China’s Internet – der grösste Mikrokosmos des Planeten.


Seit 5000 Jahren macht China so ziemlich alles anders. Konsequenterweise sind die Erfinder von Papier, Druck, Schwarzpulver und Kompass auch in Sachen Internet einen sehr eigenen Weg gegangen. Was 1980 als Experiment des chinesischen Eisenbahnministeriums begann, ist heute die größte Internetpopulation des Planeten.

Knappe 600 Millionen Nutzer bewegen sich in einem digitalen Riesenreich, das mit dem Rest der Welt recht wenig zu tun hat. Einzigartig, vielfältig, abgeschirmt, riesig. Quasi das digitale Äquivalent zu den Galapagos Inseln – im Megaformat. Ähnlich wie auf Darwins Lieblingsinseln finden sich auch in Chinas Internet weltweit einzigartige Wesen – vielleicht mit dem großen Unterschied, dass Finken keinen nennenswerten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben.

Im Westen beschränkt sich die Diskussion über das Internet in China ja gerne mal auf das Thema Zensur. Natürlich hat die „Große Firewall“ einen immensen Einfluss auf die Netzlandschaft im Reich der Mitte – viel interessanter ist aber eigentlich, wie hiesige Denk- und Verhaltensweisen eine ganz besondere Netzkultur haben entstehen lassen. Dabei scheint Vieles dessen, was in Chinas digitaler Welt geschieht, jedes Klischee und Vorurteil zu stützen. Scheint.

Wer hat’s erfunden…aber wer hat’s verbessert?

Zugegeben, mit kreativen Eigenentwicklungen hat es China noch immer nicht so sehr. Trotz intensivster Bemühungen der Regierung die Innovationsfähigkeit des Landes zu verbessern, zieht das Reich der Mitte gegen Silicon Valley noch immer den Kürzeren. Viele der Angebote hier sind erst mal Kopien erfolgreicher Player aus dem Westen. Baidu ist Google, Taobao ist eBay, WeChat ist Whatsapp und Weibo ist so etwas wie das uneheliche Kind von Facebook und Twitter.

Die eigentliche Überraschung aber ist: Die Kopien sind wirklich besser als die Originale. Um Längen. Während Whatsapp im Grunde ein bisschen aufgehübschte SMS-Nachrichten sind, ist WeChat (Weixin) eine mobile Applikation, die das Sinnvollste aus verschiedenen Bereichen kombiniert: Nachrichten, Konferenzen, Flirtplattform, Fotosharing, VoiceChat, sozialer Hangout. Das Schweizer Taschenmesser sozialer Netzwerke.

Dass Gleiche gilt für Taobao, Chinas Online-Einkaufstempel Nummer Eins. Natürlich ist eBay mittlerweile deutlich mehr als nur der einfachste Weg die Wohnung zu entrümpeln und bei Amazon kann man mittlerweile neben Büchern auch prima Kühlschränke und Kettensägen bestellen. Im Vergleich zu Taobao verkommen jedoch beide zu digitalen Tante-Emma-Läden. 760 Millionen Produkte. Ein beinahe unendliches Angebot, gepaart mit Chinas einmalig günstiger Lieferungsinfrastruktur, machen sogar den Kauf eines Bechers Joghurt im Internet nicht ganz abwegig (ich habe es selbst häufig beobachten dürfen). Es gibt nichts, wirklich nichts, was man auf Taobao nicht bekommen würde.

Ich selbst z.B. habe dort übrigens meinen Weihnachtsbaum bestellt. Nur vier Stunden nach Klick stand die Tanne im Wohnzimmer. Leider ist Geschwindigkeit nicht das einzige Qualitätsmerkmal – er sah eher aus wie post-apokalyptischer Grabschmuck als stolze Nordmanntanne.

Die kreativen Kinder der Internetzensur.

Natürlich wird China abgeschottet vom Rest der Welt. Kritische Kommentare oder ungewollte Meldungen erreichen hier keine breite Masse. Als Verfasser eher seichter Information setze ich mich mit jedem Kommentar und jeder Meinung darüber mit Sicherheit in die Nesseln, behalte hier also beides für mich. Viel erstaunlicher finde ich auch überhaupt die Wirkung, die diese starke Zensur auf das Kommunikationsverhalten der chinesischen Internetnutzer hat.

Erst einmal die Mediennutzung überhaupt: die ganze Welt spricht über soziale Netzwerke, China nutzt sie. Intensiv. Allem Anschein nach verkommt Facebook ja nach und nach zu einem Hort der Nichtigkeiten und Sozialneid-Selfies, der von jüngeren Nutzern immer häufiger ignoriert wird. In China werden soziale Netzwerke sehr viel intensiver genutzt und haben größere Bedeutung – sie sind der verlässlichste und oft einzige Weg authentische Informationen zu erhalten und werden dementsprechend häufig und gerne genutzt. Laut einer Studie von McKinsey, nutzen hier 91% der Internetnutzer soziale Netzwerke. Selbst im Mutterland von Facebook, den USA, kommt man auf vergleichsweise magere 67%.

Lustigerweise sorgt nun gerade die immens starke Zensur für unfassbaren Erfindungsreichtum, diese zu umgehen. Da ist sie nun also, die so dringend benötigte Innovationskraft. Jeden Tag entstehen neue, teils wunderbar doppelsinnige oder kreative Umschreibungen um Kommentare abzugeben, die der Zensur wahrscheinlich zum Opfer fallen würden. Einer meiner Lieblinge dabei ist: die Sojasauce.

Ein Guangzhouer Fernsehsender hatte sich auf den Weg gemacht, um auf der Straße Stimmen einzufangen zu einem kürzlichen Skandal. Einer der Passanten weigerte sich, dazu Stellung zu nehmen mit den Worten „Was hat das mit mir zu tun? Ich war nur auf der Straße um Sojasauce zu kaufen!“ Seitdem ist sowohl on- als auch offline „Sojasauce kaufen“ (打酱油 – dǎ jiàngyóu) DIE Antwort um klarzustellen, dass man mit etwas nichts zu tun haben will. No comment.

Da_jiangyou

Gleichzeitig macht sich die Netzgemeinde auf diesem Weg lustig über den Nationalen Volkskongress und seine 3000 Mitglieder, die regelmäßig Gesetzesentwürfe mit erstaunlichen 99% Zustimmung durchwinken. Laut Chinas Netizens sind es „Sojasaucen-Abgeordnete“ – Zuschauer ohne Meinung und ohne Beitrag.

Ich gehe mal los, um Sojasauce kaufen.

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