzip “Ignoriere Deinen Nächsten” sehr zu schätzen. Hier würde niemandem einfallen, im Müll zu wühlen, um zu sehen ob der Nachbar den Kaffee auch wirklich in die Biotonne geworfen hat oder Falschparker vorm Haus anzuzeigen.

4. Freundschaften schnell schliessen

 Freundschaft ist für Deutsche etwas ganz besonderes. Die meisten Freundschaften in meinem Umfeld, gehen Jahrzehnte zurück. Ein guter Freund ist sehr häufig jemand, den man kennengelernt hat, als man sich noch nicht selbst die Schuhe anziehen konnte. Wie bei allem sind wir auch hier eher gründlich als schnell.

Ganz anders als die Amerikaner übrigens, die zwar in der Supermarktschlange Blutsbrüderschaft schliessen können, aber bei jeder Unterhaltung jenseits von Sportergebnissen Panikattacken bekommen.

Chinesen sind auch hier wunderbar pragmatisch. Ich habe noch nie so schnell, so viele zauberhafte Menschen kennengelernt, die mich beim ersten Treffen schon wie ein Familienmitglied haben fühlen lassen. Wieviel davon natürlich Exoten- oder Mitleidsbonus ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn Deutschland auch nur ein klein wenig von der Herzlichkeit Chinas abbekommen würde, man könnte uns richtig lieb haben.

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China’s Internet – der grösste Mikrokosmos des Planeten.


Seit 5000 Jahren macht China so ziemlich alles anders. Konsequenterweise sind die Erfinder von Papier, Druck, Schwarzpulver und Kompass auch in Sachen Internet einen sehr eigenen Weg gegangen. Was 1980 als Experiment des chinesischen Eisenbahnministeriums begann, ist heute die größte Internetpopulation des Planeten.

Knappe 600 Millionen Nutzer bewegen sich in einem digitalen Riesenreich, das mit dem Rest der Welt recht wenig zu tun hat. Einzigartig, vielfältig, abgeschirmt, riesig. Quasi das digitale Äquivalent zu den Galapagos Inseln – im Megaformat. Ähnlich wie auf Darwins Lieblingsinseln finden sich auch in Chinas Internet weltweit einzigartige Wesen – vielleicht mit dem großen Unterschied, dass Finken keinen nennenswerten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben.

Im Westen beschränkt sich die Diskussion über das Internet in China ja gerne mal auf das Thema Zensur. Natürlich hat die „Große Firewall“ einen immensen Einfluss auf die Netzlandschaft im Reich der Mitte – viel interessanter ist aber eigentlich, wie hiesige Denk- und Verhaltensweisen eine ganz besondere Netzkultur haben entstehen lassen. Dabei scheint Vieles dessen, was in Chinas digitaler Welt geschieht, jedes Klischee und Vorurteil zu stützen. Scheint.

Wer hat’s erfunden…aber wer hat’s verbessert?

Zugegeben, mit kreativen Eigenentwicklungen hat es China noch immer nicht so sehr. Trotz intensivster Bemühungen der Regierung die Innovationsfähigkeit des Landes zu verbessern, zieht das Reich der Mitte gegen Silicon Valley noch immer den Kürzeren. Viele der Angebote hier sind erst mal Kopien erfolgreicher Player aus dem Westen. Baidu ist Google, Taobao ist eBay, WeChat ist Whatsapp und Weibo ist so etwas wie das uneheliche Kind von Facebook und Twitter.

Die eigentliche Überraschung aber ist: Die Kopien sind wirklich besser als die Originale. Um Längen. Während Whatsapp im Grunde ein bisschen aufgehübschte SMS-Nachrichten sind, ist WeChat (Weixin) eine mobile Applikation, die das Sinnvollste aus verschiedenen Bereichen kombiniert: Nachrichten, Konferenzen, Flirtplattform, Fotosharing, VoiceChat, sozialer Hangout. Das Schweizer Taschenmesser sozialer Netzwerke.

Dass Gleiche gilt für Taobao, Chinas Online-Einkaufstempel Nummer Eins. Natürlich ist eBay mittlerweile deutlich mehr als nur der einfachste Weg die Wohnung zu entrümpeln und bei Amazon kann man mittlerweile neben Büchern auch prima Kühlschränke und Kettensägen bestellen. Im Vergleich zu Taobao verkommen jedoch beide zu digitalen Tante-Emma-Läden. 760 Millionen Produkte. Ein beinahe unendliches Angebot, gepaart mit Chinas einmalig günstiger Lieferungsinfrastruktur, machen sogar den Kauf eines Bechers Joghurt im Internet nicht ganz abwegig (ich habe es selbst häufig beobachten dürfen). Es gibt nichts, wirklich nichts, was man auf Taobao nicht bekommen würde.

Ich selbst z.B. habe dort übrigens meinen Weihnachtsbaum bestellt. Nur vier Stunden nach Klick stand die Tanne im Wohnzimmer. Leider ist Geschwindigkeit nicht das einzige Qualitätsmerkmal – er sah eher aus wie post-apokalyptischer Grabschmuck als stolze Nordmanntanne.

Die kreativen Kinder der Internetzensur.

Natürlich wird China abgeschottet vom Rest der Welt. Kritische Kommentare oder ungewollte Meldungen erreichen hier keine breite Masse. Als Verfasser eher seichter Information setze ich mich mit jedem Kommentar und jeder Meinung darüber mit Sicherheit in die Nesseln, behalte hier also beides für mich. Viel erstaunlicher finde ich auch überhaupt die Wirkung, die diese starke Zensur auf das Kommunikationsverhalten der chinesischen Internetnutzer hat.

Erst einmal die Mediennutzung überhaupt: die ganze Welt spricht über soziale Netzwerke, China nutzt sie. Intensiv. Allem Anschein nach verkommt Facebook ja nach und nach zu einem Hort der Nichtigkeiten und Sozialneid-Selfies, der von jüngeren Nutzern immer häufiger ignoriert wird. In China werden soziale Netzwerke sehr viel intensiver genutzt und haben größere Bedeutung – sie sind der verlässlichste und oft einzige Weg authentische Informationen zu erhalten und werden dementsprechend häufig und gerne genutzt. Laut einer Studie von McKinsey, nutzen hier 91% der Internetnutzer soziale Netzwerke. Selbst im Mutterland von Facebook, den USA, kommt man auf vergleichsweise magere 67%.

Lustigerweise sorgt nun gerade die immens starke Zensur für unfassbaren Erfindungsreichtum, diese zu umgehen. Da ist sie nun also, die so dringend benötigte Innovationskraft. Jeden Tag entstehen neue, teils wunderbar doppelsinnige oder kreative Umschreibungen um Kommentare abzugeben, die der Zensur wahrscheinlich zum Opfer fallen würden. Einer meiner Lieblinge dabei ist: die Sojasauce.

Ein Guangzhouer Fernsehsender hatte sich auf den Weg gemacht, um auf der Straße Stimmen einzufangen zu einem kürzlichen Skandal. Einer der Passanten weigerte sich, dazu Stellung zu nehmen mit den Worten „Was hat das mit mir zu tun? Ich war nur auf der Straße um Sojasauce zu kaufen!“ Seitdem ist sowohl on- als auch offline „Sojasauce kaufen“ (打酱油 – dǎ jiàngyóu) DIE Antwort um klarzustellen, dass man mit etwas nichts zu tun haben will. No comment.

Da_jiangyou

Gleichzeitig macht sich die Netzgemeinde auf diesem Weg lustig über den Nationalen Volkskongress und seine 3000 Mitglieder, die regelmäßig Gesetzesentwürfe mit erstaunlichen 99% Zustimmung durchwinken. Laut Chinas Netizens sind es „Sojasaucen-Abgeordnete“ – Zuschauer ohne Meinung und ohne Beitrag.

Ich gehe mal los, um Sojasauce kaufen.